Wahlserie: «Ich habe die Hoffnung auf eine todlangweilige ‹Arena› noch nicht aufgegeben»

Welche Erwartungen haben Menschen aus der Kirche an die eidgenössischen Parlamentarier? Teil 3 der Wahlserie über politischen Stil, religiös überhöhte Versprechungen und die grosse Errungenschaft, überhaupt wählen zu können.

Am 20. Oktober sind Schweizerinnen und Schweizer aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. (Bild: Keystone/Salvatore Di Nolfi)

Barbara Oberholzer, Pfarrerin am Universitätsspital Zürich

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Als Mitglied der SP natürlich einen Linksrutsch! Klima- und Umweltschutz, Gleichstellung, sozialer Ausgleich – diese Themen sind bei den linken Parteien schon laaaaange auf der Agenda.

Welche Themen werden für die Kirche besonders relevant sein?
Steuerliche Veränderungen, die die juristischen Personen betreffen. Und Sozialabbau in jeder Form. Eine Verschärfung des sozialen Klimas schlägt sich rasch nieder in der Seelsorge, der Sozialdiakonie, den kirchlichen Beratungsstellen.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Parteipolitik zu betreiben bleibt für mich Sache von Privatpersonen. Auf diesen Status haben auch kirchliche Vertreterinnen ein Anrecht. Die Kirche hätte gestützt auf das Evangelium aber viel zu sagen zu Themen wie soziale Gerechtigkeit, Schutz der vulnerablen Mitglieder der Gesellschaft, Achtung allen Lebens. Dabei denke ich besonders auch an Tiere.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
«Für alle, statt für wenige» find ich sehr ok. Ebenso: «Unruhe bewahren» der Alternativen Liste. Einer der schönsten Sätze steht übrigens immer noch in der Präambel zu unserer Bundesverfassung: «Dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohle der Schwachen.»

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
All die Klimaleugner, die plötzlich aus ihren Löchern gekrochen kamen. Und dass die SVP in Sachen Wahlkampf offenbar die PR-Firma noch immer nicht gewechselt hat.

 

Paul Bernhard Rothen, Pfarrer in Hundwil (AR)

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Nichts. Der Spielraum demokratisch legitimierter Politiker ist klein. Wir haben mit unserer Gesetzgebung ja dafür gesorgt und wollen das so! Die Aufgabe der Gewählten wird wieder sein, Kompromisse zu finden für das, was durch Verbote und durch Steuern und Abgaben unser Zusammenleben lenkt. Ich bin dankbar, dass viele das mit einem nüchternen Sinn und beharrlichem Einsatz zu tun versuchen. Doch Grund zum Hoffen kann das nicht geben. Grund zur Hoffnung schafft nur das Evangelium, das überall unter uns Menschen Zukunftsweisendes wirkt wie Gottvertrauen, Freude an der Wahrheit, Gestaltungskraft, beharrliche Liebe und Opfermut.

Welche Themen werden für die Kirche besonders relevant sein?
Ob die Politiker die Grenzen ihrer Macht erkennen und nicht übergriffig mit totalitären Ideen aus dem Staat eine moralische Heilsanstalt machen mit dogmatisch korrekter Sprache, vom Amt für Gesundheit verordneten Bekenntnissen und liturgisch überhöhten Staatsfeiern.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Aus dem oben Gesagten folgt: Allgemein dort, wo Politiker religiös Überhöhtes versprechen, und im Speziellen dort, wo Gesetze zur Diskussion stehen, die über das hinausgreifen, was sich innerhalb der Grenzen der Vernunft beurteilen lässt (zum Beispiel pränatale Diagnostik oder aktive Sterbehilfe).

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
Die BDP mit ihrem Bekenntnis zur Langeweile umschreibt das Wesen schweizerischer Politik so lustvoll und treffend, dass ich mich frage, ob es tatsächlich so gut um uns steht, dass die Politiker dieser Partei (und die aller anderen) diese Aussage verstanden haben und sich zu Herzen nehmen wollen.

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
Die vielen allzu strahlenden und darum unglaubwürdigen Selbstdarstellungen. Unser Volk scheint nicht mehr bereit zu sein, ganz gewöhnliche, fehlerhafte und in manchem ratlose Menschen mit den anspruchsvollen politischen Aufgaben zu betrauen.

 

Heidi Holenweg, Finance Officer bei der Swiss Church in London

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Eine hohe Wahlbeteiligung. In anderen Ländern sterben Menschen im Kampf um das Recht, die Politik aktiv beeinflussen zu können. Für sie ist es nicht nachvollziehbar, dass man sich nicht über Politik informiert und von seinem Recht, die eigenen Volksvertreterinnen zu wählen, Gebrauch macht. Die Suffragettenbewegung im angelsächsischen Raum anfangs des 20. Jahrhunderts, die Frauenbewegung in der Schweiz und die heutigen Proteste in Hongkong sind sinnbildlich für den Willen der Menschen, mitreden zu wollen. Wahlberechtigte, dazu gehören auch Auslandschweizer, sind in einer politisch privilegierten Situation. Dieser Umstand fusst auf der Säule der direkten Demokratie. Diese Möglichkeit ist einzigartig.

