Reformierte Missbrauchsstudie

«Wir schulen auch die Freiwilligen»

Die reformierten Landeskirchen sind vorangekommen, was den Schutz vor Grenzverletzungen betrifft. Bei der Krisenintervention gibt es noch Handlungsbedarf, sagt Sabine Scheuter, Ansprechperson für Grenzverletzungen bei der Zürcher Landeskirche.

Die Synode der EKS befasst sich mit dem Thema Missbrauch in der Kirche. (Archivbild: Anthony Anex/ Keystone)

Frau Scheuter, einige reformierte Landeskirchen haben bereits Schutzkonzepte erarbeitet, die Grenzverletzungen verhindern sollen. Sie sagen, es gibt dennoch viel zu tun. Wo sehen Sie momentan den dringendsten Handlungsbedarf? 
In der Präventionsarbeit sind wir auf gutem Weg, da haben wir schon viele Bausteine implementiert. Dazu zählt unter anderen die Erarbeitung eines Verhaltenskodexes. Was jedoch das Krisenmanagement und vor allem die Intervention bei Vorfällen angeht, bauen wir erst Strukturen auf. Da braucht es auch Hilfestellungen seitens der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). 

Wie könnte diese Unterstützung konkret aussehen?
In der Novembersynode der EKS wird ein Antrag vorgelegt werden, der allen Mitgliedkirchen ein Schutzkonzept mit sechs Bausteinen empfiehlt. Eine EKS-Arbeitsgruppe hat Empfehlungen und Materialien zusammengestellt, um auch kleinere Kirchen bei der Erarbeitung eines Schutzkonzeptes zu unterstützen. Wichtig finde ich auch die Vernetzung, nicht alle Landeskirchen können den Austausch mit Betroffenenorganisationen stemmen oder Qualitätsstandards für Anhörungen erarbeiten. Weiter sollte es für kirchliche Fachpersonen eine einheitliche, fundierte Ausbildung geben, zum Beispiel in Form eines CAS. Auch eine Studie ist wichtig, die sowohl Daten liefert, wie auch eine qualitative Befragung enthält. Die von der EKS vorgeschlagene Dunkelfeldstudie ist aus meiner Sicht ein gangbarer Weg. 

Sie sagen, es ist vor allem wichtig, auf Gemeindeebene genau hinzuschauen, also etwa in der Jugendarbeit. 
Hier sind die Schulungen ein wichtiges Instrument, verbunden mit Regeln und Empfehlungen aus dem Verhaltenskodex. Dieser gibt einerseits vor, wie ich mich in welchen Risikosituationen verhalten soll, und trägt dazu bei, in anspruchsvollen Situationen genau hinzuschauen. Ziel ist, dass es für alle möglichst sicher ist. Ein Grossteil der Mitarbeitenden der Zürcher Landeskirche ist bereits geschult, seit diesem Jahr erarbeiten wir auch Schulungen für die Freiwilligen. Die Gemeinden sollen sie sensibilisieren und informieren können, so dass auch sie mit Risikosituationen möglichst achtsam umgehen können. Zunächst setzen wir in der Kinder- und Jugendarbeit an, danach sollen Bereiche wie Alter und Besuchsdienste folgen. 

Zur Person

Die Theologin Sabine Scheuter arbeitet im Bereich Personalentwicklung und Diversity in der reformierten Zürcher Landeskirche. Sie ist Ansprechperson für Betroffene von Grenzverletzungen und sexualisierter Gewalt. Scheuter ist zudem Präsidentin der Frauen- und Genderkonferenz der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). (jow)

Im Zusammenhang mit der Causa Locher hat die EKS eine Wiedergutmachungszahlung geleistet. Ist es denkbar, dass solche Zahlungen Standard werden? 
In der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt es Anerkennungskommissionen, an die sich Betroffene wenden können. Wir arbeiten daran, auszuarbeiten, wie Wiedergutmachung bei uns aussehen und welche Form sie haben könnte. Die Frage hat auch eine theologische Dimension: Wir können um Entschuldigung bitten, entschuldbar ist das Verhalten aber nicht.

An der Gendertagung war auch der gesellschaftliche Umgang mit Sexualität ein Thema, und die Frage, wie kirchliche Organisationen damit umgehen. Wie sehen Sie die Rolle der Kirche?
Der Umgang mit Sexualität ist im kirchlichen Unterricht und in der Erwachsenenbildung ein Thema, und die Kirche hat das bisher eher gescheut. Wir sollten prüfen, wo wir einen Beitrag leisten können, dass Sexualität auf eine offenere und menschenfreundlichere Art besprochen wird und dabei auch die eigenen Grenzen besser gespürt und kommuniziert werden können. Das muss immer stufengerecht sein. Die Schulen übernehmen viel, aber auch wir können mehr dafür tun.