Missbrauch
«SOS-Kinderdorf» suspendiert Österreichs Verband
Der Gründer von SOS-Kinderdorf Österreich, Hermann Gmeiner, soll acht männliche Kinder und Jugendliche sexuell und körperlich missbraucht haben. Gmeiner verstarb 1986, die Taten sollen sich von den 1950er-Jahren bis in die 1980er-Jahre ereignet haben. Der Aufsichtsrat der Dachorganisation «SOS-Kinderdorf international» stuft die Vorwürfe als glaubhaft ein.
Laut einer Stellungnahme auf der Website des Österreichischen Teilverbands sind Hinweise zu Gmeiners Übergriffen seit über zehn Jahren bekannt gewesen. «Die Hinweise liefen zwischen 2013 und 2023 als vertrauliche Meldungen über die Opferschutz- und Meldewege», heisst es dort. Die zuständigen Stellen und Personen hätten Kenntnis davon gehabt. Eine kürzlich von der Verbandsleitung eingesetzte Reformkommission durchleuchtet nun das Archiv und soll «Verantwortung auf allen Ebenen der Organisation» klären.
Strafverfahren löst Aufarbeitung aus
Die Kommission wurde eigentlich eingesetzt, weil im Herbst neue Vorwürfe von Kindsmissbrauch in österreichischen Kinderdörfern bekannt wurden (ref.ch berichtete). Die Staatsanwaltschaft ermittelt im Fall eines Betreuers, der mutmasslich im Jahr 2020 zwei damals 14-jährige Mädchen sexuell missbraucht haben soll. Auch in den anderen SOS Kinderdörfern Österreichs soll es psychische und physische Misshandlungen sowie Übergriffe gegeben haben, wie zahlreiche Meldungen Betroffener nahelegen.
Die aktuelle Leitung des Österreichischen Verbandes ging die Krise proaktiv an, liess eine interne Studie anfertigen, setzte die Reformkommission ein, trennte sich von Leitungspersonen der jeweiligen Kinderdörfer, passte die dortigen Strukturen an und übernahm die Verantwortung für die Missstände.
Erkenntnisse erschüttern die Organisation
Die Erkenntnisse über die Taten der Gründerfigur Gmeiner verschärften die Lage und führten dazu, dass die Dachorganisation «SOS-Kinderdorf international» den österreichischen Verband bis auf Weiteres suspendiert hat. Der Aufsichtsratsvorsitzende Dominico Parisi erklärte vor den Medien: «Die Organisation wird sich nicht durch diesen dunklen Fleck in ihrer Geschichte definieren lassen.» Die aktuellen Entscheide zeigten, dass man «keinerlei Form von Missbrauch oder Intransparenz» innerhalb der Föderation dulde.
Der Transparenz verpflichtet hat sich auch die Leitung von «SOS-Kinderdorf» Österreich. Erkenntnisse über allfällige weitere Vergehen während der frühen Jahre der Organisation sollen transparent veröffentlicht werden.
Gmeiner war das Gesicht von SOS-Kinderdorf
Der Clou ist: Hermann Gmeiner war nicht nur der Begründer des österreichischen Teilverbands, den die Dachorganisation nun suspendiert, um den Imageschaden zu begrenzen. Vielmehr geht die Idee der SOS Kinderdörfer auf Gmeiner zurück. Er ist gewissermassen der Vater der Bewegung. 1949 gründete er zusammen mit weiteren Personen einen sozialen Verein, der 1950 zum Verein «SOS-Kinderdorf» wurde. Auf seiner Website erklärt der österreichische Verein: «Die Idee von SOS-Kinderdorf hat viel Gutes bewirkt. Aber sie entbindet niemanden von Verantwortung.» Man trenne klar zwischen Gründungsidee und der Person Hermann Gmeiner.
Auf der Suche nach Verantwortung befindet sich auch die Reformkommission. Nach Bekanntwerden der dokumentierten Übergriffe Gmeiners untersucht sie nun, weshalb diese zwar ab 2013 bei der Meldestelle eingingen – aber nicht in einem weiteren Kreis bekannt gemacht wurden. «Wir sagen klar: Es gab über Jahre strukturelle und kulturelle Muster, die Intransparenz begünstigt und konsequentes Handeln erschwert haben», schreibt die österreichische Verbandsspitze und ergänzt: «Wir öffnen die Archive, übergeben alles an die Reformkommission und reichen laufend nach.»
Dieses Vorgehen könnte schmerzhaft werden für den Verein, doch die Verantwortlichen haben den Weg bewusst gewählt. Sie erklären: «Unsere Vorgangsweise ist ein Bruch mit der idealisierten Geschichte – aber auch die Voraussetzung für nachhaltige Veränderung der Organisation.»
Schweizer Stiftung verurteilt die Taten scharf
Die Organisation «SOS-Kinderdorf» ist in über 130 Ländern vertreten – auch in der Schweiz. Die Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz betreibt jedoch keine Kinderdörfer und finanziert nach eigener Aussage auch keine Kinderdörfer in Österreich oder anderen europäischen Ländern. «Unser Fokus liegt auf der Stärkung von benachteiligten Familien mit dem Ziel, dass diese ihre eigenen Kinder sicher und gesund erziehen können», schreibt die Stiftung in einer Stellungnahme zu den Enthüllungen in Österreich.
Die bekanntgewordenen Fälle in Österreich hätten die Verantwortlichen der Schweizer Stiftung «zutiefst erschüttert». Sie betonen: «Wir verurteilen diese Vorfälle in aller Schärfe.»
Die Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz finanziert sich über Spenden und Beiträge. Sie weist laut ihrem Finanzbericht 2024 Einnahmen von rund 19 Millionen Franken aus. Spenden und Patenschaften machen je rund drei Millionen Franken aus, die Einnahmen aus Erbschaften und Legaten belaufen sich auf 4,7 Millionen Franken. Stiftungen steuerten rund 6 Millionen Franken bei.
1. Warum wurde der österreichische Verband von SOS Kinderdorf suspendiert?
Weil neue Missbrauchsvorwürfe, auch gegen Gründer Hermann Gmeiner, als glaubhaft gelten. Die internationale Dachorganisation reagierte mit einer Suspendierung, um Konsequenzen zu ziehen und Transparenz sicherzustellen.
2. Welche Rolle spielt Hermann Gmeiner in der Krise?
Hermann Gmeiner, Gründer der SOS-Kinderdörfer, soll zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren acht Kinder missbraucht haben. Die Enthüllungen erschüttern die Organisation, da er als zentrale Figur der weltweiten Bewegung gilt.
3. Wie reagiert SOS-Kinderdorf Schweiz auf die Vorwürfe?
Die Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz zeigt sich tief betroffen, verurteilt die Vorfälle scharf und betont, dass sie keine Kinderdörfer in Österreich oder Europa finanziert. Ihr Fokus liegt auf der Unterstützung von Familien in der Schweiz und weltweit.