«Die Kirche sollte das Tierwohl ernster nehmen»
Herr Ammann, in der Schweiz sind Tiere besser geschützt als in vielen anderen Ländern. Warum braucht es zusätzlich Grundrechte für Primaten?
Es stimmt, der Tierschutz ist in der Schweiz relativ fortgeschritten. Unser Tierschutzgesetz erlaubt aber immer eine Güterabwägung. Wenn es für uns von Nutzen ist, dürfen wir Tieren Leid zufügen oder sie töten. Die Initiative geht einen Schritt weiter, indem sie Primaten bestimmte Grundrechte einräumt. Dadurch sprechen wir ihnen eine Würde zu, die sie vor unserem Zugriff absolut schützt. Das ist wichtig, weil die Würde des Tiers mehr fordert als bloss eine Güterabwägung.
Was genau würde sich nach der Annahme ändern?
Die Initianten fordern ein Grundrecht auf Leben sowie körperliche und psychische Unversehrtheit. Dadurch wären insbesondere die Hürden für Tierversuche mit Primaten deutlich höher. Auch dürften Tiere, die «überzählig» sind, nicht einfach getötet werden. Nicht einmal schmerzfrei, weil ihr Leben zählt. Wie weit der Schutz im Einzelnen geht, muss dann juristisch geklärt werden. Wir befinden uns hier auf neuem Gelände.
Die Initiative «Grundrechte für Primaten» wurde von der Tierschutzorganisation Sentience Politics lanciert. Sie fordert, dass «nicht-menschliche Primaten ein Recht auf Leben und auf körperliche und geistige Unversehrtheit» erhalten. Laut den Initianten sollen dadurch insbesondere «belastende Tierversuche» verhindert werden. Betroffen wären über 300 Primaten-Arten.
Die Vorlage wird unter anderem von SP und Grünen sowie von diversen Tierschutzorganisationen unterstützt. Zu den Gegnern gehört neben den Pharmaunternehmen Roche und Novartis auch der Basler Zoo. (no)
Tierversuche werden auch mit Hunden oder Mäusen gemacht. Warum beschränken sich die Initianten auf Primaten?
Das hat wohl auch strategische Gründe. Eine Initiative, die Grundrechte für alle empfindungsfähigen Lebewesen forderte, wäre komplett chancenlos. Hinzu kommt, dass Primaten uns Menschen sehr ähnlich sind. Sie verfügen über herausragende kognitive und soziale Fähigkeiten. Aufgrund ihrer komplexen Lebensform sind sie in besonderer Weise verletzlich. Sie können zum Beispiel psychisch Schaden nehmen. Es ist daher sinnvoll, bei einem strengeren Schutz von Tieren mit Primaten anzufangen.
Die Gegner argumentieren, die Vorlage verwische die rechtliche Grenze zwischen Mensch und Tier.
Ich finde es nicht schlimm, wenn diese Grenze aufgeweicht wird. Für mich ist selbstverständlich, dass alle Menschen einen unbedingten Schutz verdienen. Warum sollte das nicht auch für Lebewesen gelten, die in ähnlicher Weise verletzlich sind wie wir Menschen? In der Initiative geht es zudem nicht um die rechtliche Gleichstellung, sondern um ganz bestimmte Grundrechte, die auch Primaten zukommen sollen.
Christoph Ammann (49) ist Präsident des Arbeitskreises Kirche und Tier (Akut) und Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Zürich-Witikon.
Gründet Ihre Haltung auch auf theologischen Überlegungen?
Ja, die Sensibilität für den anderen und seine Verletzlichkeit hat für mich viel mit dem Christentum zu tun. In der Bibel wird Liebe als Aufmerksamkeit gegenüber der verwundeten und verletzlichen Kreatur verstanden. Es berührt in besonderer Weise, wenn wir Primaten in die Augen schauen. Sie erwidern unseren Blick, und es entsteht eine Beziehung. Wir spüren: Da ist jemand zuhause. Das weckt unsere Verantwortung. Wichtig ist für mich auch die biblische Vorstellung der Mitgeschöpflichkeit. Sie besagt, dass die Schöpfung nicht uns Menschen gehört, und wir sie nicht einfach als Ressource ausbeuten dürfen.
Welchen Stellenwert hat der Tierschutz in der reformierten Kirche?
Man ist mit diesem Thema in der Kirche heute weniger allein als noch vor ein paar Jahren. Die Sensibilität ist grösser geworden. Das hängt mit der Klimabewegung zusammen, letztlich hat das Tierwohl auch mit Nachhaltigkeit zu tun. Ich sehe im Vergleich mit dem kirchlichen Engagement für andere Themen aber immer noch ein Missverhältnis.
Inwiefern?
Die meisten kirchlichen Angestellten zum Beispiel sind extrem sensibilisiert gegenüber Diskriminierungen von Menschen. Das ist gut so. Gleichzeitig überrascht mich, dass dieselben Leute das Tierwohl ethisch nicht relevant finden. Dass auch Tiere diskriminiert und teilweise sehr brutal unseren Zwecken unterworfen werden, dafür ist ihr Blick nicht geschärft. Die Theologie verwendet zum Beispiel ungeheuer viel Energie darauf, den menschlichen Embryo zu schützen, hat aber kaum etwas zu offensichtlichen Missständen in der Tierhaltung zu sagen. Diese Diskrepanz treibt mich an, denn für mich war immer klar, dass sich die christliche Liebesethik auch auf die Tiere beziehen soll.
Gesellschaftlich scheint das anders zu sein, denn momentan stehen gleich drei Initiativen zum Tierwohl an.
In der Gesellschaft ist ein wachsendes Sensorium für die Würde des Tieres wahrzunehmen. Dahinter steht die Idee, dass auch Tiere moralisch zählen. Dieser Prozess ist schon ein paar Jahrzehnte in Gang, hat sich jetzt aber noch beschleunigt. Und ich glaube, dass er sich nicht aufhalten lässt. Daher sollte die Kirche das Thema Tierwohl endlich ernster nehmen.