Reformierte Missbrauchsstudie

«Opfer sollten ihre Geschichte nur einmal erzählen müssen»

Marie-Claude Ischer setzt sich seit Jahren für die Aufarbeitung von Missbrauch in der evangelisch-reformierten Kirche ein. Anlaufstellen müssten Opfer auch emotional schützen, fordert sie.

Eine Pilotstudie hat bereits Zahlen zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche in der Schweiz geliefert. (Bild: Alessandro Crinari/ Keystone)

Marie-Claude Ischer, im vergangenen August haben Sie gesagt, die Aufarbeitung von Missbräuchen in der evangelisch-reformierten Kirche stehe erst am Anfang. Was hat die Ankündigung einer Studie bei Ihnen ausgelöst?
Mein erster Gedanke war: Endlich wird den Betroffenen geglaubt. Ich möchte die Arbeit würdigen, die seit der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie der Evangelischen Kirche in Deutschland im Januar dieses Jahres geleistet wurde. Die allgemeine Haltung hat sich verändert. Es wird anerkannt, dass es Missbrauchssituationen auch in der evangelisch-reformierten Kirche gibt. Das war lange und längst nicht bei allen der Fall. Was die geplante Dunkelfeldstudie der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) angeht, hoffe ich, dass die EKS-Synode sie im Juni konkretisiert. Noch gibt es offene Punkte.

Zum Beispiel?
Die Formulierung der Fragen in der repräsentativen Studie wird ausschlaggebend dafür sein, ob Missbrauchsbetroffene bereit sind, auszusagen. Die Fragestellungen sollten frei von Bewertungen oder gar Schuldzuweisungen sein. Am Anfang des Dokuments an die Synode werden ausserdem verschiedene Arten von Missbrauch erwähnt. Beim Abschnitt zur Studie ist aber nur noch die die Rede von sexuellem Missbrauch. Ich halte es für wichtig, auch spirituellen Missbrauch oder Machtmissbrauch zu untersuchen.

«Die Untersuchung in der Causa Locher hat vielen die Augen für die Problematik geöffnet.»
Marie Claude Ischer, Vorstandsmitglied femmes protestantes

Was halten Sie von der Idee, die repräsentative Studie in der Gesamtbevölkerung durchzuführen?
Für die Kantonalkirchen ist es extrem aufwendig und schwierig, Informationen in den Archiven zu finden. Wahrscheinlich dürfte auch sehr wenig bezüglich Missbrauchsfällen archiviert worden sein. Insofern erscheint mir eine repräsentative Umfrage der richtige Weg zu sein.

Das Thema Missbrauch in der Kirche ist nichts Neues. Wieso hat es so lange gedauert zum Schluss zu kommen, dass eine Studie zur Aufarbeitung beitragen könnte? 
Es war sicher ein Prozess. Die Missbrauchsstudie der katholischen Kirche in der Schweiz, die im September 2023 veröffentlicht worden ist, hat dem wohl Schub verliehen. In der Westschweiz hatte ein Bericht einer Kirchenkommission aus dem Jahr 2021 einen wichtigen Einfluss – ich habe ihn damals studiert und dem EKS-Rat weitergeleitet. Seither haben sich Menschen direkt an die evangelisch-reformierten Landeskirchen gewendet, die Missbrauch erlebt haben oder noch immer erleben. 

Zur Person

Marie-Claude Ischer war bis im vergangenen August Ratspräsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Waadt. Seit Mai 2024 ist sie Vorstandsmitglied der femmes protestantes (vormals Evangelische Frauen Schweiz). Ischer ist Mediatorin und war mehrere Jahre im Leitungsteam eines Frauenhauses im Kanton Waadt. Von 2020 bis 2021 präsidierte sie die Untersuchungskommission zur Causa Locher. (pef)

Die Missbrauchsstudie der EKS soll die Strukturen besser beleuchten, die sexuellen Missbrauch begünstigen. Welche sind das aus Ihrer Erfahrung?
Die üblichen – dass man den Menschen nicht glaubt, die ihre Geschichte erzählen; die Behauptung, dass unser System keine Missbräuche zulässt; die Banalisierung von Gewalttaten, übergriffigen Gesten oder Handlungen.

