Karrierewechsel

«Ich habe als Politiker nie den Bulldozer benutzt»

Anders Stokholm wechselt von der Politik zurück ins Pfarramt. Der Frauenfelder Stadtpräsident erzählt, was die beiden Aufgaben gemeinsam haben und was ihm nicht fehlen wird.

Anders Stokholm wagt beruflich nochmals einen Wechsel und kehrt zurück ins Pfarramt. (Bild: Kirsten Oertle)

Anders Stokholm wirkt im Gespräch authentisch und offen. Dass Deutsch nicht die Muttersprache des gross gewachsenen 58-Jährigen ist, kann man fast nicht glauben, so eloquent, wie er spricht. Die Sprache war auch stets sein berufliches Werkzeug. Das zieht sich durch seine Laufbahn, die mehrfach die Richtung geändert hat.

Stokholm war Pfarrer, dann Journalist und übernahm später mehrere Führungsfunktionen (siehe Kasten). Seine politische Laufbahn begann er als Gemeindeammann in der Thurgauer Gemeinde Eschenz. Seit 2015 ist er für die FDP Stadtpräsident von Frauenfeld. Jetzt steht wieder ein grosser Wechsel – beziehungsweise eine Rückkehr – an: Er ist für das Pfarramt in Erlenbach nominiert.

Herr Stokholm, wie kommt es, dass Sie von der Politik in die Kirche wechseln?
Ich entschied mich, einen beruflichen Wechsel zu machen, bevor ich 60 werde. Ich wollte keine vierte Legislatur als Stadtpräsident anhängen.

Dass ein Stadtpräsident Pfarrer wird, ist überraschend. Wie kommt es dazu?
Ich habe zwar seit 26 Jahren kein Pfarramt mehr, war aber gelegentlich noch als Pfarrer tätig. Jedes Jahr hielt ich sicher mindestens zwei Gottesdienste, zwei Hochzeiten, auch Taufen und ab und zu Beerdigungen.

Was motiviert Sie an der Arbeit als Pfarrer?
Schon als ich 1998 als Pfarrer in Stein am Rhein aufhörte, schloss ich nicht aus, ins Pfarramt zurückzukehren. Dann aber mit einem gefüllten Rucksack an Erfahrungen. Ich merkte als junger Pfarrer frisch ab Studium, dass ich gewisse Lebenssituationen noch nicht erlebt habe.

«Ich bin nicht nur für meine Wählerschaft oder die Reformierten unterwegs, sondern für alle Menschen.»
Anders Stokholm, Pfarrer und Politiker

Was ändert sich dadurch?
Wenn man etwas selber erlebt hat, ist das etwas anderes, als wenn man sich in die Situation einfühlt. Früher ging der Pfarrer ja auch einem zusätzlichen Beruf nach, und Jesus war Bauhandwerker. Diesen Aspekt, dass man neben dem Pfarramt anderweitig tätig war oder ist, kann ich jetzt einbringen.

Wo liegt der grosse Unterschied zwischen Politiker und Pfarrer?
Als Exekutivpolitiker muss ich vor allem entscheiden, als Pfarrer begleiten.

Und wo liegen die Parallelen zwischen dem Politiker und dem Pfarrer?
Als Stadtpräsident wie als Pfarrer denkt und handelt man für eine Gesamtheit. Ich bin nicht nur für meine Wählerschaft oder die Reformierten unterwegs, sondern für alle Menschen. Allerdings ist als Pfarrer der Zugang zu den Menschen grundsätzlicher, persönlicher, mehr auf den Sinn bezogen. Als Stadtpräsident ist das politische Gestalten zentral.

Zur Person

Anders Stokholm wurde in Dänemark geboren und hat in dem skandinavischen Land sowie in Italien, auf Grönland und in der Schweiz die Schule besucht. In Zürich studierte er schliesslich Theologie und begann danach seine Laufbahn als Pfarrer in der Kirchgemeinde Burg in Stein am Rhein (SH). Später war er unter anderem Redaktor bei der «Reformierten Presse» (heute: «Reformierte Medien», zu denen auch ref.ch gehört) sowie Direktor des Sozialversicherungszentrums Thurgau.

Ab 2015 amtete der FDP-Politiker als Stadtpräsident von Frauenfeld, von 2016 bis 2024 war er zudem Mitglied des Grossen Rats im Kanton Thurgau.

