Wahlserie: «Kirchen sollen ohne Berührungsängste an den politischen Debatten teilnehmen»

Sollen sich die Kirchen in den Wahlkampf einmischen? Ja, nein, es ist kompliziert – die Antworten zu dieser und anderen Fragen von Ruth Lengacher, Duncan Guggenbühl, Matthias Zeindler, Thomas Bär und Peter Merz im letzten Teil der Wahlserie.

Am 20. Oktober sind Schweizerinnen und Schweizer aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Ruth Lengacher, Mitglied im Kleinen Kirchenrat der Gesamtkirchgemeinde Thun

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Dass mehr Menschen mit Weitblick gewählt werden, die sich nicht Eigeninteresse, Karriere und Erfolg auf die Fahne schreiben. Politische Polarisierung und Einzelinteressen blockieren wichtige anstehende Reformprojekte.

Was sind die heissesten Eisen, die das neue Parlament anpacken muss?
Der nachhaltige und respektvolle Umgang mit unserer Natur und den Ressourcen, die Altersvorsorge und die Gesundheitskosten sowie religiöse Gewalt und Menschenhandel. Warum? Weil Werte wie Vertrauen, Hoffnung, Verantwortung, Selbstbeschränkung, Genügsamkeit und Glaubwürdigkeit wieder zählen müssen – ein wertschätzendes Miteinander in die Zukunft schützt und stützt unsere Gesellschaft.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Sie sollen mutig zu unseren christlichen Werten stehen. Wichtig ist dabei, die Freiheit des Gegenübers zu respektieren und den Rahmen des Schweizer Rechts zu akzeptieren.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
Wahlplakat: «Wir sind jung und brauchen die Zukunft» (Junge GLP).
Wahlslogan: «Für den Nächsten. Dafür setzen wir uns ein» und «Seit 100 Jahren mit Leidenschaft für Mensch und Umwelt» (EVP).

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
Schlagworte – und vor allem auch Angriffe auf die Person. Hinzu kam das mediale Nichtbeachten von Kandidierenden aus kleinen Parteien.

 

Duncan Guggenbühl, Kandidat für die Kirchenpflege der Stadt Zürich

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Eine hohe Stimmbeteiligung von allen Generationen, vor allem auch von jungen Erwachsenen.

Welche Themen der neuen Legislatur werden für die Kirche besonders relevant sein?
Die Klimapolitik, denn die Kirche sollte versuchen, hier die Themenführerschaft zu übernehmen.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Aktiv, aber nur bei Themen, die für die Kirche relevant sind.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
«When nothing goes right, vote left.» Von den Jungen Grünen.

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
Dass sich die meisten Politiker einfach dem Zeitgeist anpassen und keine eigenständige Meinung vertreten. Ein gutes Beispiel dafür ist das momentan aktuellste Thema, der Klimaschutz. Viele Kandidaten sprechen sich scheinbar dafür aus, setzen es aber nicht um.

 

Matthias Zeindler, Leiter Bereich Theologie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Nicht sehr viel, da Wahlen in der Schweiz wenig ändern. Das System von Parlament und direkter Demokratie sorgt dafür, dass Wahlgewinne stets korrigiert werden. Die Erfahrung der letzten Legislaturen zeigt, dass in der Schweiz kein politisches Lager «durchregieren» kann.

Welche Themen der neuen Legislatur werden für die Kirche besonders relevant sein?
Die grossen Fragen der Gesellschaft sind auch die Fragen der Kirchen. Unser Auftrag besteht darin, diese in den Horizont der Verheissung Christi zu stellen: Dass diese Welt von einem gerechten Gott erschaffen ist und deshalb nicht verloren geht.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Die Unterscheidung von Sach- und Parteipolitik halte ich für künstlich. Wenn es um Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung geht, sollen die Kirchen ohne Berührungsängste an den politischen Debatten teilnehmen.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
Ich muss gestehen, dass ich Wahlwerbung weitgehend ignoriere. Meine Meinung über Parteien bilde ich mir aufgrund ihres politischen Handelns zwischen den Wahlen. Aus diesem Grund wähle ich seit über 30 Jahren fast immer dieselbe Partei.

