Christoph Herrmann im Porträt

Kein Einzelkämpfer

Christoph Herrmann wäre beinahe in der Hotellerie oder in der Schauspielerei gelandet. Karriere machte er schliesslich als Pfarrer. Nun verabschiedet sich der Baselbieter Kirchenratspräsident in den Ruhestand.
Bevor er Kirchenratspräsident wurde, war Christoph Herrmann über 30 Jahre im Pfarramt. (Bild: Katja Schmidlin / reflb.ch)

Wenn Christoph Herrmann über seine Zeit als Kirchenratspräsident spricht, tut er dies meist in der «Wir-Form». Für den 61-Jährigen, der nach fünfeinhalb Jahren an der Spitze der Baselbieter Kirche nun in Pension geht, war Kirche immer ein gemeinsamer Weg. «Es ist wie beim Pilzsammeln, gemeinsam findet man mehr.»

Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch Herrmanns Berufsleben. Als langjähriger Pfarrer der Kirchgemeinde Oberwil-Therwil-Ettingen schätzte er besonders den Austausch mit Jugendlichen. «Mich mit ihnen auf Augenhöhe über Lebens- und Glaubensfragen zu unterhalten, gehörte zu den wertvollsten Erfahrungen meiner Zeit als Pfarrer», sagt er.

Gefragt war das Gemeinschaftliche aber auch später in seiner Funktion als Kirchenratspräsident, in die Herrmann 2019 gewählt wurde. Die Baselbieter Kirche befand sich damals mitten im Umbruch: Wie andere Kantonalkirchen hatte sie mit sinkenden Mitgliederzahlen und schwindenden Ressourcen zu kämpfen. Zudem mussten jährlich 1,5 Millionen Franken in die Pensionskasse eingeschossen werden, um eine Unterdeckung zu schliessen.

«Es bringt nichts, den Mitgliederschwund um jeden Preis aufhalten zu wollen.»
Christoph Herrmann

Abhilfe schaffen sollte die Totalrevision der Kirchenverfassung, die im Jahr von Herrmanns Amtsantritt vom Stimmvolk angenommen wurde. Ein Ziel war es, Fusionen unter Kirchgemeinden künftig zu erleichtern. «Dafür haben wir den Verteilschlüssel für die Gelder der Kantonalkirche angepasst. Zudem fördern wie Ehrenamtlichkeit und Interprofessionalität in den Gemeinden», sagt Herrmann.

Umdenken statt aufhalten

Heute sieht Herrmann die Baselbieter Kirche als zukunftsfähig. Trotzdem glaubt er nicht, dass sich der Mitgliederschwund aufhalten lässt. «Das ist ein gesellschaftlicher Trend, den wir nicht beeinflussen können», sagt er. Statt diesen um jeden Preis aufhalten zu wollen, sei es wichtiger, in den Gemeinden zusammenzustehen.

Was Hermann konkret damit meint, zeigt sich an seiner Haltung zum sogenannten Plan P des Ausbildungskonkordats. Dieser sieht vor, dass Akademikerinnen und Akademiker ab 55 Jahren eine verkürzte Ausbildung absolvieren können, um eine Pfarrstelle zu übernehmen – als Mittel gegen den Pfarrmangel. Herrmann gehört zu den Kritikern des Notfallplans. «Das Pfarramt lebt von der Tiefe der theologischen Ausbildung, der Plan P setzt das aufs Spiel.»

Doch was wäre die Alternative, wenn Pfarrämter nicht mehr besetzt werden können? Herrmanns Antwort überrascht nach dem Gesagten nicht. Mit einem starken Gemeinschaftssinn lasse sich vieles auffangen, ist er überzeugt. «Zum Beispiel können Gemeindemitglieder gemeinsam Gottesdienste gestalten. Oder Kirchgemeinden arbeiten enger zusammen oder setzen vermehrt auf Laienpredigende. Es gibt also durchaus Optionen.»

Für die Alten da sein

Wichtig sei auch, dass die Kirche weiter auf ihre Angebote aufmerksam mache. Ein Anliegen war für Herrmann, das diakonische Engagement in der Baselbieter Kirche zu stärken. Dazu wurde in seiner Amtszeit das Projekt «Spiritualität und Seelsorge im Alter» ins Leben gerufen. «Es ist die zentrale Aufgabe der Kirche, für die Verletzlichen da zu sein», sagt er.

«Als Pfarrer muss man rechnen können, ein guter Gastgeber sein und manchmal auch schauspielern.»
Christoph Herrmann

Herrmann verbindet damit eine persönliche Erinnerung. Als Pfarrer leitete er einmal einen Erntedank-Gottesdienst auf der Demenzabteilung eines Pflegeheims. Es war ein schlichter Gottesdienst, mit ein paar Früchten wurde das Fest versinnbildlicht. Am nächsten Tag begegnete er einer Teilnehmerin wieder. «Die demente Frau, die sonst tief in ihrer eigenen Welt lebte, erkannte mich und sagte nur: ‹Erntedank›. Das war unendlich berührend.»

Wenn Herrmann über den Pfarrberuf spricht, ist seine Leidenschaft spürbar. Dabei war für den Jugendlichen lange nicht klar, welchen Beruf er ergreifen wollte. In Deutschland aufgewachsen, kam er als 13-Jähriger nach Riehen im Kanton Basel-Stadt. Dort fand er einen Schulfreund, dessen Vater Pfarrer war. «Dadurch bekam ich einen ersten Einblick in diesen Beruf», erinnert er sich.

Die Hotellerie hat ihn auch gereizt

Später interessierte er sich für Wirtschaft, die Hotellerie und das Schauspielern. «Schliesslich bin ich doch auf den Pfarrberuf gekommen, weil man dort alle Fähigkeiten verbinden kann: Man muss rechnen können, ein guter Gastgeber sein und manchmal auch schauspielern».Nun tritt Herrmann von der Bühne ab. Seine Liebe zu den Menschen wird auch in den kommenden Jahren nicht zu kurz kommen. Aus seiner geschiedenen Ehe hat Herrmann drei erwachsene Kinder, auch seine Partnerin bringt drei Kinder mit. Dazu kommen inzwischen schon fünf Enkelkinder. «Es ist immer viel Betrieb bei uns», lacht er.

«Es ist uns nicht gelungen, die Jungen zu erreichen.»
Christoph Herrmann

Mehr Zeit findet Herrmann bald auch für eines seiner liebsten Hobbys: das Kochen. Als «Chef de Cuisine» hat er bei Kirchenanlässen schon über hundert Menschen bekocht. Der ehemalige Feldhockey-Spieler ist ausserdem ein grosser Sportfan. Auch im literarischen Schreiben möchte er sich versuchen. «Ich habe einmal eine Schreibwerkstatt besucht und möchte das wieder aufleben lassen», sagt er.

Draht zu den Jugendlichen finden

Für die Baselbieter Kirche wünscht sich Herrmann, dass sie den Draht zu den Jugendlichen wieder besser findet. Zu seinen Enttäuschungen als Kirchenratspräsident gehört ein Projektkredit für die Jugendarbeit in den Gemeinden. Dieses Geld sei nie angerührt worden, man habe die Jungen nicht erreichen können. «Wüsste ich, wie das geht, würde ich die Idee patentieren lassen», sagt Herrmann.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema