Wahlserie: «Parteipolitik ist kein Tummelplatz für kirchliche Organisationen»

Welche politischen Themen sind für die Kirche besonders relevant und inwiefern sollte sie sich in den aktuellen Wahlkampf einmischen? Im zweiten Teil der Serie zu den eidgenössischen Wahlen geht es unter anderem um Randregionen, CO2-Emissionen und Debattenkultur.

Am 20. Oktober sind Schweizerinnen und Schweizer aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. (Bild: Keystone/Dominic Favre)

Brigitte Becker, Pfarrerin im Zürcher Industriequartier

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Dass sich Menschen wählen lassen, die mehr sehen als ihre partikularen oder nur nationalen Interessen. Ich glaube, es ist Zeit, über alle Grenzen hinaus auch verantwortlich für die Welt und die Ressourcen der Erde zu handeln.

Was sind die heissesten Eisen, die das neue Parlament anpacken muss?
Klima, Klima, Klima, weil keine Zeit mehr bleibt. Dann die Frage, wer die Care-Arbeit macht, weil das eine zentrale Frage nach der Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft ist. Und die Möglichkeit der Beteiligung an Politik, unabhängig von nationaler Zugehörigkeit. Weil mitbestimmende Menschen gestaltende Menschen sind. Ich selbst bin Deutsche, seit über zehn Jahren im Land und kann nicht selbst wählen, aber Steuern zahlen. Dazu kommen noch tausend mehr drängende Fragen. Viel Arbeit wartet, echte Umgestaltungsarbeit.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Für mich als Deutsche ist selbstverständlich, dass Kirche auch etwas zu politischen Themen sagt, sich aber nicht auf parteipolitische Positionen festlegt. Will sagen – keine Wahlkampfpolitik, aber Meinung und eine offene Form, die Überlegungen auch darzubieten. Ich wünschte mir da wirklich eine grössere Unverkrampftheit auch in der Schweiz. Es wird ja niemand ideologisch beeinflusst, wenn ein Kirchenratspräsident etwas sagt – immerhin bekommt er aus seinen eigenen Reihen immer ausreichend Gegenmeinungen.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
Es ist mir kein einziger eingefallen. Punkt.

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
Tiefpunkte sind da, wo Wahlkampf Menschenschicksale gegeneinander ausspielt, also zum Beispiel die Armen hier gegen die Armen auf den Schiffen. Da beginnt für mich menschenverachtende Politik.

 

Christoph Reutlinger, Pfarrer in Tschlin (GR)

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Zwei Kammern, die konstruktiv für das Wohl der Menschen in der ganzen Schweiz (ja, auch für die alpinen und ländlichen Regionen) arbeiten und keine ideologische Politik betreiben.

Was sind die heissesten Eisen, die das neue Parlament anpacken muss?
Umweltthemen, die Finanzierung des Gesundheitssystems, Altersvorsorge, Familienpolitik, Sicherheitspolitik, Schweiz und Europa – die Palette ist breit und bekannt. Was allen gemein ist: Sie betreffen in hohem Ausmass die Jungen und die zukünftigen Generationen.

Welche Themen werden für die Kirche besonders relevant sein
Grundsätzlich ist der Christenmensch reformierter Prägung politisch engagiert, insofern sind für «die Kirche» (zu der alle Mitglieder gehören) auch alle Themen relevant. Natürlich gibt es Anliegen, die uns näher sind: Einsatz für Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung und ein besonderes Augenmerk für Menschen, die an den Rändern der Gesellschaft stehen.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Wenn auch die christliche Botschaft politisch ist, ist Parteipolitik kein Tummelplatz für kirchliche Organisationen (und ihre Vertreter). Hingegen dürfen die Kirchen durchaus auf die gerechte Vertretung von Frauen und Männern oder diejenige von sprachlichen Minderheiten jenseits von Parteipolitik einstehen.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
Tuot quels chi sun scrits per Rumantsch!

 

Rija Saurer, Konfirmandin aus Winterthur

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Parlamentswahlen?
Mehr Frauen im Parlament und natürlich dringend mehr Klimaschutz! Ich hoffe auch, dass im Parlament Personen sitzen werden, die sich für die Gleichberechtigung aller einsetzen.

Was sind die heissesten Eisen, die das neue Parlament anpacken muss?
Als erstes die Klimakrise. So wie es momentan ist, kann es auf keinen Fall weitergehen. Die CO2-Emissionen sind enorm hoch und müssen nun so schnell wie möglich sinken. Ebenfalls wichtig finde ich die Gleichstellung von Frauen und Männern, wie auch die Elternzeit.

