Wahlserie: «Mehr Frauen, mehr Klimaschutz!»

Was erhoffen sich Menschen aus der Kirche von den eidgenössischen Wahlen? Der Start in die neue Serie mit den Antworten von Bruno Bader, Heinz Fäh, Stephan Jütte, Evelyne Baumberger und Gabriela Allemann.

Am 20. Oktober sind Schweizerinnen und Schweizer aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

In rund einem Monat wählt die Schweiz ein neues Parlament. ref.ch hat 20 Menschen aus der Kirche gefragt, was sie sich von diesem Ereignis erhoffen und welche Themen in der neuen Legislatur dringend angepackt werden müssen. Immer zu Wochenbeginn werden die Antworten von 5 Personen veröffentlicht.

Teil 1 der Serie startet mit Frauenrechten, einem Wurmplakat sowie einem blauen Wolf und grüner Kreide.

 

Stephan Jütte, Leiter der Mittel- und Hochschularbeit bei der Zürcher Landeskirche

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Parlamentswahlen?
Eine hohe Wahlbeteiligung der Generationen X, Y, Z.

Was sind die heissesten Eisen, die das Parlament anpacken muss?
Das Verhältnis zu Europa in den Themen Migration, Handel, Bildung und Ökologie. In all diesen Aufgabenfeldern zeigt sich, dass Nationalstaaten nicht mehr alleine handlungsfähig sind.

Welche Themen werden für die Kirche besonders relevant sein?
Die Konzernverantwortungs-Initiative, die juristische Personen als moralische Subjekte verpflichtet. Die Ehe für alle und damit die Chance, die gutbürgerliche Ehe in die nächsten 100 Jahre hinüber zu retten. Und zuletzt die Sanierung der Altersvorsorge – besonders für Menschen, die Teilzeit arbeiten.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
Spontan fällt mir die BDP ein: «BDP – langweilig, aber gut.» Wählen werde ich sie trotzdem nicht.

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
Die werde ich nicht nennen. Weil es Teil der Strategie dieser Partei ist, mit Tiefpunkten Aufwind zu bekommen.

 

Evelyne Baumberger, Theologiestudentin und EVP-Nationalratskandidatin (SG)

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Mehr Frauen, mehr Klimaschutz – für beides ist es höchste Zeit!

Was sind die heissesten Eisen, die das neue Parlament anpacken muss?
Gleichstellung von Frauen und Männern (vor allem Vereinbarkeit von Beruf und Familie – und zwar für Mütter und Väter) und eine 180°-Wende im Umgang mit der Umwelt.

Welche Themen werden für die Kirche besonders relevant sein?
Viele! Zum Beispiel das Leben geflüchteter Menschen in der Schweiz – beziehungsweise ihr Sterben im Mittelmeer. In Deutschland hat die Evangelische Kirche soeben beschlossen, ein Rettungsschiff zu kaufen. Diese humanitäre Massnahme wäre nicht nötig, wenn es auf politischer Ebene eine pragmatische Lösung gäbe, damit Menschen in ihrem Heimatland oder in einem sicheren Drittstaat Asyl beantragen können.

Das Wirtschaftswachstum und seine Auswirkungen auf Menschen in Schwellenländern, das Klima und die Arbeitsrealität in der Schweiz wäre ein anderer relevanter Fragenkomplex.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Kirche sollte niemals Parteipolitik betreiben, jedoch anhand der von Jesus Christus gelehrten Werte durchaus politisch Position beziehen.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
«Gemeinsam für eine gerechtere Zukunft» – dieser Slogan meines Kommilitonen Tobias Adam (*jevp ZH) gefällt mir gut!

 

Heinz Fäh, Pfarrer in Rapperswil-Jona und Mitglied des
St. Galler Kirchenrats

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Ein Parlament, das die anstehenden Herausforderungen mutig, konfliktfähig und lösungsorientiert angeht.

Welche Themen der neuen Legislatur werden für die Kirche besonders relevant sein?
Die Kirchen sollen sich dort äussern, wo es um die Rechte und die Würde von Minderheiten und der schwächeren Mitglieder unserer Gesellschaft geht. Die Bewahrung der Schöpfung muss auch für die Kirchen zu einem prioritären Thema werden. Zudem haben die Kirchen darauf hinzuweisen, dass unsere Verantwortung nicht an der Landesgrenze aufhört.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Ich halte nichts von kirchlich getriebener Parteipolitik. Die Kirchen sollen sich bei Sachthemen einbringen, aber keine Wahlempfehlungen aussprechen.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
Wahlen sind Versprechens-Börsen. Als «Polit-Realo» lasse ich mich von diesem Markt der lächelnden Köpfe und der markigen Sprüche wenig beeindrucken. Ein echtes Statement setzt die BDP: «Langweilig, aber gut». Besonderen Wortwitz zeigt Christina Bachmann-Roth mit ihrem Slogan für einen CVP-Sitz: «Bald kommen meine Tage». Die Universallösung verspricht wie gewohnt die SP: «Für alle statt für wenige».

