Christen in Syrien
«Alle tun so, als hätten sie keine Angst»
Priester Yohanna Shehadeh sitzt im Habit in seinem schummrigen Büro im Keller der Mar-Elias-Kirche in Damaskus. Mar bedeutet im Arabischen «heiliger Herr» und wird als Ehrentitel für Heilige verwendet — das Gotteshaus ist dem Propheten Elias gewidmet.
Eine Etage über dem Priester befindet sich der Sakralraum der Kirche. Noch immer sind dort nicht alle Fliesen verlegt, auf dem Boden steht Baugerät, aus der Decke ragen Plastikrohre. Bis heute trauert die Gemeinde um mindestens 22 Menschen. Sie wurden am 22. Juni dieses Jahres während des Gebets von einer Bombe zerfetzt — wie auch die Kirche. Dieses Weihnachtsfest werde besonders sein, sagt der 40-jährige Geistliche. «Es ist das erste nach dem tragischen Vorfall».
Das Selbstmordattentat eines mutmasslichen IS-Anhängers in der Mar Elisa-Kirche ist kein Einzelfall. Seit dem Sturz des Assad-Regimes vor einem Jahr wird Syrien immer wieder von Gewalt erschüttert. Oft trifft es religiöse Minderheiten — Hunderte Alawiten und Drusen wurden in diesem Jahr bei Massakern getötet.
Nach dem Anschlag in der Mar-Elias-Kirche fehle nun das Gefühl der Sicherheit, sagt Shehadeh. Doch «alle versuchen so zu tun, als hätten sie keine Angst». Während in Damaskus die Angst den Alltag prägt, gibt es einen Ort, an dem Versöhnung zum Programm geworden ist.
Ein Ort der Versöhnung und Begegnung
Rund 80 Kilometer nördlich der syrischen Hauptstadt lässt ein Taxi die letzte Kleinstadt hinter sich und folgt einer verlassenen Strasse durch die Wüste. Nach einer halbstündigen Fahrt versperrt ein Metalltor den Weg — jetzt geht es nur noch zu Fuss weiter. Hunderte von steinernen Stufen winden sich den Berg hinauf. Am Ende des Aufstiegs ragen die Türme des Klosters Dair Mar Musa al-Habaschi aus dem schroffen Fels empor. Schon im 6. Jahrhundert sollen sich Christen in dieser kargen Gegend niedergelassen haben.
In der Kirche sitzen die etwa 20 Gemeindemitglieder im Kerzenschein auf dem Fussboden. «Unsere Kirche ist wie eine Moschee mit Teppichen ausgelegt, die Schuhe bleiben draussen», sagt die Nonne Friederike Gräf. Auch das Gebet ähnle dem der Muslime — die Gläubigen stehen aufrecht und werfen sich anschliessend vor Gott auf die Knie. Zwar ist das Kloster offiziell katholisch, aber unter den Gemeindemitgliedern befinden sich auch Orthodoxe und Protestanten.
Die Anlehnung an muslimische Bräuche hängt mit der jüngeren Geschichte von Mar Musa zusammen: In den 1980ern restaurierte der italienische Jesuitenpater Paolo Dall'Oglio die damals verkommenen und verlassenen Ruinen. Das Kloster sollte fortan einem weiteren Zweck dienen: dem Austausch zwischen Christen und Muslimen. Der Priester und studierte Islamwissenschafter machte es sich zur Lebensaufgabe, die Gräben zwischen den Religionsgruppen in Syrien zu überwinden.
Der vom IS entführte Priester
Als 2012 der syrische Bürgerkrieg ausbrach, geriet dieses Projekt in Gefahr. Rivalisierende Rebellengruppen lehnten sich gegen den Langzeit-Diktator Baschar al-Assad auf — darunter auch radikalislamistische Gruppen, die sich später den Namen «Islamischer Staat» (IS) geben sollten. Trotz dem blutigen Chaos in Syrien gab der Priester Dall’Oglio nicht auf. 2013 fuhr der Priester nach Rakka, die künftige Hauptstadt des kurzlebigen IS-Kalifats. Es war eine Reise, von der der Geistliche nicht mehr zurückkehren sollte.
Laut Gräf hatte sich Dall’Oglio in die rund 500 Kilometer entfernte Stadt begeben, um die Freilassung von Menschen zu erwirken, die von der Terrororganisation entführt wurden. Der Mut des Jesuiten sollte nicht belohnt werden: Er geriet selbst in die Fänge der Salafisten, wurde verschleppt — und vermutlich ermordet. «Paolo kann es nicht mit seinem christlichen Glauben vereinbaren, nicht zu handeln», sagt Gräf. «Das hat ihm wahrscheinlich sein Leben gekostet.»
Friederike Gräf ist erst kurz vor Weihnachten nach Mar Musa zurückgekehrt. Doch die Verbindungen der Deutschen mit dem Kloster gehen bis ins Jahr 2008 zurück. Damals sah sie während Meditationen vor ihrem inneren Auge ein Kloster in der Wüste. Nach einer Weile führte sie ihre Eingebung nach Mar Musa — sie schritt zum ersten Mal die Stufen zu dem Gotteshaus in der syrischen Wüste hinauf.
