Österreich

Missbräuche in SOS Kinderdörfern gemeldet

In verschiedenen SOS Kinderdörfern in Österreich sollen Kinder missbraucht worden sein. Betroffene wenden sich an die Öffentlichkeit. Die Staatsanwaltschaft ermittelt und die Organisation leitet Untersuchungen ein.

Verschiedene Medien haben über Gewalt und Missbrauch in österreichischen SOS Kinderdörfern berichtet. Die «Salzburger Nachrichten» brachten ursprünglich den Stein ins Rollen. Unter der Überschrift «Sexueller Missbrauch im SOS Kinderdorf Seekirchen? Die Staatsanwaltschaft ermittelt» publizierte die Zeitung ihre Recherchen. Demnach soll ein ehemaliger Mitarbeiter des Kinderdorfs «um 2020 herum» an zwei Mädchen im Alter von 14 Jahren «geschlechtliche Handlungen» vorgenommen haben.

Aus dem SOS Kinderdorf Imst in Tirol sind vergleichbare mutmassliche Übergriffe bekannt geworden. Die Organisation hat Vorfälle körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt bestätigt.

Der österreichische öffentlich-rechtliche Sender ORF liess in einem Hintergrundbericht Frauen zu Wort kommen, die im SOS Kinderdorf Moosburg im Bundesland Kärnten Gewalt erfahren haben. Eine von ihnen sagt, sie sei von ihrer «Kinderdorf-Mutter» über Jahre zur Strafe für Verfehlungen mit der Faust ins Gesicht geschlagen worden. Ihre Krankenakte sei das Einzige, was ihr aus den 15 Jahren im Kinderdorf geblieben sei. Und die Unterlagen würden beweisen, dass sie durch die Prügelstrafe nach und nach auf einem Auge erblindet sei.

Die Medienberichte veranlassten das Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung der Universität Klagenfurt, eine öffentliche Stellungnahme abzugeben. Darin wird gefordert, dass SOS Kinderdorf die Vorfälle von Gewalt und Missbrauch in ihren Einrichtungen «umfassend ausarbeitet» sowie die Veröffentlichung einer internen Studie von SOS Kinderdorf. Das Unternehmen und die Kärtner Landesregierung sollen die Ressourcen bereitstellen, um wirksame Strukturen zum Schutz vor Gewalt in allen pädagogischen Einrichtungen Moosburgs aufzubauen, fordern die Wissenschaftler.

SOS Kinderdorf erklärt nun auf der eigenen Website: «Kinder wurden in unserer Betreuung nicht ausreichend geschützt – das hat schweres Leid verursacht und grosse Betroffenheit ausgelöst. Als Organisation übernehmen wir dafür Verantwortung und ziehen daraus Konsequenzen.»

In den Einrichtungen Moosburg und Imst habe man sich von Führungskräften getrennt und strukturelle Änderungen vorgenommen. Ebenfalls seien Untersuchungen und Aufarbeitungen eingeleitet worden. Der Aufsichtsrat des Unternehmens habe eine «unabhängige Reformkommission» eingesetzt, mit dem Auftrag, die Bemühungen zu kontrollieren.

Die Hilfsorganisation SOS Kinderdorf wurde 1949 gegründet – nach eigener Aussage, um Kinder, die im Zweiten Weltkrieg alles verloren hatten, «zu schützen und in Geborgenheit aufwachsen zu lassen». Als erstes Kinderdorf wurde jenes in Imst gebaut, wo sich ebenfalls gravierende Übergriffe ereignet haben.

Heute ist SOS Kinderdorf in über 130 Ländern vertreten mit Kindergärten, Schulen, sozialen und medizinischen Einrichtungen sowie Wohnheimen. Zuletzt brachte ein Bericht 2024 über 200 Missbrauchsfälle in deutschen SOS Kinderdörfern ans Licht (ref.ch berichtete).

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema