«Selten kommt ein Wollschwein»
Herr Schwarzenbach, Ihre Kirche ist als besonders tierfreundlich ausgezeichnet worden. Gibt es in Ihrer Cafeteria nur vegane Küche?
Wir achten tatsächlich darauf, im Kirchencafé und bei Apéros vegetarisch oder vegan zu kochen. Das ist aber nur ein Teil unseres Engagements für das Tierwohl. Unsere Kirche setzt sich für verschiedene ökologische Initiativen ein. Zum Beispiel haben wir gemeinsam mit dem Stadtkloster die Schöpfungsinitiative lanciert. Diese will erreichen, dass die reformierten Kirchen im Kanton Zürich bis 2035 klimaneutral werden. Zudem führen wir regelmässig Tiersegnungen und Tierabschiedsgottesdienste durch.
Das klingt exotisch. Was passiert in einem solchen Gottesdienst?
Zu unseren Tiersegnungen dürfen die Besucher ihr Haustier mitbringen. Das sind vor allem Hunde, manchmal auch kleinere Tiere wie Ratten, Meerschweinchen oder Kaninchen. Selten kommt jemand mit einem grösseren Tier wie einem Wollschwein oder einem Pferd. Im Predigtteil geht es darum, das Tier als unser Mitgeschöpf wahrzunehmen. Danach können die Besitzer mit ihrem Tier nach vorne kommen und ihren gemeinsamen Weg segnen lassen. Daneben organisieren wir Trauerfeiern.
Worum geht es dabei?
Unsere Trauergottesdienste für Tiere orientieren sich an den Totensonntagen. Die Trauernden können dabei eine Kerze für ihr verstorbenes Haustier anzünden und noch einmal an ihr gemeinsames Leben denken.
Patrick Schwarzenbach (40) ist Pfarrer in der Citykirche Offener St. Jakob in Zürich. Er hat in Zürich, Kopenhagen und Claremont (USA) Theologie studiert. Schwarzenbach sorgte mit verschiedenen Aktionen für Aufsehen. Unter anderem verbrachte er drei Monate als Einsiedler in einem Wald und lebte eine Woche lang unter Obdachlosen in Bern. Als Pfarrer experimentiert er gerne mit neuen Formen der Verkündigung. Schwarzenbach ist verheiratet und hat zwei Kinder. (no)
Darf die Trauer um ein Tier der Trauer um einen Menschen gleichgestellt werden?
Trauer sollte nicht bewertet werden. Wir haben kein Recht vorzuschreiben, wo mehr oder weniger Trauer angebracht ist. Trauer ist Trauer. Als Kirche haben wir die Aufgabe, trauernde Menschen zu begleiten – unabhängig davon, ob ein Mensch oder ein Tier betrauert wird.
Man könnte einwenden, dass Mensch und Tier durch solche Aktionen auf die gleiche Stufe gestellt werden. Finden Sie das nicht problematisch?
Man hat in der Kirche und überhaupt in der Gesellschaft lange an der strikten Unterteilung in Menschen und Tiere festgehalten. Dahinter stand die Angst, dass der Mensch abgewertet wird, wenn man ihn auf die gleiche Stufe wie das Tier stellt. Darum geht es uns aber gar nicht. Wir wollen zeigen, dass das Tier mehr als ein wirtschaftlicher Faktor ist, den wir ausbeuten dürfen. Tiere sind unsere Mitgeschöpfe.
Die Bewahrung der Schöpfung ist ein urchristliches Thema. Warum hatte das Tier in der Kirche so lange einen geringen Stellenwert?
Eine Rolle gespielt hat sicher der berühmte Satz am Anfang der Bibel «Macht euch die Erde untertan». Darin wird der Mensch aufgefordert, über die Tiere zu herrschen. Inzwischen hat man aber gemerkt, dass der Satz auch anders ausgelegt werden kann. Man kann ihn so verstehen, dass wir als Menschen eine Verantwortung für alle Geschöpfe haben. Diese Auslegung wollen wir fördern.
Hat sich in dieser Hinsicht in den letzten Jahren in der Kirche etwas verändert?
Nicht nur in der Kirche, auch in der übrigen Gesellschaft entsteht ein Bewusstsein dafür, dass wir mit unseren Mitgeschöpfen anders umgehen sollten. Ein Beispiel hierzulande ist die Abstimmung über Grundrechte für Primaten vor zwei Jahren. In Neuseeland sind vor einigen Jahren einem Fluss Rechte zugestanden worden, ebenso einem Berg in Island. Natürlich gibt es hier einiges zu klären, etwa wie es sich mit den Pflichten verhält. Im Grundsatz begrüsse ich diese Initiativen aber sehr.
Der Arbeitskreis Kirche und Tiere (AKUT) hat vor vier Jahren das Label «Tierfreundliche Kirche» ins Leben gerufen. Kirchliche Organisationen verpflichten sich damit, sich gegen Tierleid zu engagieren und einen respektvolleren Umgang mit Tieren zu fördern. AKUT ist ein konfessionsübergreifender Verein, der sich für die Interessen der Tiere einsetzt. (no)
Warum ist Ihnen das Thema Tierwohl persönlich ein Anliegen?
Als Kind liebte ich den Hund meiner Grosseltern sehr. Sein Tod war ein trauriger Moment. Später näherte ich mich dem Thema über die Spiritualität an. Mich beeindruckte Albert Schweitzers Gedanke, dass wir als Lebewesen umgeben sind von anderen Lebewesen, und dass es gar nicht so zentral ist, in welcher Form sich dieses Leben äussert. Persönlich hat sich das unter anderem darin ausgewirkt, dass ich mich bewusst ernähre.
Was erhoffen Sie sich in Hinsicht auf das Tierwohl von der Kirche?
Das Tierwohl gehört für mich zu den zentralen Themen, mit denen sich die Kirche beschäftigen sollte. Ich finde es seltsam, dass man das oft als «nice to have» sieht. Als Institution sollten wir unsere Verantwortung den Tieren und der Schöpfung gegenüber wahrnehmen. Denn am Umgang mit anderen Lebewesen zeigt sich, wie menschlich wir sind.
Die Citykirche Offener St. Jakob lädt am 19. Mai um 10 Uhr zum Pfingstgottesdienst mit Tiersegnung. Die Predigt hält Pfarrerin Verena Mühlethaler.