Die ehemalige Schauspielerin und Physiotherapeutin kam als Besucherin, entschloss sich jedoch nach kurzer Zeit Nonne zu werden. Ihr Noviziat wurde durch den Ausbruch des Kriegs 2011 erschüttert und Gräf lebte fortan in einem mit Mar Musa verbrüderten Kloster im Irak. Nun ist sie zurück.
Trotz des tragischen Endes des früheren Abtes Paolo Dall’Oglio hält die Nonne bis heute am Gedanken der Koexistenz fest. Nach dem Sturz Assads sei diese Vision sogar noch wichtiger. «Es geht darum, den Schmerz des Anderen anzuerkennen», sagt die grauhaarige Frau über die Übergangszeit nach dem Fall des Regimes, die bis heute andauert. Gelänge dies den Syrerinnen und Syrer nicht, wären die Folgen gravierend: «Mit dieser Abschottung wird das Land untergehen.»
Der Abt mit Verständnis für Muslime
Die Mönche und Nonnen in Mar Musa wollen genau diese Zerspaltung verhindern: Christen sollen mit der muslimischen Mehrheitsgesellschaft im Austausch bleiben. Sie laden beispielsweise unterschiedliche Konfessionsgruppen zu Friedenskonferenzen ein. Zuletzt ehrte die Gemeinschaft die im Krieg Vermissten, indem sie deren Familien einlud, Bäume zu pflanzen und die Namen der mutmasslichen Opfer auf Holzplaketten zu verewigen.
Vor dem Krieg waren rund zehn Prozent der Bevölkerung Christen — doch etwa 80 Prozent von ihnen wanderten später aus. «Die Angst der Christen basiert auf Missverständnissen gegenüber den anderen. Sie ignorieren den Islam, sie kennen ihn nicht, sie verallgemeinern und sind islamfeindlich», sagt der heutige Abt von Mar Musa, Jihad Youssef. Der Nachfolger von Paolo Dall’Oglio kam als 19-Jähriger in das Kloster, im Jahr 2021 wurde er von der Gemeinde zum Abt gewählt.
«Wenn wir mit unseren tiefsten Wunden umgehen können, wenn wir auf die anderen zugehen und ihnen zuhören, dann können wir ein neues Syrien schaffen,» sagt Youssef in seinem Büro über der Kirche. Mit seiner Hand spielt er die Perlen der islamischen Gebetskette — einer Misbaha — hin und her. Sie habe seinem Vater gehört, auch Christen würden die Misbaha benutzen, erklärt er.
Die vollgestellte Kammer unter Holzbalken und hinter Steinwänden heizt der Abt mit einem alten Ölofen — Youssefs graues Macbook auf seinem Schreibtisch wirkt wie ein Fremdkörper. Zwar beherberge das Land viele religiöse Gruppe, doch das Vertrauen unter ihnen sei gering. Alawiten, Christen und Muslime hätten im Alltag wenig miteinander zu tun und stünden sich skeptisch gegenüber. Die Minderheiten misstrauten zudem der HTS-Regierung, so der Priester.
«Alle Syrer wurden vom Assad-Regime unterdrückt — jede Konfession», betont der Priester. «Aber diejenigen, die am meisten gelitten haben, waren überwiegend Sunniten». Jihad Youssef zeigt Verständnis für seine muslimischen Mitbürger, die rund 70 Prozent der syrischen Bevölkerung stellen: «Viele von ihnen wollen Gerechtigkeit, finden jedoch keine.»
«Wie damals Jerusalem müssen wir Syrien aufbauen»
Jetzt hat mit Ahmed al-Sharra ein sunnitischer Islamist die Macht in Syrien übernommen. Einige Sunniten haben laut Youssef das Bedürfnis nach Rache, wie während der Massaker an den mehrheitlich alawitischen Küstenbewohnern im März deutlich wurde. Doch es hätte noch viel schlimmer kommen können, glaubt Youssef. «Christen sind zwar gefährdet, aber wir werden nicht gezielt angegriffen. Würde das passieren, wären wir schon längst ausgerottet worden.»
Es ist dunkel geworden in Mar Musa. In der mit bunten Fresken verzierten Kirche, die teilweise bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen, sitzt Jihad Youssef im Schneidersitz auf dem Teppichboden vor einer aufgeschlagenen Bibel. Im Kerzenschein lauscht der Priester den Rezitationen eines Gemeindemitglieds. Der alte Mann liest mit tiefer Stimme aus dem Alten Testament. Rhythmisch fallen unzählige Namen von Menschen, die Jerusalems Stadtmauern wiederaufbauten. Jihad Youssef reibt sich die erschöpften Augen und senkt seinen Blick. «So wie diese unzähligen Helfer damals Jerusalem aufbauten, müssen wir Syrien aufbauen», murmelt er in seinen Bart.
Weiter im Süden, in der Mar-Elias-Kirche in Damaskus, sind die Bauarbeiten noch nicht abgeschlossen. Noch immer sind die Spuren der Explosion sichtbar. Auf dem Kirchhof liegt ein metallener Tannenbaum. Am vierten Advent soll er aufgestellt werden. Geschmückt ist er in diesem Jahr mit den Fotos der 22 Opfer des Terrorangriffs.