Begleitung bis zum Tod
Wie gehen reformierte Pfarrpersonen mit assistiertem Suizid in der Seelsorge um? Antworten auf diese Frage gibt eine neue Studie der Universität Zürich, die nationalen Pilotcharakter hat (siehe Kasten). Es sei wichtig, dass Pfarrerinnen zu diesem strittigen Thema eine Haltung entwickelten, sagen die Studienautoren Michael Coors und Sebastian Farr von der Universität Zürich auf Anfrage von ref.ch.
Pfarrpersonen seien vor allem gefragt, wenn es darum gehe, Trauerfeiern zu begleiten oder Angehörige von Suizidwilligen zu unterstützen. Auch in der Entscheidungsphase seien sie häufig involviert. Der assistierte Suizid sei «kein Randphänomen» mehr, sagt Farr. Die meisten Pfarrpersonen hätten schon einmal ein Seelsorgegespräch dazu geführt. «Sie müssen sprachfähig sein, wenn es an der Kirchentür plötzlich heisst: <Wie denken Sie darüber>?»
Meinungsänderung möglich
Grundsätzlich stünden Pfarrpersonen der Möglichkeit des assistierten Suizids etwas zurückhaltender gegenüber als der Durchschnitt der Bevölkerung, sagt Michael Coors. Nur knapp ein Viertel der Befragten ziehe assistierten Suizid für sich selbst als Möglichkeit in Betracht, etwa die Hälfte ist der Ansicht, dass jeder Mensch ein Recht habe, sich selbst zu töten. Fast drei Viertel der Pfarrpersonen würde trotzdem Seelsorge leisten für Menschen, die einen assistierten Suizid erwägen. Fast alle Befragten (97 Prozent) würden Angehörige seelsorgerlich begleiten. «Das zeigt die moralische Ambivalenz des Themas», sagt Coors.
Viele Pfarrpersonen sehen es als ihre Aufgabe an, Suizidwilligen im Gespräch Perspektiven zum Weiterleben aufzuzeigen. Etwa ein Drittel gab an, auf eine Meinungsänderung hinzuwirken, also zu versuchen, die suizidwillige Person umzustimmen. Die Forscher führen das darauf zurück, dass die biblische Tradition dem menschlichen Leben einen hohen Stellenwert beimisst. «Das macht jede Entscheidung zur Tötung, auch zur Selbsttötung, schwierig», sagt Coors.
Seelsorge solle immer einen Raum dafür schaffen, Dinge ergebnisoffen zu erörtern und Entscheidungen zwar kritisch zu hinterfragen, sie aber grundsätzlich zu respektieren, sagt Farr. Voraussetzung dafür sei eine Reflexion auch über die eigene Haltung. «Je unbewusster ich mich äussere, desto übergriffiger bin ich möglicherweise.» Klar ist für die Forscher: Pfarrpersonen dürfen Seelsorge im Umfeld von assistiertem Suizid auch ablehnen, sollten dann aber eine Kollegin oder einen Kollegen vermitteln.
Aktuell sind in der Schweiz etwa zwei Prozent aller Todesfälle assistierte Suizide, Tendenz steigend. Der Fragebogen von Michael Coors und Sebastian Farr ist vergangenes Jahr an deutschsprachige reformierte Kantonalkirchen verschickt worden. Neun von 16 Kirchen erklärten sich bereit, die Umfrage an Pfarrpersonen weiterzuleiten. Insgesamt sind 1558 Pfarrpersonen erreicht worden. 429 Seelsorgende aus Kirchgemeinden oder dem Gesundheitswesen im Alter zwischen 20 bis 89 Jahren haben die Fragen beantwortet, was einer Rücklaufquote von knapp dreissig Prozent entspricht.
Ziel der repräsentativen Befragung war es, Daten zu sammeln über die Häufigkeit und die Art der Begleitung durch Seelsorgende im Umfeld von assistiertem Suizid. Zudem sollten auch grundlegende Daten zu den moralischen Einstellungen der Pfarrpersonen gesammelt werden. Die reformierte Zürcher Landeskirche hat die Studie mitfinanziert, eine wissenschaftliche Publikation ist für Herbst in Arbeit.
Michael Coors ist seit 2019 Professor für theologische Ethik an der Theologischen und Religionswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich und leitet dort das Institut für Sozialethik. Sebastian Farr ist seit 2019 Assistent am Institut für Sozialethik. (jow)
Pfarrpersonen unterstützen
Zurückhaltend sind die Pfarrpersonen mit der Begleitung vor allem, wenn es darum geht, Suizidwilligen im Moment des Suizids beizustehen. Etwas weniger als die Hälfte aller Befragten (40%) gab in der Studie an, den Suizid per se als Widerspruch zum christlichen Glauben zu betrachten. Zwei Drittel geben an, die Bibel beeinflusse ihre Haltung zu dieser Frage. Wieso einige Befragten (38%) meinen, die Bibel biete «ausreichend Gründe» für eine Beurteilung des Themas, erschliesst sich den Forschern nicht.
In der Bibel werde zwar über Suizid berichtet, dieser werde aber nie direkt bewertet, sagt Michael Coors. Auch in Predigten sei Suizid kaum ein Thema, sagt Sebastian Farr. «Das ist schade.» Er wünscht sich einen mutigeren, offeneren Umgang und eine Enttabuisierung des Suizides. «Wir als Pfarrpersonen sollten offen mit dem Thema umgehen – unabhängig davon, ob wir die Entscheidung, das Leben so zu beenden, gutheissen oder nicht.»
Laut Studie fühlen sich die meisten Pfarrpersonen von ihren Kantonalkirchen ausreichend unterstützt. Einige Kantonalkirchen haben Leitfäden veröffentlicht, auch an Pfarrkonventen wird das Thema breit besprochen, wie Sebastian Farr sagt. Die Pfarrerinnen und Pfarrer dürfen von ihrer Kantonalkirche nicht allein gelassen werden. «Bei einem emotionalen Thema wie diesem brauchen sie möglicherweise zusätzliche Unterstützung wie ein Coaching», sagt Farr.
Die Forscher könnten sich mittelfristig vorstellen, in einem zweiten Schritt eine qualitative Studie durchzuführen. Damit könnten Gründe erfragt werden, die den Antworten zugrunde liegen: Etwa weshalb Pfarrpersonen Suizidwillige in den Tod begleiten oder warum sie eine seelsorgerliche Sterbebegleitung ablehnen würden.