Sie waren Präsidentin der Untersuchungskommission zur Causa Locher. Sind Erkenntnisse daraus in das Studiendesign eingeflossen?
Ob sie sich auf das Konzept der Studie ausgewirkt haben, weiss ich nicht. Die Untersuchung hat aber sicher vielen Mitgliedern von Synoden und Räten die Augen für diese Problematik geöffnet. Zudem bin ich Mitglied der Gruppe, welche die Grundlagen und Standards zum Schutz der persönlichen Integrität überarbeitet. Das gehört zu den Empfehlungen, die wir nach der Aufarbeitung der Causa Locher gemacht haben.

Die meisten Kantone verfügen schon über neue Schutzkonzepte. Weshalb müssen die Standards bereits wieder überarbeitet werden?
Es handelt sich um einen Auftrag der EKS-Synode. Wir arbeiten an verschiedenen Aspekten, von der Terminologie über die Prävention bis zur Einleitung von Verfahren. Wir definieren Missbrauch, erarbeiten Richtlinien für den Umgang mit Aussagen von Betroffenen und Zeugen oder erklären, wie ein Krisenstab funktioniert. Das Ziel ist ein möglichst vollständiger Werkzeugkasten, auf den die EKS und ihre Mitgliedkirchen zurückgreifen können, um ihre eigenen Schutzkonzepte weiterzuentwickeln.

«Missbrauch muss man entschieden entgegentreten.»
Marie Claude Ischer, Vorstandsmitglied femmes protestantes

Eine andere Empfehlung war eine nationale Anlaufstelle für Missbrauchsopfer. Auch das gibt es schon auf kantonaler Ebene.
Die Idee ist, dass Missbrauchsopfer sich an eine zentrale Stelle wenden können und ihre Geschichte nur einmal erzählen müssen. Die Anlaufstelle trifft dann alle nötigen Sicherheitsvorkehrungen und leitet die Aussage an die Mitgliedkirche weiter, die es betrifft – sofern das Opfer damit einverstanden ist. Es ist emotional unzumutbar, dass Opfer ihre Geschichte drei- oder viermal erzählen müssen. Um Vertrauen zu schaffen, muss die Stelle von externen Experten geführt sein.

Die nächste Frauen- und Genderkonferenz der EKS thematisiert die Folgen der EKD-Studie für die Schweiz. Sie halten ein Referat mit dem Titel «Die Mechanismen der Allmacht in der Kirche: Eine wirkmächtige Illusion». Was meinen Sie damit? 
In unserer Kirche ist immer die Rede davon, dass wir alle Brüder und Schwestern sind. Dieser Gedanke wird von manchen Personen pervertiert, die sich missbräuchlich verhalten. Im Namen der geschwisterlichen Liebe sollten alle anderen akzeptieren, was sie tun und sagen. Das ist eine Illusion. Begehen Personen durch Worte oder Gesten Missbräuche, müssen wir ihnen entgegentreten. Doch das fällt uns in unserer Kirche sehr schwer.

Welche Rolle spielen Hierarchien beim Thema Missbrauch?
Personen mit einem Amt – sei es als Kirchgemeinderat, als Synoldaratspräsident oder als Pfarrperson – verfügen über eine gewisse Autorität. Manche Menschen in verwundbaren oder wehrlosen Situationen erhoffen sich von ihnen Rat oder Trost. Die Rolle der Autoritätsperson besteht darin, die ratsuchende Person bei der Entscheidungsfindung mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen zu unterstützen. Manche Amtsträger geraten stattdessen in Versuchung, selbst Entscheidungen für die verletzlichen Person zu treffen. Dann befinden wir uns im Bereich der Einflussnahme, die schnell in eine gefährliche Spirale führt.