Generationengespräch

«Wir sind die spirituelle Feuerwehr»

Der eine geht nach über zwanzig Jahren als Grossmünster-Pfarrer in Pension, der andere hat soeben seine erste Pfarrstelle auf dem Land angetreten: Christoph Sigrist und sein Sohn Simon unterhalten sich darüber, wie sich der Pfarrberuf verändert hat und warum ohne inneres Feuer nichts geht.

Noch-Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist besucht seinen Sohn Simon in Walenstadt. Es ist dessen erste Pfarrstelle. Vater und Sohn haben gemeinsam, dass sie ihren Berufseinstieg in einer Berggemeinde im Kanton St. Gallen erleben. (Bild: Samuel Trümpy)

Es ist düster an diesem Januarmorgen in Walenstadt. Die Hänge der Churfirsten, an deren Fuss das Städtchen liegt, sind schneebedeckt. Die reformierte Kirchgemeinde Walenstadt-Flums-Quarten ist eine junge Diasporagemeinde mit rund 1700 Mitgliedern. Lange feierten die Reformierten hier ihre Gottesdienste in einer katholischen Kapelle, erst zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts erhielten sie ihre eigene Kirche. Ausgerechnet hier hat Simon Sigrist nach dem Studium der Theologie in Zürich vor fünf Monaten seine erste Pfarrstelle angetreten.

35 Jahre zuvor hat es bereits einmal einen Zürcher Pfarrer in diese Region verschlagen. Im Weiler Stein auf der anderen Seite der Churfirsten, keine zehn Kilometer Luftlinie entfernt, hat der langjährige Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist seine ersten Berufserfahrungen gesammelt. Wir haben Vater und Sohn zum Gespräch getroffen.

Christoph Sigrist, Sie haben vor 35 Jahren in einer 300-Seelen-Gemeinde ihre erste Pfarrstelle angetreten. Wie kam es dazu?
Christoph Sigrist: Ich wuchs als Sohn eines Diakons in Zürich auf und kannte dadurch die Stadtzürcher Kirche gut. Damals in den 70er und 80er Jahren war das eine für mich schwierige Mehrheits-Kirche, da mein Vater von Pfarrschaft und Kirchenpflege stark unter Druck war. Wertschätzung erlebte er von ihnen sehr wenig. Der Wunsch, in einer kleinen Gemeinde anzufangen, stammte aus meiner Schulzeit, als ich in St. Maria im Val Müstair war. Das gefiel mir so gut, dass ich dort später Pfarrer werden wollte. Meine Schwester schenkte mir deshalb sogar eine rätoromanische Bibel. Aber dann kam alles anders, ich verliebte mich.

Verraten Sie uns mehr darüber?
Christoph Sigrist: In einem Konfirmandenlager in Nesslau im Toggenburg lernte ich meine zukünftige Frau kennen. Später war sie Lehrerin in Schönengrund. Ich entschied mich, ihr ins Toggenburg zu folgen. Die Region lag mir nahe, ich war praktisch dort entstanden. Meine Eltern hatten sich im Zwinglihaus in Wildhaus kennengelernt. Als in Stein eine Pfarrstelle frei wurde, sagte ich zu.

Christoph Sigrist ist ein bekannter Zürcher Pfarrer. Er ist engagiert, äussert sich in der Öffentlichkeit und lehrt an Universitäten. Auch deshalb hat sein Sohn für den Berufsteinstieg eine Stelle an einem abgelegenen Ort gesucht. (Bild: Samuel Trümpy)

Sie waren dort sieben Jahre Pfarrer. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Christoph Sigrist: Es war wunderbar. Alles, was ich später im Grossmünster machen sollte, lernte ich in Stein. Die Gemeinde bestand mehrheitlich aus Bauern. Drei bis viermal im Jahr besuchte ich alle Haushalte, teilweise auf Skiern. Es war ein bisschen wie zu Gotthelfs Zeiten. Auch die ganze Bürokratie gab es nicht. Ich leitete die Gemeinde mit drei Sitzungen im Jahr. Das Pfarrbild, das meiner Vision am nächsten kommt, fand ich am ehesten in dieser Zeit in Stein.

