Missbrauchsvorwürfe gegen Pfarrer
So reagieren die betroffenen Landeskirchen
Ein reformierter Pfarrer, der sexueller Übergriffe beschuldigt wird, zog immer wieder vor Konfrontationen davon. Das föderale System der Schweiz ermöglichte ihm das. «Das ist einfach ein Skandal», sagt eine der mutmasslich betroffenen Frauen zu ref.ch.
Wie gehen die verschiedenen Landeskirchen mit den Erkenntnissen aus diesem Fall und der Kritik um? Gab es allenfalls weitere Meldungen, denen nun nachgegangen werden muss? Ref.ch hat nachgefragt.
Zürich
Die Reformierte Kirche Zürich ist in diesem Fall Verschlepperin und Aufklärerin zugleich. Der aktuelle Kirchenrat machte den Fall mit einer Medienmitteilung vor rund einer Woche öffentlich. Darin bat er die «mindestens zehn Frauen» um Entschuldigung. Er bedauere die damaligen Fehler und Unterlassungen ausdrücklich, hiess es in der Mitteilung. Für frühere Versäumnisse übernehme der Kirchenrat die Verantwortung.
Als Grundlage dient ihm ein externes Gutachten der Juristin Judith Wissmann Lukesch. Sie ist Präsidentin einer Fachorganisation, die sich auf den Schutz der persönlichen Integrität am Arbeitsplatz spezialisiert hat.
Für einige kommt die Aufarbeitung aber sehr spät. 2007 hatte der Kirchenrat eine Untersuchung zu den mutmasslichen Übergriffen des Pfarrers nach dessen Kündigung beendet.
Eine Lokalzeitung berichtete mehrmals über die Vorwürfe und sprach mit mutmasslich Betroffenen. Gerne hätte eine damals recherchierende Journalistin auch mit dem Kirchenrat oder dem Pfarrer über die Vorwürfe gesprochen, sagt diese im Gespräch mit ref.ch. «Aber es herrschte eine Stimmung, bei der man unser Nachbohren als Anmassung empfand.» Schliesslich sei sie mit einem «dürren Statement» abgespeist worden. Auch intern habe es Widerstand gegen die Recherche gegeben. Ein Redaktor habe ihr gesagt, die betroffenen Frauen würden sich «nur aufspielen», seien «Mythomaninnen».
2017 trat der «Beobachter» an den Kirchenrat heran. Die Redaktion wollte jene Protokolle einsehen, in denen es um die Kündigung durch den Pfarrer ging. Der Kirchenrat lehnte dies jedoch ab.
Wieso handelte er damals nicht transparent? Eine Herausgabe der Akten sei der Landeskirche aus Persönlichkeits- und Datenschutzgründen grundsätzlich verwehrt gewesen, sagt Sprecherin Jessica Van Wezemael auf Anfrage von ref.ch. Dies, «nachdem die betreffende Pfarrperson ihre notwendige Zustimmung ausdrücklich nicht erteilt hat».
Dieses Vorgehen sei im Gutachten von Juristin Wissmann Lukesch als korrekt beurteilt worden.
Auch das Staatsarchiv, das seit einigen Jahren im Besitz der archivierten Personalakte sei, habe ein entsprechendes Zugangsgesuch abgelehnt. Denn das Dossier enthalte «besondere Personendaten». Sprecherin Van Wezemael verweist auf das kantonale Archivgesetz, wonach solche Akten erst nach Ablauf einer Frist von 80 Jahren frei zugänglich sind.
Wallis
Nach seiner Zeit in Zürich war der Pfarrer von 2008 bis 2010 im Kanton Wallis als Gefängnisseelsorger tätig. In einem Bericht des Bundes, der im Internet zu finden ist, wird ihm für seine Arbeit ein «grosses Lob» ausgesprochen.
Aus dieser Zeit seien keine Meldungen von Übergriffen bekannt, sagt Stephan Kronbichler, Präsident des Synodalrates der Evangelisch-reformierten Kirche Wallis (ERKW), auf Anfrage von ref.ch.
Im Jahr 2025 begann der Pfarrer im Kanton Wallis vereinzelt Gottesdienst-Vertretungen zu übernehmen. «Da ist uns ebenfalls nie etwas Negatives zu Ohren gekommen», sagt Kronbichler.
Im März 2026 habe der Synodalrat gerüchteweise von der Untersuchung in Zürich erfahren und habe daraufhin eigene Abklärungen getroffen. Deshalb habe man alle deutschsprachigen Kirchgemeinden aufgefordert, den Pfarrer nicht mehr für Vertretungen anzustellen. Interne Nachforschungen hätten keine Meldungen zu einem Fehlverhalten des Pfarrers im Wallis ergeben. «Selbstverständlich, falls wir Meldungen erhalten sollten, würden wir diese mit aller Konsequenz untersuchen und gegebenenfalls Verantwortung übernehmen.»
Wie aber konnte es sein, dass der Pfarrer überhaupt ohne Einholung von Referenzen angestellt wurde? Kronbichler sagt: «Bei Anstellungen halten wir uns selbstverständlich an einen strikten Prozess, der neben der Einholung der beiden Strafregisterauszüge auch die Einholung von Referenzen umfasst.» Anschliessend würden regelmässig aktualisierte Strafregisterauszüge einverlangt.
Pfarrer, die nur auf Anfrage von Kirchgemeinden einzelne Gottesdienstvertretungen machten, würden aber nicht von der ERKW angestellt und durchliefen daher auch nicht das Bewerbungsverfahren. «Dies wäre bei Stellvertretern mit einem punktuellen Einsatz nur gerade für einzelne Gottesdienste auch kaum umsetzbar, und angesichts des beschränkten Risikos wohl auch nicht verhältnismässig.»
Bern
Ob es im Kanton Bern, zwischen 2007 und 2008, zu weiteren Übergriffen durch den Pfarrer kam, ist ebenfalls unklar. Damals war der Pfarrer als Verweser in einer Kirchgemeinde angestellt.
Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (Refbejuso) würden die weitere Entwicklung aufmerksam verfolgen, sagt Sprecherin Martina Summermatter. «Sollten sich aufgrund eingehender Meldungen von Betroffenen konkrete Hinweise auf Vorkommnisse in einer bernischen Kirchgemeinde ergeben, wird die Kirchenleitung entsprechende Massnahmen und gegebenenfalls Untersuchungen einleiten.» Heute vertrete die reformierte Landeskirche klar eine Null-Toleranz-Haltung gegenüber Grenzverletzungen. «Betroffene können sich jederzeit an die Landeskirche wenden und Vorfälle melden.»
Zumindest liegen seit 2023 keine Meldungen zum Pfarrer vor. Seither dient eine Taskforce als provisorische Meldestelle. Sein Personaldossier ist nicht im Besitz von Refbejuso, weil die Pfarrpersonen erst seit 2020 direkt bei der Landeskirche angestellt sind. Vorher war der Kanton zuständig. «Bei der Übernahme der Anstellungen durch die Landeskirche wurden aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Personaldossiers von ehemaligen Pfarrpersonen übergeben.»
Genf
In Genf hat die Landeskirche aufgrund der Enthüllungen aus Zürich von sich aus reagiert und eine externe Untersuchung in Auftrag gegeben, die aktuell läuft. Der Pfarrer war dort während einigen Jahren im Amt, danach kam es zu «ernsthaften Schwierigkeiten», wie die Mediensprecherin der Landeskirche auf Anfrage schreibt.