Umsturz in Syrien
«Wir hoffen das Beste – aber das Schlimmste ist möglich»
Herr Tronc, nach einigen Wochen der Ruhe sind die Kämpfe nun wieder ausgebrochen. Droht ein neuer Krieg?
Emmanuel Tronc: Es ist noch zu früh, um zu wissen, was als Nächstes passieren wird. Die Kämpfe destabilisieren den ohnehin schon äusserst fragilen Status quo in Syrien erheblich. Die «Ruhe», von der Sie sprechen, war bereits sehr relativ. In den letzten Monaten kam es zu erheblichen Konfrontationen im Nordosten, zu sporadischen Zusammenstössen im Zentrum des Landes, einer Zunahme der Kriminalität und vereinzelten Fällen von Rachemorden. Im Süden finden immer noch massive israelische Angriffe statt und in einem drusischen Stadtviertel von Damaskus gibt es Spannungen. Doch was seit letztem Donnerstag passiert ist, unterscheidet sich von dem, was wir in den letzten Jahren erlebt haben. Zum ersten Mal spiegeln sich konfessionelle Spaltungen in einem solchen Ausmass von Gewalt wider. Andererseits kann die überraschende Einigung zwischen den Behörden in Damaskus und den Vertretern des von Kurden geführten militärischen Bündnisses Demokratische Kräfte Syriens (SDF) am 10. März als positive Entwicklung im Hinblick auf die Stabilisierung und Einheit des Landes gewertet werden.
Wer sind die Gruppen, die sich gegenseitig bekämpfen?
Im Hinblick auf die Situation in den Küstengebieten ist es derzeit schwierig, alle beteiligten Akteure offiziell zu benennen, da die Situation unklar bleibt. Insgesamt ist festzustellen, dass mit der früheren Regierung verbundene bewaffnete Gruppen mehrere koordinierte Operationen gegen die Sicherheitskräfte der neuen Behörden in den Gouvernements Latakia und Tartus durchgeführt haben. Um die «Ordnung wiederherzustellen», wurde Verstärkung entsandt, ergänzt durch bewaffnete Milizen aus anderen Teilen des Landes, darunter auch eine beträchtliche Anzahl ausländischer Kämpfer dschihadistischer Gruppen. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen, unter denen die alawitische Zivilbevölkerung schwer litt. Inzwischen bemühen sich die Sicherheitskräfte offiziell um die Befriedung des Gebiets. Sie sollen die «Überbleibsel des früheren Regimes» neutralisieren und die Ausschreitungen der radikalen Milizen beenden.
Welche Auswirkungen haben die Kämpfe auf die Lage in Syrien?
Die Zahl der Verluste ist inakzeptabel, insbesondere die erschreckend hohe Zahl der getöteten Zivilisten. Die meisten zivilen Opfer gehören der alawitischen Minderheit an, derselben Gemeinschaft wie der ehemalige Präsident.
Emmanuel Tronc ist Landesdirektor des Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks) in Syrien. Sein Arbeitsplatz befindet sich in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Das Heks setzt sich dafür ein, dass die syrische Bevölkerung leichter Zugang zu Trinkwasser hat. Es hat auch Bäckereien gebaut und verfolgt das langfristige Ziel, Infrastrukturen und Bildungseinrichtungen aufzubauen.
Die Projekte des Heks sind aktuell pausiert. Die Lage ist unsicher seit den Kämpfen in der nordwestlichen Provinz Lakatia zwischen Anhängern des ehemaligen Machthabers Bashar al-Assad und Kräften der islamistischen Übergangsregierung. Innert zwei Tagen wurden dabei laut Zahlen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte 1000 Menschen getötet. Die Zusammenstösse forderten vor allem zivile Opfer: 745 Unbewaffnete verloren ihr Leben. (dst)
Wodurch sind die Angriffe motiviert?
Die Massaker werden aus konfessionellen Gründen begangen und stellen die sehr zerbrechliche Hoffnung in Frage, dass im künftigen Syrien die Minderheiten nicht von den radikalsten Teilen der Kräfte, die im Dezember 2024 die Kontrolle übernommen haben, an den Rand gedrängt – wenn nicht gar ins Visier genommen – werden.
Von aussen betrachtet sah es so aus, als würde das Milizen-Bündnis HTS eine Übergangsregierung bilden und sich in Syrien langsam eine neue Staatsstruktur herausbilden. Wie beurteilen Sie dies?
Seit dem 8. Dezember 2024 hat die neue Führung des Landes ihre Bemühungen verstärkt, die syrische Bevölkerung und die internationale Gemeinschaft davon zu überzeugen, dass sie ein stabilisierender Faktor für die Region und tolerant ist. Sie bemühte sich, die Ängste im Zusammenhang mit dem islamistischen Hintergrund der HTS zu zerstreuen.
Welche konkreten Auswirkungen werden die Kämpfe in naher Zukunft haben?
In den letzten Tagen haben die erschreckenden Bilder und Berichte aus dem Küstengebiet die eben genannten Bemühungen untergraben. Die Fähigkeit der neuen Behörden, ihre Verpflichtungen zu erfüllen, ist ernsthaft in Frage gestellt. Dies könnte sich auch auf das vorsichtige Vertrauen auswirken, das langsam mit internationalen Akteuren aufgebaut wird, und könnte einige Normalisierungsprozesse verzögern.
Es hat den Anschein, dass sich der Konflikt derzeit auf den Nordwesten des Landes beschränkt. Wie gross ist Ihrer Meinung nach die Gefahr, dass er sich ausweitet?
Die Reaktion der regionalen Akteure und der westlichen Länder wird entscheidend sein, um die mittelfristigen Folgen und ihre Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit der neuen Behörden auf der internationalen Bühne abzuschätzen. Sie wird höchstwahrscheinlich das Engagement von Damaskus für einen ehrlichen und transparenten Untersuchungsprozess beeinflussen, der die Spannungen und die Angst der Minderheiten verringern wird. Ohne eine scharfe Verurteilung dieser Vorfälle und ohne konkrete Korrekturmassnahmen wird die Tür für weitere Ausschreitungen offenbleiben, auch in anderen Landesteilen und gegen andere Minderheiten.
Was würde das für die Arbeit des Heks in Syrien bedeuten?
Die Heks-Aktivitäten sind in den betroffenen Gebieten bereits vorübergehend eingestellt. Unsere Teams wurden an sicherere Orte verlegt. Wir verringern damit auch die Gefährdung der Hilfsbedürftigen und der Lieferanten, die mit uns zusammenarbeiten. Eine Ausweitung der Zusammenstösse könnte zudem unsere Fähigkeit beeinträchtigen, die Bedürfnisse der Menschen, die wir mit unseren Projekten unterstützen, zu erfassen. Je nach Ausmass der Auseinandersetzungen könnte der ohnehin schon riesige Bedarf an humanitärer Hilfe noch erheblich steigen. Wir alle hoffen das Beste für Syrien, aber diese dramatischen Ereignisse zeigen, dass auch das Schlimmste noch möglich ist.
Das Interview wurde schriftlich geführt.