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
Bedenklich geschichtsvergessen zeigt sich die SVP mit ihrem Wurmplakat: Die anderen als Ungeziefer – das hatten wir doch schon mal! Unglaubwürdig erscheint das hellgrüne Bäumchen der hellblauen FDP – da hat der Wolf wohl grüne Kreide gefressen.

 

Bruno Bader, Pfarrer in der Kirchgemeinde Saanen-Gsteig (BE)

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Ich werde Politikerinnen und Politiker wählen, die willens und in der Lage sind, Kompromisse zu schliessen. Und ich hoffe, dass das viele andere auch tun.

Was sind die heissesten Eisen, die das Parlament anpacken muss?
Politik gestaltet das Zusammenleben von Menschen. Dieses ist in der Schweiz derzeit von zwei Unsicherheiten beeinträchtigt: der Zukunft der Sozialwerke und den Beziehungen zur Europäischen Union. Das neue Parlament wird Lösungen für diese beiden Probleme finden müssen.

Welche Themen werden für die Kirche besonders relevant sein?
Die Kirche und ihre Mitglieder sind Teil der Gesellschaft und kennen deshalb keine eigenen Themen.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Gar nicht – es sei denn als Privatpersonen.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
Ich halte die Plakate und Werbesprüche sämtlicher Parteien für einfallslos. Die beste Wahlempfehlung verdanke ich meiner Kollegin. Die erinnerte im Gottesdienst an die Verantwortung der «Christengemeinde» für die «Bürgergemeinde» und rief die Gemeinde dazu auf, zur Wahl zu gehen.

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
Kandidatinnen, die keinerlei Neigung zu Zugeständnissen und Entgegenkommen zeigen, und Kandidaten, die nicht zuhören, sondern schreien.

 

Gabriela Allemann, Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Dass danach mehr Frauen – und auch Männer – im Parlament sitzen, für die die Gleichheit aller Menschen zentral ist und die wissen, dass es nur eine Erde gibt und wir Sorge zu ihr tragen müssen.

Was sind die heissesten Eisen, die das neue Parlament anpacken muss?
Erstens die Klima-Krise – fünf vor zwölf ist bereits vorbei und es müssen in Zusammenarbeit mit anderen Staaten Lösungen gefunden werden, die uns dem Ziel, die Emissionen massiv zu verringern, schnell näher bringen. Zweitens die Elternzeit – da werden entscheidende Weichen gestellt für die Gleichstellung im Erwerbsbereich und damit bei der Altersversorge. Ausserdem geht es dabei um Rollenbilder und die Frage, wie wir die unterschiedlichen Arten von Arbeit gestalten und honorieren wollen: Care-Arbeit, Erwerbs-Arbeit, Freiwilligen-Arbeit.

Hinzu kommt für mich die Schere zwischen Arm und Reich – hier und weltweit – sowie das Thema Flüchtlinge. Die Schweiz soll sich dafür einsetzen, dass Menschen, die flüchten mussten vor Gewalt, Hunger und Krieg, menschenwürdig behandelt werden und den nötigen Schutz erhalten.

Welche Themen werden für die Kirche besonders relevant sein?
Da ich davon ausgehe, dass die Kirchen Teil der Gesellschaft sind, sind alle Themen für sie relevant. Durch ihre Parteinahme für die Schwachen sind Fragen der sozialen Gerechtigkeit entscheidend.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Kirchliche und religiöse Organisationen stehen mitten in der Gesellschaft und existieren nicht losgelöst davon. Sie sollen sich mit ihren Haltungen und Werten einbringen und die Bürgerinnen und Bürger ermutigen, wählen zu gehen, um so am demokratischen Prozess teilzunehmen und die Gesellschaft mit zu gestalten.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
Mir gefallen verschiedene Slogans, die von einem Thema ausgehen, zum Beispiel nach wie vor «Für alle statt für wenige», aber auch «Unser Klima. Deine Wahl».

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
Das Wurm-Plakat der SVP zeigte auf verstörende Weise, von welchem Demokratieverständnis die Partei ausgeht.