350. Todestag von Paul Gerhardt

«Seine Lyrik ist wahnsinnig kunstvoll, aber man merkt es nicht»

Paul Gerhardt ist vor 350 Jahren gestorben. Seine Lieder werden noch immer gerne gesungen. Kirchenmusiker Andreas Marti erklärt, weshalb sich Gerhardts Lieder so gut gehalten haben.
Paul Gerhardt (1607 - 1676) lebte in der Epoche des Barock. In seine Lebenszeit fiel unter anderem der Dreissigjährige Krieg. (Bild: akg-images/ Keystone)

Herr Marti, viele Lieder von Paul Gerhardt sind noch heute breit bekannt. Weshalb hat er so viele Evergreens komponiert?
Das liegt sicher daran, dass für viele Pfarrpersonen gilt: Was man kennt, das braucht man und was man braucht, das kennt man. Das ist die selbstverstärkende Rezeption.

Gilt das für alle seiner Lieder? Gerhardt war sehr produktiv.
Nein, nur etwa ein Viertel haben wir ins Gesangbuch aufgenommen. Aber die Frage ist interessant. Ich beschäftige mich gerade damit, welche Stücke im 19. Jahrhundert in der Schweiz aufgegriffen wurden. Dafür arbeite ich mich durch alte Gesangbücher. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen, aber es zeigt sich, dass in den verschiedenen Büchern in etwa dieselben Lieder vorkommen. Sie decken sich ungefähr auch mit der damaligen Auswahl an Gerhardt-Liedern in Deutschland.

Können Sie ein Beispiel geben?
«Befiehl du deine Wege» und «O Haupt voll Blut und Wunden» findet man in fast allen Büchern, um nur zwei zu nennen. Das Repertoire ist erstaunlich konstant.

Sie kennen Gerhardts Werk sehr gut. Können Sie sich erklären, weshalb Lieder eines Autors so beliebt sind, der vor 350 Jahren starb?
Er ist quasi ein Selbstläufer. Die poetische Machart der Gedichte, die Weise, wie er mit Sprache umgeht – das funktioniert immer noch. Seine Lyrik ist wahnsinnig kunstvoll, aber man merkt es nicht so.

Auf den ersten Blick erscheint mir «Ich singe dir mit Herz und Mund, / Herr, meines Herzens Lust; / ich sing und mach auf Erden kund, / was mir von dir bewusst» eher simpel: Endreime und ein paar einfache Worte.
Man muss auf die Struktur achten, darauf, wie er die Pronomen setzt und damit die persönliche Beziehung zwischen Mensch und Gott herstellt. Dann verbindet er mit Wortwurzeln die Strophen. Die erste Strophe endet mit «bewusst», die zweite beginnt mit «Ich weiss».

Das Lied ist 18 Strophen lang. Hält er es bis zum Ende durch?
Ja. Der poetische Aufwand ist erheblich, doch es wirkt ganz einfach. Darin liegt das Geheimnis.

Ist das auch das Geheimnis, weshalb Gerhardt noch immer in aller Munde ist und sein Zeitgenosse Andreas Gryphius, der kunstvolle Sonette mit religiöser Tiefe dichtete, nicht?
Gerhardts Lieder zeichnet eine gekonnte Oberflächeneinfachheit aus. Man versteht sie sofort, aber es gibt in ihnen einen poetischen Mehrwert, der Bedeutungsräume öffnet. Wir sprechen aber nicht von den theologischen Inhalten. Die sind oft schwierig.

Einflussreicher Dichter

Paul Gerhardt wurde 1607 geboren und erlebte den Dreissigjährigen Krieg, die Pest und Konfessionskonflikte. Vier seiner fünf Kinder sterben. Beruflich braucht er lange, um eine richtige Stelle zu finden. Er arbeitete lange als Hauslehrer, bis er mit 44 Jahren zum Pfarrer ordiniert wird.

Gerhardt hat 140 deutsche Kirchenlieder gedichtet. Ihm wird zugeschrieben, dass er das von Martin Luther geschaffene Gemeindelied so weiterentwickelte, dass jede Einzelne für sich singend in den Dialog mit Gott treten könne.

Die Lieder erfreuten sich grosser Beliebtheit. Dazu beigetragen haben die Komponisten, die sie vertonten: Die Berliner Kantoren Johann Crüger und Johann Georg Ebeling sowie – als berühmtester der drei – Johann Sebastian Bach.

Während der Aufklärung wurden Gerhardts Lieder nicht gesungen, sie passten nicht zum Zeitgeist. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts fanden seine Lieder wieder Eingang ins Gesangbuch. (dst)

Weshalb?
Es ist eine Theologie, die ein sehr düsteres Menschenbild hat. Der Mensch ist ein armer Sünder, der sich mit dem zufrieden geben soll, was er hat, und still sein soll. Wir haben heute ein anderes Menschen- und Gottesbild. Deshalb haben wir zum Beispiel «Ein Lämmchen geht und trägt die Schuld» nicht mehr ins Gesangbuch übernommen.

