«Mir gefällt der basisdemokratische Geist der Schweizer Reformierten»

Der gebürtige Deutsche und Pfarrer Volker Bleil ist seit 1. Februar der neue theologische Leiter des Klosters Kappel. Was ihn nach Zürich führte, warum er sich insbesondere für Menschen am Rande der Kirche interessiert und was er unter guter Theologie versteht, erzählt er im Interview.

Volker Bleil, neuer theologischer Leiter des Klosters Kappel, will insbesondere auch distanzierte Mitglieder der Kirche erreichen. (Bild: zvg)

Herr Bleil, Sie waren bis vor kurzem Pfarrer an der Martin-Luther-Kirche in Ulm. Sind Sie gut in der Schweiz angekommen?
Ja, ich habe gerade erst die Aufenthaltsbewilligung bekommen. Ich bin mit einer Schweizerin verheiratet, deshalb fühle ich mich sowohl Deutschland als auch der Schweiz verbunden. Ich wohne pro Woche etwa fünf Tage in Kappel. Das Wochenende, beziehungsweise meine freien Tage, verbringe ich zu Hause in Konstanz.

Sie sind seit Februar neuer theologischer Leiter in Kappel. Was hat Sie zu dieser Stelle geführt?
Ich war in den letzen 30 Jahren leidenschaftlicher Gemeindepfarrer in Ulm. Schon immer haben mich die Menschen interessiert, die eher am Rand der Kirche stehen. Also jene, die nach wie vor nach spirituellen Antworten suchen, diese jedoch in den Kirchgemeinden vor Ort nicht finden, oder schon gar nicht mehr suchen. Die Angebote im Kloster Kappel richten sich ja genau an solche Leute auf der Grenze. Das fand ich spannend.

Was interessiert Sie an diesen Distanzierten, wie sie in der Schweiz genannt werden?
Ich bin davon überzeugt, dass gerade sie Kraft und Orientierung aus dem Evangelium schöpfen könnten. Das Evangelium, beziehungsweise das Christsein, wird oft selbst eng gefasst, in dem es sehr traditionell ausgelegt wird. Wir meinen, alle müssten so glauben und denken wie wir.

Was ist für Sie gute Theologie?
Gute Theologie vermittelt die alten, bewährten Inhalte, versteht sie aber auf der Höhe der Zeit und findet dadurch zu einer neuen Sprache, die die Menschen anspricht. Zum Beispiel können wir nicht mehr unkommentiert und unreflektiert patriarchale Gottes- und Gesellschaftsbilder weiterverbreiten. Einer, mit dessen Theologie ich mich identifizieren kann, ist Fulbert Steffensky.

Wie möchten Sie im Kloster Kappel die Menschen erreichen?
Solche Orte wie Kappel nennt man in Deutschland dritte Orte. Es sind Orte jenseits des Arbeitsortes und des Wohnorts, die man für eine bestimmte Zeit aufsucht mit der Chance, einen kleineren, oder grösseren geistlichen Transformationsprozess zu erleben. Bei meiner Arbeit ist mir wichtig, diesen Prozess dialogisch zu begleiten. Ich gehe immer davon aus, dass ich vom Gegenüber etwas lernen kann, dass Gott in der Form des Heiligen Geistes beim Gegenüber längst schon präsent ist.

Gibt es schon konkrete Angebote, die Sie im Kloster Kappel anbieten wollen?
Das Kloster Kappel ist ein Bildungshaus, das gut läuft. Ich möchte zuerst einmal das Haus kennenlernen und dann das Bewährte weiterführen und weiterentwickeln. Mein Ziel sind nicht die grossen Schnitte, sondern ein sanftes Reformieren. Grosses Interesse habe ich an ökumenischen Kooperationen. Wir müssen uns zusammen überlegen, was es bedeutet, im 21. Jahrhundert Christ zu sein – auch überkonfessionell. Sehr gerne möchte ich auch mit den Kirchgemeinden im Säuliamt zusammenarbeiten. Wie diese Zusammenarbeit konkret aussehen könnte, ist zurzeit noch offen.

Wie nehmen Sie als Deutscher die Schweizer Reformierten wahr?
Oh, da muss ich aufpassen! Ich haben in den 80er Jahren drei Semester in Zürich studiert und mein Bild von den Schweizer Reformierten scheint noch von dieser Zeit geprägt zu sein. In den 80er Jahren war wenig Trennung zwischen Staat und Kirche spürbar oder vorhanden. Die reformierte Kirche hatte in der Zürcher Stadtgesellschaft Gewicht und eine starke Stimme. Heute erlebe ich hier eine grosse Offenheit. Was mir besonders positiv auffällt, ist, dass ein basisdemokratischer Geist herrscht. Ohne Allüren und Standesdünkel. In Deutschland gibt es davon leider deutlich mehr.

Der 56-jährige Volker Bleil war in den letzten 15 Jahren Pfarrer an der Martin-Luther-Kirche in Ulm, Baden-Württemberg. Er ist mit einer Schweizerin verheiratet und studierte unter anderem in Zürich. Seit 1. Februar ist er der theologische Leiter des Seminarhotels und Bildungshauses Kloster Kappel.