Notfallseelsorge

«Manche sind ein Häufchen Elend»

Notfallseelsorgerinnen rücken aus, wenn Menschen in Not Hilfe brauchen. Die Theologin Yvonne Schönholzer übernimmt diese Aufgabe schon seit fünfzehn Jahren. Ein Einblick in ihre Arbeit.
Sie rücken aus, wenn Menschen in Not sind: Ökumenische Notfallseelsorger sind an Unfallstellen und bei ausserordentlichen Todesfällen gefragt. (Bild: Notfallseelsorge Kanton Zürich/ zVg)

Treffe ich an einer Unfallstelle ein, ist die Situation oft unübersichtlich, manchmal gar chaotisch. Dann schaffe ich Sicherheit: Einerseits gewährleiste ich, dass Angehörigen, Ersthelfern oder Zeugen nichts passiert. Andererseits entsteht die Sicherheit auch durch unsere Betreuung. Ich sorge dafür, dass eine verstorbene Person erst abtransportiert wird, wenn die Angehörigen sich verabschieden konnten.

Als Notfallseelsorgerin sage ich nicht mehr als: «Ich bin jetzt für Sie da.» Ich versuche, nicht zu werten, sondern zuzuhören und zu begleiten. In den allermeisten Fällen werden wir bei aussergewöhnlichen Todesfällen aufgeboten, wenn ein Kleinkind stirbt oder jemand Suizid begeht. Es kann aber auch sein, dass uns eine betagte Frau braucht, weil ihr langjähriger Ehepartner in den frühen Morgenstunden verstorben ist.

Im Dienst bin ich 24 Stunden auf Abruf. Früher leisteten wir eine ganze Woche Pikett, aber das ist mit den Ansprüchen im Berufs- und Privatleben nicht mehr vereinbar. Wie es den Leuten geht, die ich antreffe? Das ist unterschiedlich. Manche schreien vor Verzweiflung, andere sind ein Häufchen Elend. Manche sind beschäftigt und tun irgendwas, um sich abzulenken.

Wir Notfallseelsorgende versuchen, die Situation zu ordnen und eine Chronologie in die Ereignisse zu bringen. Was ist passiert? Was sind die nächsten Schritte? Gibt es Familienmitglieder, Freunde, Bekannte, die sich um die Person kümmern können?

Kontinuierlich mehr Einsätze

Seit zwanzig Jahren rücken Notfallseelsorgerinnen im Kanton Zürich rund um die Uhr aus. Sie arbeiten eng zusammen mit Blaulichtorganisationen oder einem Care-Team. Die Notfallseelsorger leisten laufend mehr Einsätze, sie verteilen sich auf vier kantonale Regionen. Wöchentlich leisten sie im Schnitt 4,5 Einsätze. (jow)

Ich versuche, für Entschleunigung zu sorgen und zu beruhigen. Manche Personen erkennen sich nicht wieder in diesen Krisensituationen. Sie sagen: «So reagiere ich sonst nie, das bin nicht ich.» Ich erkläre, dass alles Platz haben darf als Reaktion auf ein abnormales Ereignis. Es gehört dazu, dass jemand danach möglicherweise schlecht schläft.

Oft sind unterschiedliche Gefühle da: Trauer, Wut, Enttäuschung. Auch Unsicherheit oder Angst. Es können Schuldgefühle aufkommen. Wir versuchen, sie aufzufangen und nehmen das ernst. Einmal begleitete ich eine Frau. Sie ging einkaufen, währenddessen erlitt ihr Mann einen Herzstillstand und starb. Sie machte sich Vorwürfe, nicht zuhause geblieben zu sein. Ich äusserte Verständnis und sagte ihr, dass das Ereignis nicht voraussehbar gewesen sei.

Zur Person

Yvonne Schönholzer ist reformierte Theologin und Übersetzerin. Sie arbeitet als Seelsorgerin in einem Pflegezentrum. Seit fünfzehn Jahren ist sie zudem in der Notfallseelsorge im Kanton Zürich tätig. Vorübergehend ist Yvonne Schönholzer operative Gesamtleiterin der Zürcher Notfallseelsorge. (jow)

Meine Einsätze können nur dreissig Minuten dauern oder bis zu vier Stunden. In selten Fällen dauert der Einsatz einen Tag, wenn wir jemanden in ein Spital begleiten oder zu einem Ort, an dem jemand aufgebahrt ist. Besonders nahe geht es mir, wenn Kinder sterben – und damit meine ich nicht nur Kleinkinder. Es ist auch schwer, einer neunzigjährigen Person beizustehen, deren 60-jähriger Sohn gestorben ist.

Auch Gewaltdelikte sind furchtbar. Besonders wenn ein Kind beide Elternteile verliert, weil die Mutter tot ist und der Vater in Haft. Mir hilft es, nicht zu tief in die Situation einzutauchen.

Ich sehe mich als Begleiterin: Ich gehe ein kurzes Wegstück mit. Ich erstelle nach jedem Einsatz einen Bericht. Auch das trägt dazu bei, Distanz zu gewinnen. Ich lasse mich selbst begleiten und spreche mit Profis über das, was passiert ist. Ich versuche, möglichst wenig in meiner Familie zu bereden. Meine Arbeit ist getan, wenn ich merke, jetzt bin ich überflüssig, weil jemand anderes übernimmt.

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