Stokholm ist verheiratet und hat zwei Kinder. (vbu)

In der Politik muss man Mehrheiten finden und sich durchsetzen können. Welche Eigenschaft braucht es als Pfarrer?
Gewinnen kann ich als Politiker nur, wenn ich die Menschen überzeuge, und überzeugen kann ich sie nur, wenn ich auf sie eingehe. Das ist auch beim Pfarrer so. Für beide gilt der Grundsatz der «vier M»: Man muss Menschen mögen. Beim Politiker würde ich noch ein «sehr» hinzufügen, man muss sie sehr mögen, denn Politiker müssen sich die Wertschätzung manchmal «erdenken».

Benötigen Sie als Pfarrer eine weniger dicke Haut?
Eine dicke Haut braucht man manchmal auch als Pfarrer. Ich exponierte mich beispielsweise, als ich 1998 als erste Pfarrperson in der Ostschweiz ein homosexuelles Paar getraut habe. Entsprechend wurde ich damals angegriffen. Ich erhielt Anrufe und Schreiben, aber nie in dem Ausmass wie als Stadtpräsident.

Wie gehen Sie mit persönlichen Angriffen um?
Wegstecken ist schwierig, es macht immer etwas mit einem. Das will die Gegenseite ja auch. Man muss die Angriffe einordnen. Auf Dauer – ich bin jetzt immerhin 18 Jahre in der Exekutive tätig – fragt man sich aber, ob es nicht auch einmal etwas anderes sein kann.

Hat sich Ihre Haltung gegenüber den Menschen verändert, seit Sie Politiker sind?
Es war mir immer wichtig, wie ich mit den Menschen umgehe. Diese Haltung habe ich nicht abgelegt. Ich habe als Politiker nie den Bulldozer benutzt. Das war nie nötig, auch nicht in Krisensituationen. Als Politiker habe ich bei manchen Leuten neben dem Sonntagsgesicht auch das Alltagsgesicht kennengelernt, und dieses war auch schon mal ein ganz anderes.

«Das Gemeinschaftliche erhält sich punktuell in Vereinen und Projekten. Das sind die Ansätze, die ich als Pfarrer auch nutzen kann.»
Anders Stokholm, Pfarrer und Politiker

Menschen kehren sowohl der Politik wie auch der Kirche vermehrt den Rücken. Beschäftigen Sie diese Tendenzen?
Die Individualisierung, Digitalisierung und Fragmentierung der Gesellschaft sind allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen. Das Gemeinschaftliche erhält sich punktuell in Vereinen und Projekten. Das sind die Ansätze, die ich als Pfarrer auch nutzen kann.

Ist der anstehende Ortswechsel für Sie ein Katzensprung im Vergleich zu den Stationen in Ihrer Kindheit: Dänemark, Grönland, Italien, Schweiz?
Zürich zählt ja auch noch zur Ostschweiz. (lacht) Aber ja, der Wechsel von Grönland nach Italien war einschneidend. In Grönland, wo mein Vater auf dem Marinestützpunkt als Pfarrer tätig war, gab es vor allem ältere Kinder. Und im italienischen Dorf in den Bergen waren wir die einzigen Ausländer weit und breit.

Sie haben als Kind schon in Erlenbach gelebt. War das der Grund für Ihre Bewerbung?
Erlenbach ist mir ins Auge gestochen. Hier habe ich den Kindergarten besucht und Schweizerdeutsch gelernt. Es gibt noch einen weiteren Bezug: Meine Frau und ich heirateten 1991 in der Kirche Erlenbach. Meine Frau kommt von der anderen Seeseite, aus Kilchberg. Das alles verbindet mich mit Erlenbach und dem Zürichsee.

Was möchten Sie in Erlenbach bewegen?
Die Kirchgemeinde Erlenbach ist gut aufgestellt und wartet nicht auf jemanden, der alles auf den Kopf stellt. Meine Haltung war immer: zuerst sehen und spüren und dann mich einbringen. Bewegen können wir nur gemeinsam, mit meiner Kollegin, mit den Mitarbeitenden, mit der Kirchenpflege, mit der ganzen Kirchgemeinde.

Sie haben zahlreiche soziale und kulturelle Ämter. Behalten Sie diese?
Ich werde in Erlenbach eine 60-Prozent-Stelle antreten. Das lässt mir Zeit für andere Engagements. Ich bleibe Stiftungsrat eines Wohnheims für hirngeschädigte Menschen oder Stiftungsratspräsident der Kulturstiftung des Kantons Thurgau. Andere Funktionen, die mit dem Stadtpräsidium verbunden sind, gebe ich ab, etwa das Präsidium des Schweizerischen Städteverbandes.

Dieses Interview erschien zuerst in der «Zürichsee-Zeitung».