Was sind die heissesten Eisen, die das neue Parlament anpacken muss?
Es ist höchste Zeit für die Gleichstellung von Frau und Mann in allen Lebensbereichen. Bildung für alle und zügigere beziehungsweise unkomplizierte Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
In Bezug auf Bildung/Schule: Es sind alle durchgefallen!

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
Die waren schon sehr früh erreicht. Zum einen war dies das Plakat der SVP und zum anderen die CVP, die Kandidierende anderer Parteien über das Internet angriff, indem sie deren Argumente diskreditierte und die Userinnen auf die Profile der eigenen Kandidierenden führte.

 

Tobias Zehnder, Pfarrer in Krauchthal (BE)

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Weniger Politzirkus, mehr Sachpolitik. Überparteilicher Kompromiss statt Selbstinszenierung und Schuldzuweisung. Ich habe die Hoffnung auf eine todlangweilige «Arena», in der die Politiker sachlich diskutieren und einander sogar ausreden lassen, noch nicht ganz aufgegeben. Und wer weiss, vielleicht nimmt sich mancher Polteri am Stammtisch oder im Internet daran ein Vorbild.

Was sind die heissesten Eisen, die das neue Parlament anpacken muss?
Der Klimawandel und die Flüchtlingsfrage. Die Themen sind eng verknüpft und lassen sich nicht mehr länger vertagen. Das zeigen die weltweiten Klimademos unzähliger Jugendlicher auf der einen und der politische Rechtsrutsch in manchen Fluchtländern auf der anderen Seite. Hier nützt keine prestigeträchtige Pflästerli-Politik, wenn zeitgleich die Schweizer Wirtschaft mit bundesrätlicher Rückendeckung weltweit auf unmenschlichen Hochtouren läuft.

Welche Themen werden für die Kirche besonders relevant sein?
Welche nicht? Eine Kirche, die Gott nachfolgt, muss wohl oder übel den Umweg über diese Erde machen. Und auch jesuanische Reden wie die Bergpredigt sind meines Wissens für diese Welt und nicht irgendeine danach gedacht. Wenn wir die Möglichkeit haben, etwas auf dieser Welt zum Besseren zu wenden, warum sollten wir das nicht tun? Ansonsten – und davor behüte Gott – laufen wir am Ende noch Gefahr, als Kirche den Bezug zum echten Leben zu verlieren.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
Vor kurzem stiess ich in den sozialen Medien auf ein Bild des Bundeshauses. Darunter stand: «Für die einen eine Showbühne. Für uns ein stiller Arbeitsplatz.» Genau mein Humor.

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
Wenn Menschen bloss wegen der medialen Aufmerksamkeit mit Parasiten verglichen werden, dann ist für mich eine rote Linie überschritten. Das ist eine tiefbraune Symbolik, die sich direkt und ziemlich unverhohlen beim Nationalsozialismus bedient. Egal ob aus Unwissenheit oder zur reinen Provokation: Wer zu solchen Mitteln greift, ist in meinen Augen für eine demokratische Regierung ungeeignet.

 

Andrea Trümpy, Kirchgemeinderätin in Glarus und Vorstandsmitglied bei Mission 21 sowie den Reformierten Medien*

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Wahlen?
Dass fähige Leute, die eine Ahnung von und Erfahrung in der Politik haben, in unsere Parlamente gewählt werden. Die Anforderungen an unsere Vertreter in Bern sind sehr hoch.

Was sind die heissesten Eisen, die das neue Parlament anpacken muss?
Die Europafrage, die Ehe für alle und (ganz egoistisch) beim Strassenbauprogramm der Anschluss des Kantons Glarus an das Nationalstrassennetz, damit Glarus Süd und seine Unternehmen nicht zur Schlafregion verbrummt werden. Wir wollen nicht ewig vertröstet werden.

Welche Themen werden für die Kirche besonders relevant sein?
Die Ehe für alle.

Wie aktiv sollen sich kirchliche Organisationen und kirchliche Vertreter in den Wahlkampf einmischen?
Ich bin nicht dafür, dass sich kirchliche Organisationen, und schon gar nicht kirchliche Vertreter, in den Wahlkampf einmischen! Wir haben weiss Gott andere und dringendere Aufgaben.

Was ist das beste Wahlplakat oder der beste Wahlslogan?
«Langweilig, aber gut», nicht aus Chauvinismus, aber den finde ich wirklich gut.

Was waren für Sie Tiefpunkte im Wahlkampf?
Dass es Kandidaten gibt, die von Politik keine Ahnung haben und somit die nötige Achtung vor einem solchen Amt vermissen lassen.

 

* die Reformierten Medien betreiben das Portal ref.ch und geben das Magazin bref heraus.