Betroffene besser schützen
Der Umgang mit Übergriffen und Missbrauch gibt in der reformierten Kirchenlandschaft weiter zu reden. In zwei Wochen berät das Kirchenparlament an der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) über eine «Dunkelfeldstudie». Im Vorfeld hat nun die Frauen- und Genderkonferenz der EKS das Thema auf die Agenda gesetzt, kurzfristig, wie die Organisatoren sagten.
Sabine Scheuter, Ansprechperson für Betroffene von Grenzverletzungen und sexualisierter Gewalt bei der reformierten Zürcher Landeskirche, blickte in ihrem Referat zunächst zusammenfassend auf die Missbrauchsstudie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zurück. Diese war im Januar publiziert worden. Die Forscher sprachen damals von mindestens 2225 Betroffenen und 1259 mutmasslichen Tätern (ref.ch berichtete).
Juristische Folgen als Hindernis
Dann kam Scheuter auf die Herausforderungen zu sprechen, die für die EKS und die reformierten Landeskirchen anstehen. Der Kontakt zu Betroffenenorganisationen könne verstärkt werden, die Vernetzung sei in der Schweiz weniger weit fortgeschritten als in anderen Ländern, sagte sie. Landeskirchen stünden mit Betroffenen in Kontakt, aber das sei insgesamt gesehen ein sehr kleiner Teil. «Die Betroffenen wurden nie explizit eingeladen, sich zu melden. Wir kennen ihre Bedürfnisse zu wenig.» Die Professionalität der Meldestellen sei sehr unterschiedlich, auf Gemeindeebene oft noch unzulänglich.
Gegenwärtig liege zu viel Verantwortung auf den Schultern der Überlebenden sexualisierter Übergriffe oder sexualisierter Gewalt, sagte die Autorin und SP-Nationalrätin Anna Rosenwasser, die als Gast der Tagung geladen war. «Sie hat es ja so gewollt, sie hätte nicht so kurze Kleider tragen dürfen, sie hätte sich nicht so anstellen sollen», heisse es oft im Zusammenhang, wenn jemand einen Übergriff melde.
Sexualität dürfe nicht mehr stigmatisiert werden, es brauche im Alltag eine gesunde Gesprächskultur, sagte Rosenwasser. Dass dies kulturhistorisch nicht aufgearbeitet sei, sei die Mitverantwortung der Kirche. Die Dominanz des Verständnisses, Sexualität sei «sündig», habe ihren Ursprung in der Religiosität, sagte die Politikerin weiter. Die Kirche habe deshalb eine besondere Pflicht, Räume zu schaffen, «wo wir uns wohl und sicher fühlen im Austausch über die eigene Sexualität.» Klar sei, dass sich die Kirche bewegen müsse. «Ich erwarte von ihr, dass sie Menschen, die sich mit Erfahrungen sexualisierter Gewalt an sie wenden, mit Empathie und Verständnis unterstützt», sagte Rosenwasser. (jow)
Es brauche auch ein vertieftes Nachdenken über Entschuldigungen. «Eine Bitte um Entschuldigung darf nie leichtfällig und billig sein, sie muss sorgfältig geschehen.» Oft drückten sich kirchliche Verantwortliche um Entschuldigungen aus Angst vor möglichen juristischen Folgen. Verschiedene Landeskirchen befassten sich mit Fragen wie diesen. Die Evangelische Kirche in Deutschland kennt laut Scheuter bereits Anerkennungs-Kommissionen, die sich auch mit finanziellen Entschädigungen befassten.
Unterschiedlicher Wissensstand
Weiter sei ein professionelles Krisenmanagement gefragt. Scheuter zeigte dabei auch innerkirchliche Konfliktfelder auf. Mitarbeitende der Zürcher Landeskirche müssten Schulungen zur Sensibilisierung verpflichtend besuchen, Behördenmitglieder dagegen nicht. «Melden kirchliche Mitarbeitende Beobachtungen, reagieren Behörden in einzelnen Fällen mit Abwehr», brachte Scheuter das auf den Punkt. «Da haben wir grossen Entwicklungsbedarf.»
Problematisch sei darüber hinaus auch das «überhöhte Bild» der Pfarrpersonen. «Ein Pfarrer tut so etwas nicht», halte sich noch immer in den Köpfen und stehe kontraproduktiv zur Aufarbeitung von Fällen. «Unser reformatorisches Erbe steht uns im Weg», sagte Scheuter. Das Machtbewusstsein müsse immer wieder hinterfragt werden.
Erschwerend komme hinzu, dass es bei Pfarrpersonen kaum eine Trennung von Beruf und Privatleben gebe. Die Wohnsitzpflicht gelte es zu hinterfragen, sie befeuere diese Problematik. «Das macht es für die Präventionsarbeit maximal schwer, sicherheitsfördernde Regeln zu fordern und durchzusetzen.»
Am 10. Juni kommen die EKS-Synodalen in Neuenburg zusammen. Auf der Traktandenliste steht auch die Debatte über eine von der EKS vorgeschlagene Dunkelfeldstudie. Ende des vergangenen Jahres hatte EKS-Präsidentin Rita Famos erstmals von einer möglichen Studie zu Missbrauch in den reformierten Landeskirchen der Schweiz gesprochen. Vor rund einem Monat legte die EKS dann den Vorschlag vor, dass die Universität Luzern für 1,6 Millionen Franken eine repräsentative Bevölkerungsbefragung durchführt.
Zuvor hatten Historikerinnen der Universität Zürich im vergangenen Herbst in einer Pilotstudie aufgezeigt, dass es seit den 1950er-Jahren schweizweit mindestens 1002 Fälle von Missbrauch in der Schweizer katholischen Kirche gegeben hat (ref.ch berichtete).