Polyamorie

«Es geht nicht nur um Sex und Romantik»

Die Segnung einer polyamoren Männergruppe in Berlin hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Viele Menschen hätten falsche Vorstellungen von dieser Beziehungsform, sagt die evangelische Theologin Andrea Bieler. Denn oft gehe es um neue Formen der Sorge füreinander.
Teilnehmende am Christopher Street Day in Berlin mit einem Banner «Liebe». (Bild: Keystone)

Frau Bieler, eine evangelische Pfarrerin in Berlin hat vier Männer gesegnet, die gemeinsam in einer polyamoren Beziehung leben. In den sozialen Netzwerken wurde sie deswegen angefeindet. Wie erklären Sie sich diesen Hass?
Ein Teil der Ablehnung beruhte auf einem Missverständnis: Die Berliner Pfarrerin hat im Rahmen eines Pop-up-Festivals eine Segnung vorgenommen. Es ging nicht um eine Trauung, wie vielfach behauptet wurde. Die Berliner Kirche hat das später noch einmal klargestellt. In Deutschland können kirchliche Trauungen ohnehin nur nach einer standesamtlichen Eheschliessung stattfinden. Was die Hassreaktionen betrifft, sehe ich zwei Ebenen, die man unterscheiden muss.

Welche?
Ein Teil des Hasses kam aus einem religiösen Milieu, genauer gesagt aus einem fundamentalistischen oder evangelikalen Milieu. Dort ist die Vorstellung fest verankert, dass nur Mann und Frau einen Lebensbund eingehen sollten. Wird diese «göttliche Ordnung» in Frage gestellt, kann das heftige Abwehrreaktionen auslösen. Aber auch viele nicht-religiöse Menschen sind nicht damit vertraut, über Lebensformen jenseits der Zweierbeziehung nachzudenken. Denn das berührt eigene Unsicherheiten – etwa in Bezug auf Themen wie Eifersucht oder Stabilität der Beziehung. Auch daraus kann Ablehnung entstehen.

Sie haben selbst als Pfarrerin gearbeitet. Welche Fragen würden Sie sich stellen, wenn Sie eine polyamore Gruppe segnen sollten?
Zuerst würde ich vor allem zuhören. Ich möchte verstehen, wie diese Menschen ihr Zusammenleben gestalten, bevor ich von aussen Vermutungen anstelle. Theologisch orientiere ich mich am Doppelgebot der Liebe: Selbstliebe, Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten. Wichtig in einer polyamoren Beziehung scheinen mir Einvernehmlichkeit und Offenheit. Es geht nicht darum, dass man verheiratet ist und daneben heimliche Beziehungen führt. Ich würde auch keine Beziehung segnen, in der es Abhängigkeitsverhältnisse gibt oder wo Gewalt ausgeübt wird.

«Viele erleben Polyamorie als Entlastung von der monogamen Kleinfamilie.»
Andrea Bieler

Welche besonderen Herausforderungen bringen polyamore Beziehungen mit sich?
Ich kann mir vorstellen, dass polyamor lebende Menschen eine ausgeprägte Konfliktfähigkeit und einen anderen Umgang mit Eifersucht gelernt haben müssen. Man muss wahrscheinlich auch über ein grösseres Freiheitsempfinden verfügen – in dem Sinn, dass man sein Selbstwertgefühl nicht primär über eine Beziehung definiert.

Ist Polyamorie eher Trend oder Zukunftsmodell?
Die Diversität von Beziehungsformen wird in Zukunft wahrscheinlich immer wichtiger. Ob sich Polyamorie als Modell durchsetzt, weiss ich nicht. Spannend ist aber: Viele, die so leben, erleben es als Befreiung und als Entlastung im Vergleich mit dem Modell der monogamen Kleinfamilie.

Zur Person

Andrea Bieler ist seit 2017 Professorin für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät in Basel. Zu ihren Schwerpunkten gehören Interkulturelle Theologie, Religion und Migration, Konvivialität sowie Vulnerabilitätsphänomene.

Die gebürtige Deutsche studierte in Marburg, Amsterdam und Hamburg. Viele Jahre unterrichtete sie an der Pacific School of Religion und der Graduate Theological Union in Berkeley, Kalifornien. (no)

Inwiefern?
In klassischen Kleinfamilien wird das Nebeneinander von Erwerbsarbeit und dem Aufziehen von Kindern oft als Stressfaktor erlebt – vor allem, wenn die Unterstützung von aussen fehlt. In polyamoren Familienverbänden lassen sich Kinderbetreuung oder Pflegeaufgaben gemeinsam tragen. In unseren Köpfen haben wir die Vorstellung, dass polyamore Beziehungen vor allem romantischer oder sexueller Natur sind. Oft geht es aber auch um andere Lebensformen, in denen die Sorge um Kinder und Alte eine Rolle spielt. In diesem Sinne können polyamore Verbindungen Sorgebeziehungen sein.

Das heisst, Polyamorie kann in verschiedenen Formen gelebt werden?
Ja, es gibt unterschiedliche Modelle, und oft spielt dabei die gemeinsame Haushaltsführung eine Rolle. Ein mögliches Modell ist ein Paar – ob hetero, schwul oder lesbisch – das zusammen in einem Haushalt lebt und sich als Primärbeziehung versteht, daneben aber weitere Beziehungen führt. Daneben gibt es polyamore Netzwerke, in denen mehrere Menschen familienähnliche Strukturen bilden und gemeinsam leben. Insgesamt gibt es viele verschiedene Arten, polyamore Beziehungen zu gestalten.

Sie sind Theologin. Gibt es biblische Vorläufer für diese Beziehungsform?
Dazu muss ich vorausschicken, dass Formen der Liebe und des Zusammenlebens historisch kontingent sind. Unsere Vorstellungen etwa von Homosexualität oder von der romantischen Liebe sind Erfindungen der Moderne. Sie lassen sich nicht einfach auf biblische Texte übertragen. Bei der Polyamorie ist das ähnlich.

«Man sollte mit den Menschen reden und nicht über sie.»
Andrea Bieler

Inwiefern?
Im Alten Testament gibt es zum Beispiel die Geschichte von Abraham, seiner Frau Sara und der Sklavin Hagar, die im Haushalt der beiden lebte. Sara konnte zunächst keine Kinder bekommen, und deshalb schickte sie Hagar zu Abraham, damit sie ein Kind für sie gebären könne. Diese Dreieckskonstellation entstand jedoch unter der Bedingung, dass es Sklaverei gab und die Frauen für die Nachkommenschaft verantwortlich waren. Hagar hatte gar nicht die Möglichkeit, Nein zu sagen. Mit einer polyamoren Beziehung im heutigen Sinn hatte das also wenig zu tun.

Wie präsent ist das Thema Polyamorie in der Theologie?
Einzelne Untersuchungen dazu gibt es schon, aber die Forschung steckt noch in den Anfängen. Wichtig scheint mir, dass man dabei anders vorgeht als früher beim Thema Homosexualität: Man sollte mit den Menschen reden, und nicht über sie. Spannend finde ich auch noch einen anderen Aspekt.

Welchen?
Die meisten von uns sind so erzogen, dass sie sich Liebe nur in einer exklusiven Zweierbeziehung vorstellen können. Diese starke Koppelung von Monogamie und Anerkennungsbedürfnis kann jedoch auch Leid bewirken. Mich würde interessieren, ob diese Verbindung gelockert werden kann. Meine Vermutung: Es wäre für uns alle gut.

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