Simon Sigrist, Sie sind seit kurzem Pfarrer in Walenstadt, wie ist es Ihnen bisher ergangen?
Simon Sigrist: Die Arbeit hier macht mir Spass. Wir Reformierten sind hier eine Minderheit, dadurch entsteht ein enges Miteinander. Man kennt sich und kümmert sich umeinander. Ich schätze auch die ökumenische Zusammenarbeit. Wir arbeiten eng mit unseren katholischen Kollegen zusammen, vor allem im Kinder- und Jugendbereich, aber auch in vielen gemeinsamen Gottesdiensten.

Sie sind im Kanton Zürich aufgewachsen. Warum fiel Ihre Wahl auf Walenstadt?
Simon Sigrist: Nach dem Studium in Zürich wollte ich etwas Neues kennenlernen. Ich suchte mir bewusst eine Diasporagemeinde aus, weil ich erleben wollte, was es heisst, als Minderheit Kirche zu sein. Das ist für mich ein Lernfeld. Zudem ist das hier ein schöner Flecken Erde.

«Ich wollte erleben, was es heisst, als Minderheit Kirche zu sein.»
Simon Sigrist

Christoph Sigrist: Das könntest du auch in Zürich lernen, was es heisst, als Minderheit Kirche zu sein (lacht).

Simon Sigrist: Ja, aber ich wollte im Kleinen anfangen. Mir war ein persönliches Umfeld wichtig. An der St. Galler Kantonalkirche schätze ich zudem, dass sie die Gemeindeautonomie fördert und dennoch für uns da ist.

Ihr Vater war danach sieben Jahre Pfarrer an der St. Laurenzenkirche in St. Gallen, später ist die Familie nach Rafz im Zürcher Unterland gezogen. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Simon Sigrist: In Rafz bekam ich gar nicht so viel vom Beruf meines Vaters mit, er arbeitete ja am Grossmünster. Aber an der Kantonsschule war ich nicht der Pfarrerssohn, sondern ein Schüler wie jeder andere. Eine spannende Zeit war für mich die Konfirmation. Ich musste mich damals entscheiden, wo ich den Konfirmandenunterricht besuchen wollte. Schliesslich ging ich zu meinem Vater, weil ich so eineinhalb Stunden in der Woche länger mit ihm zusammen sein konnte. Er konfirmierte mich dann auch, das war eine schöne Erfahrung.

Christoph Sigrist: Ja, für mich auch.

Simon Sigrist wäre beinahe Musiklehrer geworden. Mit seinem Entscheid für das Theologiestudium hat er seinen Vater überrascht. (Bild: Samuel Trümpy)

Was konnten Sie, Simon Sigrist, aus dieser Zeit für Ihre eigene Arbeit als Pfarrer mitnehmen?
Simon Sigrist: Im Grossmünster habe ich mitbekommen, wie wichtig das Zusammenspiel von Wort und Musik im Gottesdienst ist. Darauf lege ich auch in meinen Gottesdiensten Wert. Vor ein paar Tagen habe ich in einer Predigt über Ameisen gesprochen. Davor habe ich den Kirchenmusiker gefragt, was er dazu spielen wolle. Er sagte mir, er werde die Ameisen krabbeln lassen. So stelle ich mir dieses Zusammenspiel vor.

Christoph Sigrist: Das freut mich, dass dir etwas aus dem Grossmünster geblieben ist. Gibt es auch Dinge, auf die du nicht vorbereitet warst?

Simon Sigrist: Nicht bewusst war mir die Einsamkeit, die man als Pfarrer erlebt. Der Pfarrberuf ist ein einsamer Beruf.

Inwiefern?
Simon Sigrist: Mit vielen Themen ist man allein. Um einen Gottesdienst vorzubereiten, darf ich mich acht Stunden in mein Kämmerlein zurückziehen. Die psychische Belastung bei Abdankungen und Trauergesprächen kann man mit niemand teilen. Man muss sie allein verarbeiten.

