Geschichte
«Der Basler ‹Daig› war auf dem Land nicht immer erwünscht»
Herr Christ, in der «Basilea Reformata» sind sämtliche Pfarrpersonen seit der Reformation aufgelistet. Das klingt nach einer trockenen Lektüre. Warum lohnt sie sich trotzdem?
Die Basilea Reformata ist ein Nachschlagewerk, man muss das Buch nicht von vorne bis hinten durchlesen. Darin zu blättern, bietet aber spannende Einblicke in die Entwicklung der reformierten Kirche im Raum Basel. Es handelt sich um eine personalisierte Kirchengeschichte. Darüber hinaus enthält das Buch einige Kuriosa, die zum Schmunzeln anregen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Aus den biographischen Angaben erfahren wir etwa, dass viele Pfarrpersonen Nebenbeschäftigungen hatten. Sie arbeiteten neben dem Pfarramt als Gemeindeschreiber, Lehrer oder Dichter. Von einem Pfarrer heisst es, er sei ein «hervorragender Meteorologe» gewesen, ein anderer wird als «ausgezeichneter Bienenvater» bezeichnet. Interessant sind auch die Gründe, weshalb Pfarrer entlassen wurden.
Was für Gründe waren das?
Von einem gewissen Hans Hutmacher aus dem 16. Jahrhundert heisst es, er habe einen Wirt totgeschlagen. Andere Pfarrpersonen wurden wegen Schulden, Trunkenheit, liederlicher Amtsführung oder unsittlichem Lebenswandel entlassen. Eher tragisch fand ich, dass ein Pfarrer in Grosshüningen abgelehnt wurde, weil er eine «zu schwache Stimme zum Predigen» hatte.
In den Dreissigerjahren des 19. Jahrhunderts kam es in Baselland zu einer regelrechten Entlassungswelle. Was hatte es damit auf sich?
1833 trennten sich Basel-Stadt und Baselland in zwei Halbkantone. Damals stammten fast alle Pfarrer im Baselbiet aus der Stadt. Sie hatten in Basel studiert und gehörten zum sogenannten «Daig», also zur Basler Oberschicht. Mit der Kantonstrennung waren diese Pfarrherren im Baselbiet nicht mehr erwünscht. Sie wurden entlassen oder sogar vetrieben, und man stellte Pfarrer aus Zürich und der Ostschweiz ein. Diese waren liberaler eingestellt als ihre Kollegen aus der Stadt Basel und sprachen die Landbevölkerung anscheinend mehr an. In den biographischen Angaben steht deshalb in dieser Zeit bei vielen Pfarrern der Vermerk «entlassen» oder «entlaufen».
Die «Basilea Reformata» listet sämtliche Pfarrpersonen auf, die seit dem Durchbruch der Reformation in den beiden Halbkantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft im Amt waren. Erstmals erschienen ist das Buch 1929. Für die vierte Neuauflage hat Alt-Kirchenratspräsident Markus Christ den Inhalt aktualisiert und bis ins Jahr 2024 nachgeführt. Finanziert wurde das Werk von der Evangelisch-Reformierten Kirche Baselland. Es kann beim Kirchensekratariat der Kantonalkirche bestellt werden (kirchensekretariat@refbl.ch).
Die Basilea Reformata ist mehrheitlich eine Männergeschichte. Wann tauchen die ersten Pfarrerinnen auf?
Wie in anderen Kantonalkirchen durften Frauen in den Basler Kirchen lange nur als Pfarrhelferinnen arbeiten. Erst 1967 wurde mit Elisabeth Gretler, die bereits seit 1952 als Pfarrhelferin in Liestal tätig gewesen war, die erste Pfarrerin ordentlich gewählt. Seither waren Pfarrerinnen ihren Kollegen gleichgestellt. Jedenfalls fast: Noch eine Zeit lang galt der Vorbehalt, dass Frauen nicht in ein Einzelpfarramt gewählt werden durften. Man wollte offenbar, dass den Pfarrerinnen ein männlicher Kollege zur Seite stand.