Kirchenzukunft

Andere an die eigenen Probleme heranlassen

Eine Gruppe von Tüftlerinnen hilft Kirchgemeinden dabei, Herausforderungen aller Art zu meistern. Sie greift dafür auf eine Methode aus der Welt des Designs und der Produktentwicklung zurück. Eignet sie sich auch für die grossen Fragen?

Ideen und Fragen werden bei der «Church Challenge» auf Post-it-Zetteln gesammelt, allerdings virtuell (Bild: Getty Images)

«Wir haben eine neue Challenge erhalten!», steht im E-Mail an die rund 25 Empfängerinnen. Gefolgt von der Frage, wer sich darauf einlassen will. Ohne genau zu wissen, worum es geht, sagen einige zu. Was am Ende dabei herauskommt, steht in den Sternen. Genau so will es das Projekt «Church Challenge» von «Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer» (A+W) und «Kirche in Bewegung». Kirchgemeinden aus der ganzen Schweiz können sich mit jeder erdenklichen Herausforderung an sie wenden – und erhalten zwei Wochen später neue Denkanstösse präsentiert.

« Design Thinking eignet sich für Herausforderungen, bei denen man noch nicht weiss, wo die Lösung zu finden ist. »
Monika Wilhelm, Verantwortliche für den Bereich Innovation bei «A+W»

Das Projekt existiert seit einem Jahr und wird von Monika Wilhelm und Marlise Graf betreut. Sie wollen nichts weniger als einen Kulturwandel in den Kirchgemeinden anstossen. «Wir müssen einander helfen», sagt Wilhelm. Häufig seien die Kirchgemeinden mit ihren Problemen auf sich alleine gestellt. Und an Problemen mangelt es zurzeit kaum. Die Gesellschaft befindet sich im Umbruch, die Kirchen hinken hinterher.

Wilhelm und Graf befassen sich beide beruflich mit der Frage, wie es mit der Kirche weitergehen soll. Wilhelm ist «A+W» für den Bereich Innovation verantwortlich, ihre Kollegin Marlise Graf ist Projektmitarbeiterin bei «Kirche in Bewegung» der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. «Oft haben die Angestellten der Kirchgemeinden einen hohen Anspruch an sich selbst», sagt Graf. Bei alltäglichen Herausforderungen Aussenstehende einzubeziehen, sei ungewohnt.

Diversität als Inspirationsquelle

Das wollen Graf und Wilhelm ändern. Der Grundgedanke der «Church Challenge» lautet: Je mehr Aussenstehende mit diversen Hintergründen zusammen ein Problem analysieren, desto kreativere und überraschendere Lösungsansätze können entstehen. Dafür bedienen sich Wilhelm und Graf einer Herangehensweise – andere nennen es eine Haltung – mit dem Namen «Design Thinking». «Sie eignet sich für Herausforderungen, bei denen man noch nicht weiss, wo die Lösung zu finden ist», sagt Wilhelm. Sie befasst sich seit Jahren damit und arbeitet mit der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) zusammen, in der «Design Thinking» in der Aus- und Weiterbildung etabliert ist. Seit diesem Jahr bieten «A+W» und die ZhdK zudem gemeinsam den Lehrgang «CAS Innovationsdesign in der Kirche» an.

Entwickelt wurde «Design Thinking» von einem amerikanischen Ingenieur und Gründer der Designfirma Ideo. Es soll helfen, unternehmerische und soziale Innovation zu fördern und komplexe Probleme zu lösen. «Design Thinking geht vom Menschen aus», sagt Wilhelm. Deshalb hält sie die Herangehensweise besonders gut für die Kirche geeignet.

« Es ist eine erfrischende Idee, auf die wir selber nicht gekommen sind. »
Denise Perret, Pfarrerin der Kirchgemeinde Sissach

Die jüngste Challenge stammt von der Kirchgemeinde Sissach im Kanton Basselland. Sie will ihr historisches Pfarrhaus zu einem Begegnungszentrum umnutzen, das möglichst niederschwellig und offen ist. Wie ihr das am besten gelinge, wollte sie vom «Church Challenge»-Team wissen. «Grösstenteils haben wir die Challenge aus Neugier eingereicht», sagt Pfarrerin Denise Perret. Da sich die Kirchgemeinde mit dem grossen Projekt rund um das Pfarrhaus in einem Umstrukturierungsprozess befinde, sei man auf eine Perspektive von aussen gespannt gewesen. Und: Ihre Erwartungen seien nicht enttäuscht worden.

Mit Assoziationen arbeiten

Nach der Anfrage aus Sissach haben Graf und Wilhelm einen Aufruf ans Team geschickt – zehn Personen hatten Lust, mitzudenken. «Sie leben verteilt in der Region Bern, Zürich, Chur oder sogar Berlin und sind alle in der Kirche tätig», sagt Marlise Graf. Wie sie selbst haben die Teilnehmer in der Vergangenheit an einer Weiterbildung von «A+W» zum Thema «Design Thinking» teilgenommen. «Es ist eine Win-Win-Situation», sagt Graf. Die ehemaligen Teilnehmerinnen des Kurses könnten das Erlernte praktisch anwenden und die Kirchgemeinden erhielten Anregungen, wie sie sich weiterentwickeln könnten. Zurzeit steht noch der Übungseffekt im Vordergrund. Die Ressourcen, um Anfragen aus den Kirchgemeinden entgegenzunehmen, sind begrenzt.

Der Prozess läuft ausschliesslich digital. Im ersten Schritt wird die Fragestellung mit den Auftraggebern genau geklärt. «Manchmal sind die Fragestellungen diffus oder es werden mehrere Fragen gleichzeitig gestellt», sagt Graf. Für den Prozess bräuchte es unbedingt eine klare Frage, die mit «Wie können wir» beginnt. Das erfordert, herauszufinden, was die Antragsteller genau wollen und weshalb sie es wollen.

Aus diesem Grund eigne sich die «Church Challenge» auch nicht für die ganz grossen Herausforderungen wie der Mitgliederschwund – zu allgemein und vage sind sie. Bei der «Church Challenge» geht es eher um kurzfristige und konkrete Angelegenheiten. Haben Wilhelm und Grad die eigentliche Frage definiert, wird sie mit allen Teilnehmern geteilt. Danach geht es darum, den Prozess zu öffnen.

« Wir liefern keine Patentlösungen. »
Marlise Graf, Projektmitarbeiterin bei «Kirche in Bewegung»

Auf einem Online-Whiteboard arbeiten die «Design Thinkerinnen» individuell oder per Zoom. Sie sind aufgerufen, alle möglichen verwandten Fragen und Assoziationen auf virtuellen Post-It-Zetteln festzuhalten. Dafür können sie beispielsweise Bilder malen, Videos und Links verknüpfen oder Leute aus ihrem Umfeld konsultieren. Technische oder organisatorische Hürden sollen in dieser Phase so gut es geht ignoriert werden. Anschliessend werden die Resultate eingeordnet, bewertet und zu etwas konkreteren Vorschlägen ausgearbeitet.

Ein Denkanstoss für die Kirchgemeinde Sissach lautete etwa, die Aufmerksamkeit der Baustelle beim Kirchgemeindehaus zu nutzen und die Leute dazu einzuladen, ihre eigenen Vorschläge mittels eines QR-Codes einzureichen. «Es ist eine erfrischende Idee, auf die wir selber nicht gekommen sind», sagt Pfarrerin Denise Perret. Sich per Online-Formular eine andere Tapetenfarbe im Pfarrhaus zu wünschen, wird jedoch schwierig. «Das Pfarrhaus steht unter Denkmalschutz, viele Akteure reden mit», sagt sie. Die Baustelle für die Öffentlichkeitsarbeit zu nutzen, sei aber eine Idee, die sie prüfen wollten.

Fragen kostet nichts

Viel konkreter sehen auch die anderen Ideen der «Design Thinkerinnen» nicht aus. «Wir liefern keine Patentlösungen», sagt Graf. Wer die Denkanstösse präsentiert bekommt, habe noch viel Arbeit vor sich, betont auch Wilhelm. Denn die «Design Thinkerinnen» der «Church Challenge» machen auf halber Strecke des Prozesses halt. Für die konkrete Ausarbeitung und das Testen von Lösungen seien wieder die Kirchgemeinden verantwortlich. Dazu brauche es auch das Wissen vor Ort. «Dafür ist unser Angebot gratis», sagt Wilhelm.

In früheren Challenges ging es darum, ukrainische Flüchtlinge besser in den Gottesdienst einzubinden, die Angebote einer Gemeinde für Kinder und Jugendliche unter einem Logo zu verbinden oder Inspirationen für die Suche nach der passenden Person für einen kirchlichen Job. Unmittelbar nach der Übergabe gebe es eine Feedbackrunde, erklärt Graf. Was aus den eingereichten Anfragen im Detail wurde, wissen Graf und Wilhelm aber noch nicht. Eine ausführliche Evaluation bei den Kirchgemeinden befinde sich zurzeit in Arbeit.

Auch in Sissach ist noch unklar, ob das «Design Thinkin» Früchte trägt. «Wir haben keine pfannenfertigen Lösungen erwartet», sagt Perret. Hilfreich sei die Diskussion zur Fragestellung am Anfang gewesen. Zudem schätzt sie, mit welcher Geschwindigkeit die Kirchgemeinde neue Impulse für ein so komplexe Projekt erhalten hat. Nun geht es ans Konkretisieren und Austesten.