Fachkräftemangel
Die Quereinsteigerin mit Düsenantrieb
Ein Hindernis ist für Anne-Kathrin Bolender nur ein Anlass, um einen Weg zu finden, es zu überwinden. Und um ein paar Excel-Sheets anzulegen.
Die 39-Jährige schliesst gerade ihr Quest-Studium ab. Davor hatte sie Betriebswirtschaftslehre studiert, sich als Programmmanagerin eine Karriere aufgebaut und in einem globalen Luftfahrtunternehmen gutes Geld verdient. Das liegt alles hinter ihr: Im Sommer wird Bolender ihre Vikariatszeit beginnen und sie freut sich darauf. Denn sie meint: «Ich würde sagen, dass ich eher zufällig zuerst eine andere Karriere gemacht habe.»
Im Rhein-Main-Gebiet, wo sie aufwuchs, besuchte sie eine katholische Mädchenschule. Bolenders Elternhaus war evangelisch und in der Schule spielte Religion keine dominierende Rolle. Als Jugendliche jedoch fand sie den Religionsunterricht spannend und spielte mit dem Gedanken, Theologie zu studieren. Weil sie aber zweifelte, der Rolle einer Pfarrerin gewachsen zu sein, wählte sie das Wirtschaftsstudium.
Berufsteinstieg in Singapur...
Dort bewies sie, dass sie Verantwortung übernehmen und sich durchsetzen kann: Nach dem Studium nahm sie eine Praktikumsstelle in Singapur an und wechselte später zu einem Hersteller für Flugzeugtriebwerke. Um festangestellt werden zu können, musste sie ein Masterstudium in Supply Chain Management absolvieren. Im Laufe ihrer Arbeit im Projektmanagement lernte sie ihren Mann kennen, zog zu ihm in die Schweiz und stiess – in einer Zeit der Veränderung – auf den Quest-Studiengang.
Die alte Idee des Theologiestudiums wurde wieder aktuell und Bolender informierte sich über die Zulassungsbedingungen. Sie sah Hindernis an Hindernis. Also machte sie sich daran, eines nach dem anderen aus dem Weg zu räumen.
...Karrierewechsel in der Schweiz
Denn beginnen konnte sie den Quest-Studiengang nicht gleich – dafür wohnte sie noch nicht lange genug in der Schweiz. Ausserdem akzeptierte die Universität ihren deutschen Master nicht. Bolender entschied sich deshalb, in England nochmals einen Abschluss in Projektmanagement zu machen. Dieser war hierzulande gültig.
Aus ihrem Quest-Studium wollte sie das Maximum herausholen und studierte dafür in Basel, Zürich und Luzern. «Von aussen nimmt man Quest häufig als eine Schnellbleiche wahr», sagt Bolender, «aber ich schaute, wie ich am meisten profitieren und dabei Spass haben konnte.»
Also stellte sie sich, wie sie sagt, einen ganzen Strauss von Themen zusammen, setzte sich Schwerpunkte in den Semestern und legte sich eine ausgeklügelte Excel-Tabelle an. Sie nutzte ihre Berufserfahrung, um das Projekt «Quest-Studium» zu managen. Fächer, Themen, Termine, Abgabedaten, Bestätigungen, Kontaktpersonen – alles war darin erfasst.
«Ich merkte schnell, dass noch niemand das Angebot so exzessiv genutzt hatte wie ich», sagt sie lachend, «und ich wollte es den Dekanaten erleichtern, den Überblick zu behalten.» Die verschiedenen Lehrveranstaltungen an immer wechselnden Orten nahm sie als Bereicherung wahr. «Dass es organisatorisch aufwendig war und ich viel Zeit damit verbrachte, von A nach B zu reisen, gehört halt dazu.»
Politisieren in der Synode
Und damit nicht genug: Anne-Kathrin Bolender sitzt auch noch für die Liberale Fraktion in der Synode der Zürcher Landeskirche. Sie sei angefragt worden, ob sie für einen freigewordenen Sitz kandidieren wolle, sagt sie. Die Person habe nicht gewusst, dass sie sich gerade im Quest-Studium befand. «Es war eher ein Zufall, dass ich Synodale wurde», sagt sie. Schon wieder so ein Zufall – Bolender ist offen für Gelegenheiten, die sich bieten.
Eine Chance, die sie sofort ergreifen würde, ist eine Seelsorgestelle am Flughafen Kloten. Denn eine Schwäche für Flugzeuge und die Luftfahrt hat sie noch immer. Wenn sie Zeit hat, fährt sie gerne mit dem Velo von ihrem Wohnort Bülach zur Start- und Landepiste und schaut sich die Flieger an.
Im Sommer beginnt ihr Vikariat. Sie hat noch Zeit zu entscheiden, wo sie später arbeiten will: Im Pfarramt oder in der Spitalseelsorge, wo sie während eines Praktikums viele positive Eindrücke sammelte. Geht sie ins Pfarramt, hat sie schon eine Vorstellung, wie sie es ausfüllen will. Gemeinschaft ist ihr wichtig, Teilhabe und die Möglichkeit, den Glauben auf verschiedene Weise in der Gemeinde zu leben.
Vor der oftmals hohen Arbeitsbelastung gerade für Berufseinsteigende, hat sie keine Angst und verweist auf die Erfahrungen aus ihrer Zeit in der Wirtschaft. Prioritäten setzen, Fristen einhalten und strukturiert arbeiten, seien das A und O.