Nonbinarität

Ein Akt radikaler Selbstliebe

Wie geht Queerness und Glaube zusammen? Für Steph Pfenninger Schait, nonbinäre Pfarrperson, stösst bereits die Schöpfungsgeschichte die Türe weit auf zur Vielfalt. Ein Gastbeitrag.
Am 14. Juli, dem Internationalen Tag der Nonbinarität, soll das Bewusstsein geschärft werden für die Herausforderungen, denen non-binäre Menschen begegnen. (Bild: Angel Santana Garcia/ Keystone)

Irgendwann ging es nicht mehr. Ich konnte nicht länger jeden Morgen in die Rolle schlüpfen, die zu spielen von mir erwartet wurde – die Rolle eines Jungen, später die eines Mannes. Es fühlte sich an, als spielte ich in einem Film mit, dessen Drehbuch ich nicht kannte. Oft merkte ich erst nach meinem Einsatz, was eigentlich von mir erwartet worden wäre.

Ich verstand nicht, warum ich eine Rolle spielen musste, für die ich keinerlei Voraussetzungen mitbrachte, während gefühlt alle anderen einfach sich selbst spielen durften. So stand ich vor einigen Jahren vor dem Spiegel und flüsterte meinem Gegenüber zu: «Du passt nicht in dieses System. Du bist trans. Nonbinär trans.»

Unbegründete Bedenken

Was das Fazit einer langjährigen Auseinandersetzung mit meiner Geschlechtsidentität war, erwies sich gleichzeitig als der Anfang einer aufregenden, manchmal anstrengenden, vor allem aber befreienden Reise, die viele Veränderungen mit sich bringen würde.

Doch bis ich mich anderen Menschen, selbst meinem nächsten Umfeld, anvertrauen würde, sollte es noch mehrere Jahre dauern. Ich fragte mich, wie sie darauf reagieren würden. Würde ich durch ein Coming-out Beziehungen, Freundschaften, Familie aufs Spiel setzen? Und wie würden Menschen in meinem Arbeitsumfeld damit umgehen – am Flughafen, in der Kirche?

Meine Bedenken entpuppten sich zu einem grossen Teil als unbegründet. Offenbar hatte ich mir im Lauf der Jahre unbewusst ein Umfeld geschaffen, das weitgehend queerfreundlich ist.

Dass mein Arbeitsort, der Flughafen, kein grundsätzliches Problem darstellen würde, hatte ich erwartet – er ist ein Ort, an dem Vielfalt dazugehört und gelebt wird, obwohl es natürlich auch da Menschen gibt, die mit allem, was von einer vermeintlichen Norm abweicht, ihre Mühe haben.

Kreative Bemühungen

Blieb also noch die reformierte Kirche. Da lagen die Reaktionen bisher mit wenigen Ausnahmen im Spektrum von wohlwollend zur Kenntnis nehmend bis aktiv zuvorkommend. Obwohl ich erwartet hatte, dass kirchliche Mitarbeitende tendenziell offen sein würden, war es sehr schön, diese Offenheit in verschiedensten Situationen zu erleben.

Viele freuten sich darüber, dass ich ihnen etwas Persönliches anvertraut hatte, übernahmen ganz unkompliziert meinen geänderten Vornamen und gaben mir gute Wünsche mit auf den Weg. Schön war auch zu sehen, wie Menschen von sich aus kreativ wurden im Bemühen um eine geschlechtsoffene Sprache. Vereinzelt fragen Mitarbeitende auch um Rat im Hinblick auf den Umgang mit trans und nonbinären Menschen in ihrem Arbeitssetting. 

Wenn ich mich als Pfarrperson als nonbinär zu erkennen gebe, werde ich häufig gefragt, wie das zusammengehe, Queerness und Glaube. Oder wie ich nonbinär sein könne, wenn Gott doch nur Mann und Frau geschaffen habe. Teils entspringen die Fragen purem Interesse, teils werden sie von einem Unterton begleitet, der mir signalisiert, dass das Gegenüber sich seine Meinung bereits gebildet hat.

Spannend ist, dass solche Fragen aus zwei ganz unterschiedlichen Richtungen kommen. Zum einen von sehr kirchennahen und eher evangelikal geprägten Menschen, für die die Bibel das Zentrum des Lebens und Handelns darstellt, zum anderen von sehr kirchenfernen Menschen, deren Kirchenbild nicht mit den kirchlichen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte Schritt gehalten hat.

Im Dazwischen liegt die Vielfalt

Mir selbst haben sich diese Fragen so nie gestellt. Weder braucht meine Identität eine religiöse Legitimierung noch muss sie biblisch begründbar sein. Es ergibt auch keinen Sinn, sie zum Thema einer gesellschaftlichen oder kirchlichen Debatte zu machen. Die Existenz von Menschen, die trans oder nonbinär sind, ist genauso eine Tatsache wie die Existenz von cisgeschlechtlichen Frauen und Männern.

Dennoch ist es spannend, sich dem Thema auch theologisch anzunähern. Wer sich in die Queere Theologie vertieft, wird überrascht sein, wie viele Berührungspunkte von Theologie und Transidentität es zu entdecken gibt, wenn erst einmal die Brille heutiger Normvorstellungen abgelegt wird.

Schon die erste Schöpfungserzählung ganz am Anfang der Bibel stösst die Tür in Richtung geschlechtliche Vielfalt weit auf, wenn sie sagt, Gott habe den Menschen als männlich und weiblich geschaffen. Im Kontext betrachtet wird aus meiner Sicht klar, dass das Begriffspaar keine Binarität begründet, sondern zwei Pole eines Spektrums bezeichnet.

