Karfreitagsvesper
«Wenn man etwas komponiert, sehen die Leute, wer man ist. Man ist nackt»
Heute in der Karfreitagsvesper wird Ihre Komposition «Hymnus an das Leben» zum ersten Mal aufgeführt. Was geht in Ihnen vor, bevor der erste Ton gespielt ist?
Bernhard Ruchti: Ich freue mich riesig, die Proben liefen super. Es ist immer unglaublich, wenn ein eigenes Stück gespielt wird. Gleichzeitig bin ich nervös. Wenn man etwas komponiert, sehen die Leute, wer man wirklich ist, man ist nackt.
Sie werden die Orgel spielen, ein Chor und eine Mezzosopranistin werden singen, zwei Violinistinnen und eine Perkussionistin sind auch dabei. Weshalb haben Sie für so viele Stimmen geschrieben?
Ursprünglich wollte ich ein Stück für einen Chor schreiben. Die St. Laurenzen ist die Hauptkonzertkirche in St. Gallen. Seit Jahren führen wir Vesperkonzerte durch und der Anklang ist gut. Die Karfreitagsvesper ist immer ein etwas grösserer Anlass und dafür habe ich das Stück auch geschrieben. Nun hat es im Text des Werks Passagen, die sehr stark in der Ich-Form geschrieben sind. Da dachte ich, es sei besser, wenn es statt eines Chors eine Sängerin übernimmt.
Und die Trommeln?
Die neue Orgel ist ein sehr virtuoses Instrument. Sie bietet so viel, aber sie deckt den Rhythmus-Bereich nur beschränkt ab. Jetzt haben wir einen grossen Gong dabei und Trommeln. Die Trommel ist ein archaisches Instrument und ich liebe sie. Die Violine kann man vielseitig einsetzen, sie ist ein wundervolles Instrument.
Sie haben nicht nur die Musik komponiert, sondern auch den Text für den Gesang geschrieben – damit sind Sie als Künstler quasi doppelt nackt.
Man hat den Drang, etwas zu machen und dann macht man das. Den Text habe ich vor etwa einem Jahr verfasst, noch ohne zu wissen, was daraus wird. Ich schreibe sehr viel und veröffentliche nichts, schon gar nicht etwas Poetisches – bis jetzt. In dem Text ist viel von meiner Spiritualität enthalten. Es war mir ein Anliegen, das zu machen und es den Leuten, die an der Vesper sind, zu zeigen.
Die Literatur an Kirchenmusik füllt eine lange Reihe von Büchergestellen, die Vielfalt ist gross. Welchen künstlerischen Anspruch hatten Sie an sich, um ein neues Werk zu rechtfertigen und es in diese Reihe zu stellen?
In der kirchenmusikalischen Landschaft ist es wichtig, dass man wagt, etwas Neues zu machen. Bei aller Liebe für die alte Musik – es kann nicht sein, dass man bei ihr stehen bleibt. Aber Ihre Frage ist mehr als berechtigt. Es treibt mich als Künstler um, was ich beitragen kann. Wenn ich einen Text habe, zu dem ich etwas komponieren will, tauche ich ein in diese Welt und den geistigen Inhalt. Ich taste ihn ab, bis ich weiss, wie ich ihn zum Klingen bringen kann. Der Text hat mich unglaublich beschäftigt. Ich hatte meine Krisen und Zweifel und fürchtete, die Komposition an die Wand zu fahren. Doch jetzt kann ich sagen: Es ist ein authentisches Werk mit meiner musikalischen Sprache. Es imitiert nichts. Deshalb hat es eine Berechtigung.
Was kommt musikalisch auf das Publikum zu?
Das Stück ist grundsätzlich zugänglich und nicht avantgardistisch, das entspräche nicht meinem Stil. Die Harmonik arbeitet mit grossen und kleinen Terzen in freier Art und Weise. Es ist keine Klassik, sondern eine andere musikalische Sprache. Die Komposition ist abwechslungsreich mit sieben Sätzen und einer klaren Form, damit man sich beim Zuhören gut orientieren kann. Es fällt mir schwer, es zu beschreiben, man muss es hören.
Die Karfreitagsvesper kann man auf www.ref-sg-live.ch mitverfolgen.