«Wir nehmen das Wächteramt auch in Zug wahr»
Herr Berweger, Zug ist bekannt als finanzstarker Kanton. Ist das auch die Reformierte Zuger Kirche?
Reich sind wir nicht, wir haben noch Schulden vom Bau unseres neuen Kirchenzentrums. Wir nehmen schon ordentlich Geld ein, geben es aber auch gerne sinnvoll aus. Denn wir sind uns unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst.
Wohin fliesst es?
Wir haben beispielsweise in der Corona-Pandemie 500'000 Franken Hilfsgelder für Zuger Firmen und Private zur Verfügung gestellt. Wer seine Rechnungen nicht bezahlen konnte, bekam auf Antrag einen vierstelligen Betrag im mittleren Bereich. Sollte die halbe Million nicht reichen, sind wir bereit, weitere Hilfe zu leisten. Wieviel das wäre, ist noch offen.
Sie sind finanziell gut gebettet, weil im Kanton Zug Grosskonzerne tätig sind, die gesetzlich vorgeschriebene Kirchensteuern zahlen müssen. Immer wieder versuchen Politiker, diese abzuschaffen. Besorgt Sie das?
Da die Hälfte unserer Einnahmen von diesen Steuern abhängt, ist die mögliche Abschaffung tatsächlich ein Damoklesschwert, das über uns schwebt. Glücklicherweise konnten wir in diesem Jahr die Politik davon überzeugen, dass wir dieses Geld sinnstiftend ausgeben. Zum Beispiel für die kircheneigene Triangel Beratung, die für den ganzen Kanton die Schulden- und Budgetberatung bereitstellt. Aber es wird neue Vorstösse geben. Das Thema wird uns also bleiben.
Unter den Zuger Grosskonzernen sind auch Rohstoffhändler wie Glencore. In der Kirchenlandschaft sind solche Firmen oft ein rotes Tuch, da ihnen Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden. Welche Beziehung pflegen Sie als Kirchenpräsident zu solchen Unternehmen?
Eine sehr offene. Mit Gencode-Vertretern treffen wir uns jährlich zu einem persönlichen Gespräch. Ich kann Ihnen versichern, dass Glencore sich enorm bemüht, sauber zu wirtschaften. Besonders, seitdem sie an der Börse sind. Wir betreiben mit der katholischen Kirche das «Forum Kirche & Wirschaft» und begegnen dadurch den grossen Firmen auf Augenhöhe.
Networking gehört zu Ihrem Jobprofil. Besuchen Sie auch festliche Anlässe, wo sich das Zuger Who-is-Who trifft?
Man muss aufpassen, dass man sich als Kirche nicht vereinnahmen lässt. Auch nicht von den Unternehmen. Natürlich kennt man sich in so einem kleinen Kanton. Ich war aber nie ein Präsident, der mit der Zuger Cervelat-Prominenz auf Du und Du ist. Mir war immer wichtig, dass wir neutral bleiben.
Rolf Berweger (62) war 12 Jahre lang Kirchenrat und 8 Jahre Präsident der Reformierten Kirche des Kantons Zug. Per Ende Jahr tritt er von seinem Amt und weiteren Verpflichtungen, unter anderem als Stiftungsrat des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen Schweiz, zurück. Vor seiner Tätigkeit bei den Zuger Reformierten war Berweger für eine Schweizer Grossbank tätig, er lebte längere Zeit in China. (bat)
Das waren Sie auch bei der Konzerverantwortungs-Initiative. Dabei ging es darum, dass Konzerne für Verfehlungen im Ausland in der Schweiz haftbar gemacht werden können. Der Kanton Zug hat die Initiative schweizweit am deutlichsten abgelehnt. Wie haben Sie diese Abstimmung als Zuger Kirchenratspräsident erlebt?
Wir haben jedenfalls keine Kovi-Fahne an den Kirchenturm gehängt. Und auch sonst waren wir zurückhaltend. Wir haben zum Beispiel mit einem kontroversen Podiumsgespräch zur Meinungsbildung beigetragen. Auch in Zug haben wir also unser prophetisches Wächteramt wahrgenommen und werden es weiter wahrnehmen. Nur eben nicht so pointiert wie andere, sondern ruhig und bedacht und lieber im bilateralen Gespräch als plakativ.
Sie kennen die Wirtschaftswelt auch von Ihrem früheren Beruf. Sie waren 20 Jahre lang für eine Grossbank im chinesischen Beijing tätig. Wie sind Sie zu den Zuger Reformierten gekommen?
Das Leben als Expat verschleisst enorm und ich war ausgebrannt. Als ich nach Zug zurückkam, war für mich klar, dass ich nicht mehr im Bankenwesen und nicht mehr zu 150 Prozent arbeiten möchte. Die Reformierte Kirche suchte einen Kirchenrat, um das Projekt für einen Neubau des Kirchenzentrums in Zug zu managen.
Dann war es keine religiöse Überzeugung, die Sie zu den Reformierten führte?
Nicht in erster Linie. In China haben wir aber durchaus Gottesdienste gefeiert. Unter anderem in der deutschen Botschaft, die von chinesischen Wachen beschützt wurden. Die Chinesen wussten genau, was wir drinnen feierten, liessen uns aber gewähren. Unsere Gemeinde war klein, dafür umso verschworener.
Was haben Sie in den 12 Jahren als Ex-Banker von der Kirche gelernt?
Dass es durchaus Wichtigeres gibt als nur Geld und Vermögen (lacht). Im Ernst: Ich bin beeindruckt, wieviel Herzblut und Freiwilligenstunden in die kirchliche Arbeit fliesst, um die christlichen Werte als Stütze gerade in dieser Zeit zu leben und zu erhalten.
Was war für Sie das persönliche Highlight in Ihrer Zeit als Kirchenratspräsident?
Wie wir als Kirche auf die Corona-Pandemie regiert haben. Das macht mich sehr stolz. Innerhalb von kürzester Zeit sind neue digitale Angebote aus dem Boden gestampft worden, um auch in schwierigen Zeiten Kontakt zu unseren Kirchenmitgliedern aufrechtzuerhalten. Die Pandemie hat auch uns einen Digitalisierungsschub beschert, der hoffentlich anhalten wird.
Welche Zukunft wünschen Sie der Reformierten Kirche Zug?
Die Ausgangslage ist gut. Die Kirche ist finanziell gut aufgestellt, ist kleinräumig und kompakt. Doch sie darf nicht genügsam sein. Gerade um den Mitgliederschwund muss sie sich kümmern. Hier braucht es Konzepte, wie die Jugend erreicht werden kann.
Wie geht es für Sie persönlich weiter?
Meine Frau und ich lieben das Reisen. Deshalb wollen wir nochmals die Welt erkunden. Zuerst soll es nach Thailand gehen.