Genauso, wie das in der Erzählung vorkommende Gegensatzpaar Licht und Finsternis die Dämmerung dazwischen nicht ausschliesst, bietet sich für die Menschen eine Vielfalt an Lebensmöglichkeiten zwischen und jenseits von männlich und weiblich. 

Entscheidende Akzeptanz

Die christliche Anthropologie wiederum geht davon aus, dass der Mensch wesentlich dadurch bestimmt ist, dass er zum Abbild Gottes geschaffen worden sei. Die Würde eines Individuums entspringt nicht etwa seinem Geschlecht, seiner Hautfarbe oder seinem sozialen Status, sondern allein der Vorstellung, dass sich in ihm das Göttliche widerspiegle.

Wenn wir zudem davon ausgehen, dass Gott das völlig Unverfügbare ist, etwas, das wir in seiner ganzen Vielfalt gar nie fassen und begreifen können, so wird deutlich, dass eine starre Einteilung der Geschlechter in genau zwei Kategorien eher den menschlichen Ordnungssinn als göttliche Kreativität widerspiegelt. 

Im Zentrum christlichen Glaubens und Handelns steht für mich das dreifache Liebesgebot, in dem zur Gottes- und Nächstenliebe ganz wesentlich auch die Liebe zu sich selbst dazu gehört.

Wenn ich das ernst nehme und mich selbst zu lieben versuche, kann ich nicht anders, als mich als die Person zu akzeptieren, die ich bin – als das Wesen, das aus dem Rahmen gesellschaftlicher Normen fällt. Dass ich mittlerweile offen zu meiner Nonbinarität stehe, ist für mich ein Akt radikaler Selbstliebe.

Verletzende Mikroaggressionen

Natürlich bringt ein Leben ausserhalb der Geschlechternormen auch gewisse Herausforderungen mit sich. So wird von mir regelmässig erwartet, dass ich meine Geschlechtsidentität erkläre oder begründe. Das musste ich nie tun, als mein Umfeld noch davon ausging, ich sei cis. Wenn ich spüre, dass mein Gegenüber ein echtes Interesse daran hat, mehr zu verstehen, lasse ich mich auf ein tieferes Gespräch ein. 

Mehrfach ist es mir schon passiert, dass eine Person mich in ein Gespräch verwickelt hat, um dann vor allem ihre eigene Missbilligung auszudrücken – meist durch Feststellungen oder Fragen wie: Wir haben doch alle männliche und weibliche Anteile. Sind wir nicht alle ein bisschen nonbinär? Oder: Das ist doch alles nur ein Trend. 

Solche Mikroaggressionen, ob bewusst oder unbewusst verwendet, zielen letztlich darauf ab, abzuwerten oder zu verletzen – und das tun sie auch. Weshalb fällt es uns oft so schwer, andere einfach so zu akzeptieren, wie sie sind?

Auch die Blicke, die mir begegnen, wenn ich nicht geschlechtskonform – wie auch immer das sein mag – in der Öffentlichkeit unterwegs bin, sind nicht immer nur angenehm und wohlwollend, sondern manchmal abschätzig, seltener sogar bedrohlich, etwa wenn eine Person, die mir kräftemässig überlegen wäre, mitten auf der Strasse stehen bleibt, um mich ausgiebig mit finsterem Blick von Kopf bis Fuss zu mustern. 

Minderheiten Raum geben

Als nonbinäre Person wünsche ich mir, dass unsere Gesellschaft sensibler dafür wird, dass Vielfalt nichts Bedrohliches, sondern etwas Schönes ist. Etwas, das weder bekämpft noch bloss toleriert oder akzeptiert werden sollte, sondern gefeiert gehört. Vielfalt feiern heisst, auch den Menschen eine Stimme zu geben, die oft nicht gehört werden, weil meist nur über sie geredet wird: behinderte Menschen, POCs, Geflüchtete, queere Menschen und viele mehr.

Und da kommen wir als Kirche ins Spiel. Unsere christlichen Wurzeln liegen darin, Menschen von den Rändern der Gesellschaft in uns unsere Mitte aufzunehmen, nicht als Menschen, die bloss teilnehmen, sondern als solche, die durch ihre je eigene Perspektive und Erfahrung viel zu geben und beizutragen haben. 

Laut Position beziehen

Angesichts der globalen Tendenz dahin, dass es wieder salonfähig wird, gegen Minderheiten und vulnerable Menschen zu hetzen und ihre Rechte zu beschneiden, wünsche ich mir eine Kirche, die sich als aktivistische Kirche positioniert, die kompromisslos an der Seite der Schwächsten steht, die laut Position bezieht und sich furchtlos in gesellschaftliche und politische Debatten einmischt. 

Die Vielfalt des Lebens in jeder Hinsicht sichtbar machen, sie schützen und feiern – darin sehe ich eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe der Kirche. Denn wie war das nochmals mit der Menschenwürde? Genau – sie ist einzig und allein darin begründet, dass wir alle als Geschöpfe Gottes verstanden werden.

Happy Non-Binary People’s Day!

Steph Pfenninger Schait arbeitet seit bald zehn Jahren als reformierte Pfarrperson am Flughafen Zürich. Pfenninger Schait ist verheiratet, das Paar lebt mit vier Kindern im Kanton Zürich. 

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