«Auch andere profitieren von den Ergebnissen der Studie»
Rita Famos, der Rat der EKS sieht eine Dunkelfeldstudie vor (ref.ch berichtete). Worum handelt es sich dabei?
Eine Dunkelfeldstudie soll auch jene Fälle ans Licht bringen, die in keinen Akten dokumentiert sind und die Betroffene nicht von sich aus gemeldet haben. Sie besteht im Kern aus einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. Dadurch soll das Ausmass des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Umfeld erfasst und mit anderen Gesellschaftsbereichen verglichen werden. Letzteres ist wichtig, um die zentrale Frage zu beantworten, welche Faktoren zu sexuellem Missbrauch führen. Auch die Erwartungen und Bedürfnisse der Betroffenen werden erhoben.
Warum soll die Studie nicht auf das reformierte Umfeld begrenzt werden?
Wenn wir durch die Studie etwas erfahren wollen über die evangelisch-reformierten Spezifika, die uns besonders anfällig für sexuellen Missbrauch oder dessen Vertuschung machen, müssen wir die Befunde mit anderen Gesellschaftsbereichen vergleichen. Es geht nicht darum, besser als andere zu sein, sondern die eigenen Gefahren und Schwachstellen besser zu kennen. Neben der reformierten Kirche profitieren auch andere gesellschaftliche Akteure von den Ergebnissen der Studie.
Hat der Rat eine finanzielle Beteiligung anderer Organisationen abgeklärt?
Der Rat will versuchen, einen Teil der Kosten durch Drittmittel zu refinanzieren. Um Verzögerungen zu vermeiden, verzichtet er darauf, einen allfälligen Antrag beim Schweizerischen Nationalfonds abzuwarten.
Laut kath.ch fanden Verhandlungen mit der katholischen Kirche über eine gemeinsame Studie statt. Woran ist dieses Projekt gescheitert?
Mit der katholischen Kirche haben wir eine gemeinsame Finanzierung der Studie geprüft. Sie ist nicht zustande gekommen. Entscheidend waren organisatorische Unterschiede und wohl auch finanzielle Engpässe. Wir pflegen einen guten Kontakt und wollen unbedingt sicherstellen, dass die Katholiken alle Ergebnisse erhalten, die sie für ihre Aufarbeitung und die Präventions- und Schutzmassnahmen brauchen.
Welche Vorteile hätte eine gemeinsame Studie gebracht?
Aus wissenschaftlicher Sicht keine. Die Dunkelfeldstudie erfasst andere Kirchen, Religionsgemeinschaften, Gesellschaftsbereiche und Institutionen ohnehin mit. Eine gemeinsame Finanzierung der Datenerhebung wäre aus ökonomischen Überlegungen aber sinnvoll. Wenn sich die römisch-katholische Kirche daran beteiligen möchte, sind wir selbstverständlich offen dafür.
Ein Punkt im Massnahmenpaket ist die Schaffung eines Beteiligtenrates, in dem sowohl Betroffene als auch Kirchenpolitikerinnen eingebunden sind. Das Gremium hat den Status einer EKS-Kommission. Warum ist es aus Sicht der EKS sinnvoll, Betroffene innerhalb von kirchlichen Strukturen einzubinden?
Das ist ein wichtiges Learning aus der Missbrauchsstudie der Evangelischen Kirche in Deutschland: Betroffene sind, insofern sie dazu bereit sind, besonders wichtige Auskunftspersonen und Expertinnen. Auf sie zu hören und von ihnen zu lernen, ist auch eine Form der Anerkennung.
Sollte ein solcher Rat nicht unabhängig sein?
Die Betroffenen sind bereits heute zum Teil in Selbsthilfeorganisationen zusammengeschlossen. Wenn die Expertise der Betroffenen aber möglichst effektiv in die Entscheidungsfindungsprozesse einfliessen soll, braucht es dazu auch Fachwissen über kirchliche Strukturen und Abläufe. Diese Koordination kann durch eine Kommission sehr gut geleistet werden. Wir wünschen uns eine möglichst enge Zusammenarbeit und wollen auf die Kommunikation der Betroffenen keinen institutionellen Einfluss nehmen. Unabhängigkeit ist jedoch insbesondere für die Meldestellen wichtig. Hier achten die Mitgliedkirchen sehr gut darauf, dass sich Betroffene nicht an die Kirche wenden müssen. Vorgesehen ist, dass der Beteiligtenrat bis September gebildet sein soll.
Das ist sehr kurzfristig. Wie und wann wird die Besetzung durchgeführt?
Der Rat wird einen konkreten Vorschlag dazu bereits in seiner ersten Sitzung nach der Synode diskutieren. Die Synode debattiert Anfang Juni über die Anträge zum Thema Missbrauch.
Wie sind die Kantonalkirchen bisher in den ganzen Prozess einbezogen worden?
Die Kantonalkirchen wurden über mehrere Sitzungen der Kantonalpräsidien einbezogen. Dabei wurden Massnahmen zum Schutz der persönlichen Integrität vorgestellt und über das mögliche Studiendesign diskutiert. Auf operativer Ebene koordiniert eine Fachgruppe, moderiert von Ratsmitglied Ruth Pfister, den inhaltlichen Austausch. Seit 2020 lädt die EKS zu regelmässigen Austauschtreffen mit den zuständigen Verantwortlichen in den Mitgliedkirchen ein.
Die Studie kostet viel Geld. Muss die EKS dafür in den kommenden Jahren andere Projekte zurückstellen?
Auch wenn ein grosser Teil aus dem Organisationskapital genommen werden soll und der Rat davon ausgeht, dass er Drittmittel finden kann, wird ein Teil über Einsparungen und Aufschub von Projekten finanziert werden. Der Rat beginnt die Budgetdebatte in der Maisitzung und berät darüber. Das letzte Wort hat die Synode.
Das Interview wurde schriftlich geführt.