Welche Themen werden für die Kirche besonders relevant sein?
Da die Kirche meiner Meinung nach Teil der Gesellschaft ist, sind für die Kirche alle Themen relevant. Jedoch finde ich das Thema soziale Gerechtigkeit ziemlich wichtig für die Kirchen.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter sollen sich gar nicht in den Wahlkampf einbringen. Die Kirche soll für alle offen sein, egal ob links, rechts oder unparteiisch.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
«Für alle statt für wenige», da auch der Kampf für soziale Gerechtigkeit dringender denn je ist.

 

Peter Ruch, Weltwoche-Kolumnist und Pfarrer im Ruhestand

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Mehr liberale und weniger staatsgläubige Kräfte im Parlament. Die Staatsquote ist deutlich zu hoch, wenn auch tiefer als in Frankreich. Mehr Männer und Frauen, die mit den Füssen bis zum Boden reichen, anstatt bloss zu schwimmen. Weniger Medienaufmerksamkeit, damit die Volksvertreter über die Belange unseres Landes gründlicher nachdenken können. Also mehr Ruhe und weniger Aufregung.

Was sind die heissesten Eisen, die das neue Parlament anpacken muss?
Die AHV ins Gleichgewicht bringen, weil sonst mittelfristig Armut droht. Das heisst geringere Renten oder höheres Pensionsalter oder beides. Den Umwandlungssatz bei den Pensionskassen flexibilisieren, um die jüngeren Generationen nicht zu benachteiligen. Die SBB nicht weiter ausbauen, um den Unterhalt auch langfristig zu gewährleisten. Beim Gesundheitswesen falsche Anreize beseitigen, um die Übernutzung zu senken. Und die Landesverteidigung den Bedrohungen von heute und möglichst von morgen anpassen.

Welche Themen werden für die Kirche besonders relevant sein?
Öffentlich-rechtliche Anerkennung, Kirchensteuern juristischer Personen, die früher oder später wohl abgeschafft werden. Dazu selbstkritische Wachsamkeit: Die Kirche hat gegenwärtig im Schnitt eher zu viel Geld. Ihre Dienste muss sie auch mit weniger Mitteln erbringen können.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Jedes Gemeindeglied darf seine Überzeugung durch Publikation oder Kandidatur sowie Parteizugehörigkeit zum Ausdruck bringen. Die Kirchenbehörden sollen sich zurückhalten, um die Kirche nicht zu vereinnahmen.

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
Den Wahlkampf im Detail zu verfolgen, lohnt sich nicht. Es wäre ein Missverhältnis zwischen Zeitaufwand und Meinungsbildung. Ich lese Papiere der verschiedenen Parteien sowie Zeitungsartikel. Über diese musste ich mich nicht gross ärgern.

 

Samuel Hug, Pfarrer der Metalchurch (BE)

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Dass möglichst viele Personen ins Parlament gewählt werden, die ein feines Gewissen haben, die ehrlich kommunizieren und glaubwürdig vorangehen. Personen, die das Wohl des grossen Ganzen im Blick haben und keine Klientelpolitik betreiben, die achtsam gegenüber Minderheiten jedweder Couleur sind und unterschiedliche Meinungen aushalten.

Was sind die heissesten Eisen, die das neue Parlament anpacken muss?
Ein heisses Eisen ist sicher die moralische Verantwortung bei unserem Wirtschaften, etwa bei der Konzernverantwortungsinitiative. Heiss darum, weil ein ethisch begründeter Verzicht uns alle etwas kosten wird. Was ist uns wichtiger? Wohlstand oder Gerechtigkeit? Auf Basis der Bibel ist für mich Letzteres klar höher zu gewichten.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Ich begrüsse es sehr, wenn wir als Kirche unsere Mitglieder ermutigen, ihr Bürgerrecht und ihre -pflicht wahrzunehmen, und sie dabei für eine bewusste, reflektierte Wahl sensibilisieren. Ich finde es aber unlauter, wenn kirchliche Organisationen oder Vertreter Parteien einseitig empfehlen oder abschreiben. Ein in Verantwortung vor Gott gelebtes Leben kann sich in unterschiedlichen politischen Haltungen zeigen. Die biblische Botschaft hat allen realpolitischen Haltungen gegenüber einen kritischen Stachel.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
Mir gefällt dieses Jahr die Selbstironie auf den BDP-Plakaten, wie zum Beispiel «Andere bewirtschaften Ängste, wir bewirtschaften den Kompromiss.»

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
Wie begegnen wir Andersdenkenden? Echte Toleranz würde heissen, wo nötig pointiert und kritisch dagegenzuhalten, gleichzeitig aber andere Meinungen auszuhalten, nicht zu diffamieren und niederzuschreien. Darum musste ich nicht nur beim Würmerplakat leer schlucken, sondern auch bei linken und liberalen Kräften sehe ich Gedankengut, das letztlich totalitäre Züge hat.