Haben Sie, Christoph Sigrist, das auch so erlebt?
Christoph Sigrist: Ja, das ging mir auch so. Als Pfarrpersonen sind wir die spirituelle Feuerwehr, wir müssen immer zur Stelle sein und sind mit allen Facetten des Lebens konfrontiert. Zudem sind wir als Seelsorger an das Amtsgeheimnis gebunden. Ich habe bis jetzt nie mit meiner Frau darüber gesprochen, was mich belastet.

Wie sind Sie damit umgegangen?
Christoph Sigrist: Im Grossmünster bin ich oft auf den Turm gestiegen und habe mit «dem da oben» gesprochen. Ich bin immer mit Gott im Dialog. So verarbeite ich meine Sorgen. Zudem gehe ich seit dreissig Jahren in die Supervision, das hilft mir sehr.

«Im Grossmünster bin ich oft auf den Turm gestiegen und habe mit ‹dem da oben› gesprochen.»
Christoph Sigrist

Holen Sie sich manchmal Rat aus dem Erfahrungsschatz Ihres Vaters, Simon Sigrist?
Simon Sigrist: Mein Vater hat mir immer gesagt, dass ich ihn anrufen soll, wenn ich Hilfe brauche. Das schätze ich sehr. Gleichzeitig weiss ich, dass ich meine eigenen Erfahrungen machen muss und Fehler machen darf.

Christoph Sigrist: Wenn du anrufst, nehme ich immer ab, egal wo ich bin. Ich sandte übrigens nie ein Signal aus, dass mein Sohn Pfarrer werden soll. Das kam für mich völlig überraschend.

Simon Sigrist: Das ist vielleicht genau der Grund, dass ich schliesslich Pfarrer geworden bin. Zuerst wollte ich Musiklehrer werden, entschied mich dann aber spontan für Theologie.

Christoph Sigrist: Ich erinnere mich gut an den ersten Tag deines Studiums.

Simon Sigrist: Ja, wir tranken vor meiner ersten Vorlesung noch einen Kaffee in der Zürcher Altstadt. Du hast behauptet, die Vorlesung beginne erst um Viertel nach acht. Als ich dann auftauchte, war ich prompt eine Viertelstunde zu spät.

Christoph Sigrist: Es ist nie gut, wenn man zu viel auf den Vater hört.

Sie beide trennen 35 Jahre. Wie hat sich der Pfarrberuf in dieser Zeit verändert, Christoph Sigrist?
Christoph Sigrist: Das gesellschaftliche Umfeld hat sich stark gewandelt, eine ganze Erinnerungskultur ist in diesen Jahren zusammengebrochen. Nehmen wir als Beispiel die Adventszeit. Heute bedeutet sie für viele Leute Christkindlimarkt und Kommerz. Als Pfarrpersonen haben wir vermehrt die Aufgabe, Übersetzungsarbeit zu leisten. Ich bin Dolmetscher in Gottes Namen. Daher ist mir die Idee gekommen, die Kirchtürme der Zürcher Altstadt zu beleuchten, damit die Leute sehen, dass der Advent etwas mit Kirche zu tun hat.

«In den letzten Jahren ist die Erinnerungskultur zusammengebrochen. Die Adventszeit bedeutet heute für viele Leute Christkindlimarkt und Kommerz.»
Christoph Sigrist

Simon Sigrist: Ich finde es spannend, mit den Leuten über den Verlust dieses Wissens ins Gespräch zu kommen und Beziehungen zu knüpfen. Dadurch habe ich nie leere Kirchenbänke. Ich vermittle den Menschen, dass sie in der Kirche so angenommen werden, wie sie sind, dass es keine Leistung braucht. Und in den Predigten versuche ich eine Sprache zu sprechen, die alle verstehen.

Christoph Sigrist: Du erwähnst ein paar wichtige Punkte. Ins Gespräch kommen und vor allem Zuhören ist für Pfarrpersonen zentral. Zudem sind die Beziehungen wichtig, das Netzwerk. Ein grosser Teil meiner Arbeit bestand in dieser Beziehungsarbeit. Du hast auch recht mit der Sprache. Luther sagte, man müsse dem Volk aufs Maul schauen. Als junger Pfarrer musste ich das erst lernen.

