Fachkräftemangel in der Reformierten Kirche

«Es droht ein Dammbruch»

Schnellbleiche oder Befreiungsschlag? Das Konkordat prüft eine deutlich vereinfachte Ausbildung für Hochschulabsolventen, um schnell vakante reformierte Pfarrstellen besetzen zu können. Die Situation ist paradox und eine Reaktion auf freikirchliche Begehrlichkeiten.
Der Pfarrmangel ist akut und in der Not droht eine Reduktion der fachlichen Anforderungen an die Pfarrpersonen. Um den Pfarrberuf vor Schaden zu bewahren, prüft das Kirchenkonkordat einen Notfallplan. (Bild: Gaëtan Bally)

Herr Schaufelberger, Akademiker ab 55 Jahren sollen nach einem Aufnahmegespräch und einem Assessment ein dreimonatiges Einstiegsmodul absolvieren und dann im reformierten Pfarramt tätig werden können. Das Konkordat nennt es einen Notfallplan, doch es klingt nach Schnellbleiche.
Die Menschen, die diesen Weg absolvieren, werden nicht ordiniert und sie bekommen auch nicht den Titel «Pfarrer» oder «Pfarrerin». Intern nennen wir sie «Plan P»-Leute. In Deutschland gab es in den 1970er-Jahren ein vergleichbares Konzept und dort bezeichnete man sie als «Pfarrverwalter». Ich halte das für stimmig. Sie verwalten die Stelle, die sonst vakant wäre, und gewährleisten, dass Kasualien oder Unterricht stattfinden können.

Aber es schwächt doch Ihre Bemühungen, Theologiestudium und Pfarrberuf attraktiver zu machen, wenn man so leicht auf die Kanzel kommen kann.
Es ist eine paradoxe Situation, eigentlich stärken wir den Beruf durch diese Massnahme. Denn so kann verhindert werden, dass Kirchgemeinden und Kantonalkirchen in ihrer Not Wildwuchs zulassen und alle möglichen – auch ungeeigneten – Menschen unbegleitet anstellen. Der «Plan P» wird vermutlich auf maximal zehn Jahre notwendig sein. Die Personen werden nicht gewählt, sondern in einem normalen Anstellungsverhältnis beschäftigt und sie erhalten 80 Prozent des Lohns einer Pfarrperson mit Theologiestudium. So konkurrenziert «Plan P» nicht unsere Bemühungen um eine Steigerung der Attraktivität des Pfarrberufs und des Theologiestudiums. Diese Bemühungen müssen parallel dazu unbedingt weitergehen.

Sie sprechen von einem Wildwuchs. Was meinen Sie damit?
Gerade in der Peripherie gibt es viele Pfarrstellen, die zum Teil schon lange vakant sind. Schreiben Pfarrwahlkommissionen diese Stellen aus, melden sich keine ausgebildeten Theologinnen oder Theologen. Wir wissen, dass sich dort aber Leute bewerben, die nicht über die erforderliche Ausbildung verfügen. Im Gespräch mit der Pfarrwahlkommission treten sie manchmal überzeugend auf. Immer wieder beantragen die Kommissionen bei der kantonalen Kirchenleitung, solche Bewerber einzusetzen – auch aus Mangel an Alternativen. Wenn aus der Synode ebenfalls der Anspruch kommt, solche Personen einzustellen – und damit die hohen Standards zu senken – wird der Druck auf die Kirchenleitung extrem.

Mit Blick nach vorne

Thomas Schaufelberger ist Pfarrer, Leiter Kirchenentwicklung bei der Zürcher Landeskirche und Leiter der Arbeitsstelle A+W – Aus- und Weiterbildung der reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer. (dst)

Und dem können sie nicht standhalten?
Wir sehen die Gefahr, dass in den kommenden Jahren Kirchenleitungen einknicken und die Standards bezüglich akademischer und praktischer Ausbildung senken werden. Das würde zu einem Flickenteppich in der Schweiz führen. Wenn nicht in jeder reformierten Landeskirche dieselben Anforderungen gelten, schadet das der Attraktivität des Pfarrberufs.

Wer sind die nicht-ausgebildeten Bewerber, die Zugang zur Landeskirche suchen?
Es handelt sich vor allem um Personen aus freikirchlichen Kreisen. Manche sind missionarisch motiviert und wollen Entwicklungshilfe für die Landeskirche leisten. Andere wollen die Reputation der Landeskirche nutzen, um einen grösseren Wirkungskreis zu erhalten. Für manche ist auch das Finanzielle ein Anreiz, wenn sie bei ihrer Freikirche schlecht bezahlt sind. Wir wissen auch von Menschen, die durch Erfahrungen in ihrem Leben theologisch nicht mehr in ihre Freikirche passen und deshalb wechseln wollen. Solche Bewerber haben eine Bibelschule hinter sich und eine theologische Grundausbildung absolviert. Pfarrwahlkommissionen können schlecht einschätzen, was eine solche Person wirklich kann.

Der Notfallplan soll nur in einer «akuten Mangellage» aktiviert werden können. Wann ist die erreicht?
Das werden wir im Detail noch festlegen müssen. Stimmen die 19 Konkordatskirchen dem «Plan P» zu, wird eine Rechtsgrundlage erarbeitet. Damit ist nicht gesagt, dass der Notfallplan gleich umgesetzt wird. Es ist mit Blick auf die Zukunft gut, so eine Möglichkeit zu haben. Wenn das Konkordat sieht, dass zu viele Vakanzen bestehen, kann es die Mangellage ausrufen. Dann wird der Notfallplan aktiviert. Das Konkordat kann ihn jederzeit stoppen, sobald die Vakanzen ein gesundes Mass erreicht haben. Wir gehen davon aus, dass bis 2035 aufgrund des Mitgliederrückgangs weniger Pfarrstellen nötig sind und sich die Lage entspannt.

Hand aufs Herz: «Plan P»-Leute wären für die Landeskirchen «de Foifer und s Weggli». Wer eignet sich dafür?
Es gibt tolle Leute, die gut ausgebildet sind und sich wünschen, in Kirche und Verkündung zu arbeiten. Das weiss ich aus vielen Gesprächen mit Quest-Interessenten, die wir wegen ihres zu hohen Alters ablehnen mussten. Es handelt sich häufig um Geisteswissenschaftler wie Psychologen, Historiker oder Philosophen. Manche kommen auch aus der Kunst – Theater, Schauspiel, Film oder Musik. Heute gibt es verschiedene Berufsbiographien und für manche ist es anziehend, für fünf bis zehn Jahre vor der Pensionierung nochmals etwas ganz Anderes zu arbeiten.

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