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
Die Verzweiflung, mit der die SVP die Klimakrise zu leugnen versucht. Plötzlich glaubt man dieser Partei ihr Allzeitthema Migration nicht mehr.

 

Thomas Bär, Mitglied des Zuger Kirchenrats (Ressort Ökumene)

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Dass sich die gewählten Personen für die Bewohner einsetzen, um Armut und Arbeitslosigkeit zu verhindern. Sie sollten sich ausserdem dem demografischen Wandel bewusst sein, der grosse Herausforderungen für die Zukunft mit sich bringt.

Was sind die heissesten Eisen, die das neue Parlament anpacken muss?
Vernetztes Denken zur Lösungsfindung ist von elementarer Bedeutung. Nur so sind die heutigen und zukünftigen Herausforderungen zu meistern. Diese Erwartung darf man an ein Parlament stellen.

Welche Themen werden für die Kirche besonders relevant sein?
Überalterung der Bevölkerung, Sicherung der Lebensgrundlagen, Erhalt von Arbeitsplätzen, um das Auskommen von Erwerbstätigen sichern zu können.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Überhaupt nicht, da sieht die Bundesverfassung klare Grenzen vor. Bei kirchlich relevanten Themen kann man die Wählenden animieren, sich zu bestimmten Themen intensivere Gedanken zu machen, um sich eine Meinung zu bilden und dies mit seiner Stimme kund zu tun.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
Zu Wahlplakaten und Wahlslogans Stellung zu nehmen widerspricht der Bundesverfassung und der Stimm- und Wahlfreiheit jedes Einzelnen. Hier würde man Einfluss nehmen, was nicht statthaft wäre.

 

Peter Merz, Direktor des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks)

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Ein junges Parlament. Dabei denke ich nicht nur an das Alter, sondern vor allem an die Ideen. Die Welt verändert sich, wird immer vernetzter. Ein junges Parlament hat davor keine Angst, denn es versteht die Schweiz als Teil einer solidarischen Weltgemeinschaft. Aus dieser Perspektive lautet die zentrale Frage nicht «Wie schliessen wir die Grenzen effizient?», sondern «Wie gestalten wir eine gerechte internationale Zusammenarbeit?» oder «Wie bewahren wir eine gesunde Erde, ein gesundes Klima?»

Was sind die heissesten Eisen, die das neue Parlament anpacken muss?
Im Moment gibt es viele brennende Themen: Zuvorderst natürlich die Aufgabe, Netto-Null so schnell als möglich zu erreichen. Auch die Konzernverantwortungsinitiative ist ein Geschäft von grosser Bedeutung.  Und in der Flüchtlings- und Migrationspolitik muss die Schweiz mehr Verantwortung wahrnehmen: Es braucht eine solidarische, realistische und zukunftsgerichtete Auseinandersetzung mit der globalen Migration und mehr legale Zugangswege für Menschen auf der Flucht.

Welche Themen werden für die Kirche besonders relevant sein?
Die Kirche hat noch immer eine Mobilisierungskraft, die weit über den Kirchturm hinausgeht. Entscheidend wird sein, diese Kraft zu bewahren und gezielt einzusetzen. Was die Themenwahl angeht, so finde ich es wichtig und richtig, dass die besondere Solidarität der Kirche nach wie vor den Schwächsten gilt, also von Armut betroffenen Menschen, verfolgten, geflüchteten und papierlosen Menschen – auch über die Schweizer Grenze hinaus.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Die Kirche wie auch das Heks sollen sich nicht für einzelne Parteien engagieren, wohl aber für Themen. In unserer täglichen Arbeit lernen wir Menschen kennen, die durch alle sozialstaatlichen Netze fallen. Dadurch erfahren wir, wo strukturelle Lücken in Gesetzgebungen oder im sozialen System bestehen. Diese an die Politik zurück zu spiegeln, notfalls auch mit der nötigen Vehemenz, erachte ich als unsere Pflicht.

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
Ist der Wahlkampf per se nicht meistens ein Tiefpunkt? Ich hoffe, ab Dezember 2019 geht es in der politischen Debatte wieder weniger um kurzfristige Parteipolitik und mehr um das tatsächliche Erarbeiten von nachhaltigen Sachlösungen.