Simon Sigrist: Ein Unterschied zu früher ist auch, dass heute verschiedene Pfarrbilder existieren. Bei der älteren Generation ist man immer noch der «Herr Pfarrer». Bei den Jungen ist das anders, die sprechen ihre eigene Sprache. Das hat auch mit der Digitalisierung zu tun. Die Erreichbarkeit der Jungen ist eine andere. Ich kommuniziere mit meinen Jugendlichen hauptsächlich über Chats.

«Mit den Jugendlichen kommuniziere ich hauptsächlich über Chats.»
Simon Sigrist

Christoph Sigrist: Ich mache immer noch Flyer (lacht). Spass beiseite: Vor dreissig Jahren war dieser Gap zwischen jung und alt tatsächlich viel kleiner. In Stein erschien an jedem Sonntag von jedem Gehöft mindestens eine Person zum Gottesdienst. Und auch der Sohn der Familie musste hingehen, wenn der Vater es so wollte. Heute ist es fast nicht mehr möglich, diese beiden Welten zusammenzubringen.

Was ist sich im Pfarrberuf gleichgeblieben?
Christoph Sigrist: Aus meiner Sicht kann man diesen Job nicht ohne inneres Feuer machen. Als Pfarrer muss ich mir jeden Tag klar werden, was es heisst, das Evangelium zu verkünden. Ich gebe zu, dass mir die Antwort darauf heute nicht leichter fällt als vor dreissig Jahren. Ich behaupte, diese beiden Dinge sind sich gleichgeblieben. Siehst du das auch so, Simon?

Simon Sigrist: Ja, die Frage nach der Verkündigung treibt mich auch um. Zum Beispiel: Wie kann ich in der Sprache der Jugendlichen über die höhere Macht reden? Oder wie erkläre ich ihnen das Wort Evangelium? Für die Jugendlichen ist das alles sehr abstrakt. Als Pfarrer muss ich übersetzen und Bilder dafür finden. Es geht darum, sprachfähig zu werden. Diese Aufgabe begeistert mich.

Vater und Sohn

Christoph Sigrist (61) ist noch bis Ende Februar Pfarrer am Grossmünster in Zürich. Er unterrichtet Diakoniewissenschaft an der Universität Bern und ist Mitglied des Stiftungsrats des Hilfswerks der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) sowie Präsident der Stiftung Urbane Diakonie. Sigrist ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in Rafz im Kanton Zürich.

Simon Sigrist (28) hat Theologie in Zürich, Strassburg und Tübingen studiert und besitzt ein Orgeldiplom. Seit Sommer 2023 ist er Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Walenstadt-Flums-Quarten im Kanton St. Gallen. Er ist seit über sechs Jahren in einer Beziehung.

Ihr Vater hat sich politisch immer wieder eingemischt und prominent Stellung bezogen. Gehört das für Sie auch zum Pflichtenheft, Simon Sigrist?
Simon Sigrist: Ich bin politisch sehr interessiert. Für mich ist klar, dass das Evangelium politisch ist und für die Schwachen einsteht. Derzeit stehe ich in meinem Leben aber an einem anderen Punkt. Momentan geht es für mich vor allem darum, das Handwerk des Pfarrberufs zu lernen. Was später ist, weiss ich jetzt noch nicht.

Christoph Sigrist, Ende Februar hören Sie als Grossmünster-Pfarrer auf. Fällt Ihnen das Loslassen schwer?
Christoph Sigrist: Nein. Ich bin einfach dankbar für diese Zeit. Jeder Bauer weiss, dass er zwischen 60 und 70 seinen Stall abgeben muss. Ich gebe nun das Grossmünster ab. Ich habe weiter meine Lehrtätigkeit an den Universitäten Bern und neu in Zürich. Das innere Feuer für den Beruf bleibt.

Sie beide geben ein sehr harmonisches Bild ab. Gibt es zwischen Ihnen eigentlich auch Streitpunkte?
Christoph Sigrist: Ja, es gibt eine Differenz, die ich unverzeihlich finde. Du, Simon, bist immer noch FC St. Gallen-Fan. Wahrscheinlich warst du als Kind zu lange in St. Gallen. Das ist ein Schmerz, den ich als FC Zürich-Anhänger jeden Tag abarbeiten muss.