«Die Kirche begrüsst nicht plötzlich den assistierten Suizid»

Das Positionspapier des Synodalrats der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn zu assistiertem Suizid polarisiert. Eine Tagung dazu wirft die Frage auf, ob diese Haltung theologisch vertretbar sei. Theologe Matthias Zeindler, Mitautor des Papiers und Leiter Bereich Theologie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, nimmt Stellung.

«Die Schärfe der Kritik hat mich überrascht»: Theologe Matthias Zeindler (Bild: zvg)

Herr Zeindler, warum sollen Pfarrerinnen und Pfarrer Menschen, die sich selber töten wollen, seelsorgerisch begleiten?
Man kann die Frage auch umkehren. Warum sollte die Kirche Menschen in dieser Situation ihre Begleitung verweigern? Für die kirchliche Seelsorge steht der leidende Mensch im Zentrum. Sie macht ihren Beistand nicht von seiner Gesinnung abhängig. Das gilt auch bei assistiertem Suizid.

Das Positionspapier Solidarität bis zum Ende polarisiert seit der Veröffentlichung. Kürzlich wurde kritisiert, dass das Prinzip der bedingungslosen Solidarität theologisch-ethisch nicht haltbar sei. Nun findet dazu eine Tagung statt. Offenbar gibt es viel Erklärungsbedarf.
Es freut mich, dass der Pfarrverein diese Tagung durchführt. Es wäre merkwürdig, wenn es in der reformierten Kirche keine Kontroverse bei diesem zentralen Thema gäbe. Die Rückmeldungen waren allerdings bisher merheitlich positiv, besonders von Spital- und Heimseelsorgerinnen. Auch andere Landeskirchen zeigten Interesse, dieses Papier unter ihrer Pfarrschaft zu verbreiten.

Auch die Tagung wirft die Frage auf, ob diese Position theologisch vertretbar sei. Was ist Ihre Antwort darauf?
Ich halte es für gut argumentiert und theologisch tragfähig. Es gibt der biblisch-theologischen Begründung viel Raum. Wichtig ist vor allem, dass der assistierte Suizid für den christlichen Glauben nie eine Option unter vielen sein kann, sondern immer nur der äusserste Notfall. Theologisch gilt eindeutig die Option für das Leben.

Haben Sie mit der Kritik gerechnet?
Ja, aber die Schärfe hat mich überrascht. Vor allem am Anfang. Seither läuft die Diskussion aber respektvoll.

Warum haben einige Pfarrer Probleme mit der bedingungslosen Solidarität?
Möglicherweise wird missverstanden, was mit dem Begriff gemeint ist. Wenn damit von den Seelsorgern verlangt würde, dass sie verpflichtet sind, auf jedes Bedürfnis ihres Gegenübers einzugehen, dann hätte ich damit auch Probleme. Gemeint ist aber, dass seelsorgerliche Begleitung keine Komplizenschaft bedeutet. Diese Aussage empfinden viele Pfarrerinnen und Pfarrer als entlastend. Das Papier unterstreicht zudem, dass eine Begleitung immer ein freier Gewissensentscheid der Seelsorgerin und des Seelsorgers ist.

Einige Seelsorger befürchteten, man zwinge sie dazu, das Ordinationsgelübde zu brechen, das sie zum Einsatz für Notleidende verpflichtet.
Die Kritiker sind der Meinung, dass durch die Position des Synodalrates alte und kranke Menschen nun unter noch stärkeren Druck geraten, sich umzubringen. Das Papier geht aber davon aus, dass die Situation sehr komplex ist, dass also die Sterbewilligen und ihre Angehörigen, aber auch medizinisches Personal und die gesamte Gesellschaft Notleidende sein können. Das macht Entscheidungen in diesem Feld derart schwierig.

Das Positionspapier ist also keine Vorschrift, sondern in ihren Augen eine Empfehlung der Kirchenleitung. Warum nehmen dies gewisse Pfarrpersonen anders wahr?
Wir haben eigentlich ziemlich klar beschrieben, dass der Synodalrat den Pfarrerinnen und Pfarrern die persönliche Entscheidung nicht abnehmen kann und will. Die Missverständnisse mögen damit zu tun haben, dass wir als Reformierte wenig Erfahrung haben mit solchen Positionspapieren. In der römisch-katholischen Kirche sind bischöfliche Weisungen stets verbindlich. Bei den Reformierten ist die Kirchenleitung nur eine Stimme im Gespräch. Das Papier ist eine Diskussionsgrundlage.

Wie kam die Position des Synodalrates zustande?
An die theologische Fachkomission der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn wurde 2015 der Wunsch aus einem Pfarrkollegium herangetragen, eine Handreichung für die Seelsorge im Zusammenhang mit assistiertem Suizid zu erstellen. Für eine kleine Broschüre war das Thema aber zu gross. Daher entstand das Buch Assistierter Suizid und kirchliches Handeln. Darauf erteilte der Synodalrat der Fachkommission den Auftrag, dazu eine Position zu entwerfen und ihm vorzulegen. Die Waadtländer Kirche verabschiedete eine solche bereits 2016.

Auf welche theologisch-ethischen Grundlagen stützte sich der Synodalrat?
Eigentlich auf eine klassische theologische Begründungslinie. Wichtig sind der Vorrang des Lebens, die Menschenwürde, die Unterscheidung zwischen Option und Grenzfall und dass die Selbstbestimmung eines Menschen nicht der alleinige Gesichtspunkt in Fragen um den assistierten Suizid sein darf. Menschen sind immer Beziehungswesen, die bis am Ende auch Verantwortung für andere Menschen tragen.

Ist diese Solidarität bis zum Ende ein Paradigmenwechsel?
Ich wäre sehr vorsichtig mit dem Begriff Paradigmenwechsel. Die Kirche begrüsst nicht plötzlich den assistierten Suizid und verbrüdert sich nicht mit Sterbehilfeorganisationen. Es geht um die Seelsorge und die eindeutige Option für das Leben. Trotzdem müssen Grenzfälle denkbar sein, in denen ein Seelsorger den Entschluss eines Menschen zum assistierten Suizid respektiert. Und den Menschen auf seinem letzten Weg begleitet, selbst wenn man für sich diesen Weg nie wählen möchte.