«Es geht und büsset in Geduld die Sünden aller Sünder; es geht dahin, wird matt und krank, ergibt sich auf die Würgebank», heisst es dort etwa.
Ja, und andere Lieder sind eben bedeutungsoffener. In sie kann man auch 350 Jahre später noch etwas von sich hineintragen. Doch das funktioniert nur, wenn der Text gut gemacht ist. Denn wir Reformierten haben eine Schwachstelle, was Sprache angeht: Wir nehmen Wörter immer wörtlich. Die poetische Ebene eines Liedes wird vernachlässigt, und auch die Ritualität der Sprache ist uns abhanden gekommen. Darum sind wir bei manchen Textstellen ratlos.

Hat das vielleicht auch damit zu tun, dass Gerhardt während des Dreissigjährigen Kriegs lebte? Seine Realität war so ganz anders als unsere: Krieg, Hunger, Krankheit, Unsicherheit, hohe Kindersterblichkeit, geringe Mobilität.
Das würde ich nicht sagen. Wenn ich einem Text mit etwas Distanz begegne, kann ich anerkennen, dass etwas fremd ist und dennoch meins. Albrecht Grözinger hat über diese ästhetische Dialektik geschrieben*.

Aber wenn man singt, gibt man doch gerade diese Distanz auf. Der Liedtext wird gewissermassen zum eigenen Wort.
Wie gesagt haben wir die schlimmsten Lieder, was die Theologie angeht, nicht im Gesangbuch, und man kann ja auswählen, welche Strophen man singt. Ausserdem gibt es den Effekt, dass man langsamer singt, als man liest. Dadurch ist die Bedeutung des ganzen Satzes nicht mehr so stark. Einzelne Wörter stechen eher heraus und an ihnen hält man sich. Aber natürlich gibt es immer Leute, die nach einem Lied sagen: «Was haben wir jetzt für einen Chabis gesungen?» Das ist ok, damit muss man umgehen.

Trotzdem bleibt die Frage, weshalb Gerhardts Lieder noch immer so populär sind.
In vielen seiner Lieder hat es ein offenes Gottesbild. So offen, dass alle mitsingen können. Bei den ersten paar Strophen von «Grosser Gott, wir loben dich» – ein Jahrhundert nach Gerhardt entstanden – ist es auch so. In der Folge nicht mehr, aber diese Strophen werden in der Regel nicht gesungen. Doch man darf auch nicht vergessen, dass Gesangbuchlieder früher Teil des Alltags waren. In der Schule haben wir viele Lieder aus dem Gesangbuch und auch «O Haupt voll Blut und Wunden» gesungen. Das war ganz normal.

Hier noch eine letzte These: Weil Gerhardts Werk so beliebt ist, standen und stehen andere in seinem Schatten und konnten nie modernere oder zeitgenössische Lieder etablieren. Aus Mangel an Alternativen singt man noch immer Gerhardts Material. Ja oder Nein?
Ein klares Nein, es gibt andere Gründe. Für den Gemeindegesang brauchen Sie Lieder, die ohne viel Schnickschnack funktionieren. Popsongs wie in einer Freikirche brauchen eine Band und sind eher zu schwierig zu singen. Am besten geht es noch immer mit einem Strophengedicht in Liedform. Aber ja, eigentlich ist diese Form seit Goethe aber sicher seit Beginn des 20. Jahrhunderts aus der Zeit gefallen. So dichtet man nur noch Kirchenlieder oder Kabarettsongs.

Andreas Marti

Der Theologe und Kirchenmusiker Andreas Marti (76) war unter anderem Dozent für Liturgik, Hymnologie und Kirchenmusikgeschichte in den Chorleiterkursen des Schweizerischen Kirchengesangsbundes, am Konservatorium Bern und der Kantorenschule Zürich.

Er war Beauftragter der Deutschschweizer Kirchenkonferenz für Liturgik und Hymnologie und Präsident der Deutschschweizerischen Liturgiekommission sowie Mitglied der Kleinen Gesangbuchkommission.

Für etliche der Lieder im Gesangbuch hat Andreas Marti erläuternde Texte geschrieben. (dst)

So ein Strophengedicht sollte doch heute noch zu schaffen sein.
Man darf sich nicht täuschen. Wo es diese Liedstruktur braucht, sind Metaphern unverzichtbar. Bilder, hinter denen eine weitere Bedeutung steckt, die alle verstehen. Doch wir haben viele Metaphorikbereiche verloren. Erotische Metaphorik, Kriegsmetaphorik, in unserer zu grossen Teilen urban geprägten Gesellschaft weitgehend auch die Landwirtschaftsmetaphorik – alles weg. Es gibt nur noch Licht und Schatten, Tag und Nacht und die Jahreszeiten. Damit dichten Sie kein grosses Repertoire.

Ein Team der Universität Hamburg wird im Paul-Gerhardt-Jahr eine kritische Gesamtedition seiner Werke veröffentlichen. Hat die Welt darauf gewartet?
Nein, aber es ist praktisch, das ganze Material in einem Buch zu haben und es nicht wie bisher zusammensuchen zu müssen. Mein Wunsch wäre ja  – und davon träume ich, seit es das Internet gibt – eine Onlineplattform, auf der zu allen Kirchenliedern ein historisch-kritischer Hintergrundtext samt Originalfassung verlinkt ist. Vielleicht nicht zu allen, aber mindestens zu denen von Luther, Gellert und Gerhardt.

*Grözinger, Albrecht: «Praktische Theologie und Ästhetik». München 1987

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