Krieg in der Ukraine

In der Fremde eine Brücke zur Heimat schlagen

Theologiestudentin Anna Hemme-Unger hilft Ukrainerinnen, in der Schweiz schneller Fuss zu fassen. Bindeglied ist ein Projekt, das über die reformierte Zürcher Landeskirche finanziert wird.

Vor allem Jugendlichen fällt in der neuen Heimat die Decke auf den Kopf — das Projekt «Galaktika» bringt Ukrainerinnen mit gleichaltrigen Schweizern zusammen. (zVg)

Am 24. Februar 2022 greift Russland die Ukraine an, seither befinden sich die Länder im Krieg gegeneinander. «Das hat mich persönlich betroffen. Ich musste etwas tun», sagt Anna Hemme-Unger, wenn sie sich zurückerinnert. Wenige Monate nach Kriegsausbruch begann sie, sich für Geflüchtete zu engagieren. Sie verteilte Kleider, begleitete Frauen zu Arztterminen und half Jugendlichen bei Schulproblemen. Überall war sie als Übersetzerin gefragt, weil sie fliessend Deutsch und Russisch spricht.

Hemme-Unger ist in London geboren und in Moskau aufgewachsen, über Deutschland kamen sie und ihr Mann vor 16 Jahren in die Schweiz. Hier arbeitete sie zunächst an der Schweizer Börse. Nebenberuflich fand sie Anschluss in der Reformierten Kirche, was schliesslich dazu führte, dass sie den gut bezahlten Job aufgab und sich als Quereinsteigerin für ein Theologiestudium an der Universität Zürich entschied – Fernziel: ein reformiertes Pfarramt. Hemme-Unger gestaltete Friedensandachten in einer reformierten Kirchgemeinde mit und integrierte ukrainische Kinder, Jugendliche und Erwachsene in das kirchliche Leben hier in der Schweiz. 

Kein missionarisches Wirken

Das Engagement wurde derart umfangreich, dass Hemme-Unger entschied, einen Verein zu gründen. «Galaktika» wird als Projekt vom Innovationskredit der reformierten Zürcher Landeskirche unterstützt (siehe Kasten). «Viele ukrainischen Flüchtlinge wollen sich dauerhaft in der Schweiz niederlassen. Sie sind mit komplexen Integrationsprozessen konfrontiert. Wir wollen ihnen dabei helfen», sagt Hemme-Unger.

Kirche in neue Formen giessen

Die Synode der reformierten Zürcher Landeskirche hat für Innovationsprojekte einen Rahmenkredit von fünf Millionen Franken bewilligt, die Gelder sollen im Zeitraum zwischen 2023 bis 2030 ausgeschüttet werden. Bisher sind laut Thomas Schaufelberger, Leiter Abteilung Kirchenentwicklung bei der reformierten Zürcher Landeskirche, im Innovationskredit neun Startkapital-Beiträge bewilligt worden (Unterstützung bis zu 20’000 Franken), elf weitere Gesuche sind in Vorbereitung. Für einen längerfristigen Förderbeitrag von bis zu
200’000 Franken sind drei Projekte in Vorbereitung für eine Gesuchstellung.

Ziel der Projekte soll sein, nachhaltig neue kirchliche Orte oder Formen zu schaffen, sowohl auf Ebene der Kirchgemeinden als auch bei den Landeskirchen. Dank der Innovationsprojekte soll es gelingen, Menschen in Kontakt mit dem Evangelium oder der Kirche zu bringen, die noch nie oder schon lange nicht mehr damit verbunden waren. Ähnliche Projekte gibt es auch in Deutschland («Erprobungsräume»), England («fresh expressions of church») und Holland («Pionier Platzes»). (jow)

Ziel sei, eine sprachliche, kulturelle und religiöse Brücke zu schlagen. Zur «echten Integration» gehöre explizit eine Beteiligung am Schweizer Alltagsleben, unter Einbezug der reformierten Kirche. «Wir wollen die Ukrainerinnen mit der reformierten Kultur vertraut machen, ohne zu missionieren», sagt Hemme-Unger. Ihr ist es wichtig zu betonen, dass sich ihre Arbeit von jener in Migrationskirchen unterscheide. «Wir wollen hier nicht die Ukraine nachbauen, sondern die Flüchtlinge in die Schweiz integrieren.»  

Schwierige Gespräche

Der Verein plant, einmal im Monat einen dreisprachigen Gottesdienst (Deutsch/ Ukrainisch/ Russisch) durchzuführen, erstmals findet dieser Ende September in der Kapelle im Zürcher Grossmünster statt. Vorgesehen sind zudem regelmässige Treffen junger Erwachsener, ältere Personen engagieren sich möglicherweise bei einem Gartenprojekt im Zürcher Stadtkloster. Weiter soll ein Food-Truck restauriert werden, der Schweizer und Ukrainische Mahlzeiten zum Mitnehmen anbietet, und der möglicherweise auch für mobile Gottesdienste verwendet werden kann. 

Geplant sind laut Hemme-Unger darüber hinaus ein Aufbau Sozialer Netzwerke, Ausflüge und Nachhilfeunterricht sowie ein ukrainischer Chor, bei dessen Auftritten Spenden für Waisenhäuser in der Ukraine gesammelt werden. «Vor allem jugendliche Geflüchtete muss ich teilweise in ihrem Ideenreichtum bremsen. Jemand wollte unbedingt einen Sportclub. Das muss warten», sagt Hemme-Unger.

Eine grosse Herausforderung sei es, Räumlichkeiten zu finden. Als schwierig erlebt die 40-Jährige momentan zudem vor allem die seelsorgerliche Arbeit. Die Gespräche seien sehr belastend. «Die Trennung von Familien ist schwer zu ertragen. Den Jugendlichen fällt die Decke auf den Kopf. Bei mir können sie ihre Sorgen loswerden.»

Schön sei hingegen zu erfahren, wie wohlwollend die Ukrainerinnen ausgerechnet ihr als Russin begegneten und sie bei ihren Vorhaben unterstützen, sagt Hemme-Unger. «Wir sind eine friedliche Gemeinschaft, Geflüchtete haben mit uns zuhause am Tisch Weihnachten gefeiert. Sie bringen mir Ukrainisch bei und schreiben die Fürbitten extra in Russisch, damit ich sie lesen kann.» Ein Erfolgserlebnis war es auch, Jugendliche bei der Lehrstellensuche zu unterstützen und ihnen dadurch längerfristig Arbeitsplätze — und eine echte Perspektive für die Zukunft — zu vermitteln.