USA

«Die Abtreibungsfrage hat Evangelikale politisiert»

Der reformierte Pfarrer Mike Gray blickt mit Sorge in die USA. Gray ist im Mittleren Westen aufgewachsen, seine Kindheit und Jugend waren freikirchlich geprägt. Er erläutert, wie der politische Aktivismus der US-Evangelikalen entstand und was die Renaissance jetzt bedeutet.
Anhänger der «Pro Life»-Bewegung demonstrieren im Januar 1978 in Washington. Fünf Jahre zuvor, 1973, war Abtreibung legalisiert worden. Im Juni 2022 wurde die Gesetzesgrundlage aufgehoben, so dass Schwangerschaftsabbruch nicht mehr in allen US-Staaten legal möglich ist. (Bild: Keystone/ Science Photo Library/ Library of Congress)

Herr Gray, wie geht es Ihnen, wenn Sie nach Amerika blicken?
Mike Gray: Es macht mich traurig. Politisch nimmt die Polarisierung auf beiden Seiten zu. Kompromisslösungen sind so eigentlich ausgeschlossen. Die US-Politik kennt wie ein binäres System nur 0 und 1, Republikaner und Demokraten. Es gibt die Sichtweisen «Gut» und «Böse».  Insbesondere auf der republikanischen Seite kommt bei Vielen ein typisch evangelikales Binärdenken dazu: Du bist entweder von Jesus gerettet oder eben nicht.

Wie muss man das verstehen?
Evangelikale Theologie beschreibt, dass die Sünde alle Lebensbereiche des Menschen prägt. Darum genügt eine bloss ethische Zustimmung zu Jesu Lehre nicht.

Welches sind die Grundmerkmale dieses Glaubens?
Wer evangelikal glaubt, bekennt seine Sündhaftigkeit und vertraut darauf, dass Jesus Christus stellvertretend für seine Sünden gestorben ist. Er spricht von «Neugeburt». Dadurch ist er mit Gott unterwegs und erlebt eine innere Wandlung, die sein Leben zum Guten prägen soll. Das sind die Einstellungen, die meine Eltern motivierten, die USA zu verlassen, um zu predigen. Zuerst nach Ungarn, um die Kommunisten anzusprechen. Dann in den 1980er-Jahren nach Sizilien, um katholische Leute zu konfrontieren und zu sagen: Euer Glaube führt nicht zu einer persönlichen Beziehung mit Gott.

Das hört sich ziemlich anmassend an. 
Man mag das für Mumpitz halten – und ich sehe es heute tatsächlich anders als damals. Aber wenn du diese Überzeugung in dir trägst, ist es ein Akt der Nächstenliebe, die Leute darauf anzusprechen.

Zurück nach Amerika: Was kann die evangelikale Sichtweise im politischen Kontext bewirken?
Brandgefährlich wird es, wenn Manche die Binärsysteme aufeinanderstapeln. Dann heisst es nicht mehr: Die Demokraten sind ein bisschen naiv – sondern: Viele, zumal ihre Führungspersonen, gelten als nicht gerettet, gar als verdorben. Das stempelt sie ab.

Sie haben in Ihrer Dissertation über Visionen religiöser Identitäten in der Fantasy-Rhetorik geschrieben. Sehen Sie da Parallelen?
Ja. Eine der von mir untersuchten Serien heisst «Left Behind». Sie greift apokalyptische Erzählungen auf, basierend auf einer unter vielen amerikanischen Evangelicals verbreiteten Eschatologie, also der Lehre von den letzten Dingen. In diesen Büchern ist die Linie klar: Der Antichrist ist der UNO-Generalsekretär. Der arbeitet daran, die Ziele des Teufels in der Welt umzusetzen. Selbst viele, die solchen Endzeitmodellen nahestehen – und das sind längst nicht alle Evangelikalen –, hielten das für übertrieben. Aber solche Erzählungen haben zu einer Wahrnehmung der Welt beigetragen, die im Hinterkopf mitschwingt.

Woher stammt der politische Aktivismus der US-Evangelikalen?
Die Abtreibungsfrage in den 1970er- und 80er-Jahren hat US-Evangelicals stark politisiert. 1973 sprach der Supreme Court in «Roe vs. Wade» Frauen ein grundsätzliches Recht auf Abtreibung zu. Danach kristallisierte sich heraus: Evangelicals sind gegen Abtreibung und fordern Verbote. Dieser Punkt schweisste Evangelicals und Republikaner eng zusammen. Es entstand etwa die «Moral Majority», eine Organisation konservativer Christen, die Wahlempfehlungen abgab und Kampagnen organisierte.

Zur Person

Der 53-jährige Mike Gray wurde in Chicago geboren und reiste als Kind mit seinen Eltern auf Mission durch Europa. Sein Vater war Calvinist und Baptistenpastor. Schon als Teenager nahm Gray die Verflechtung von Theologie und Politik wahr. Sein erstes Theologiestudium absolvierte er an evangelikalen Institutionen und arbeitete bis 2004 in Schweizer Freikirchen.

Gray lebt seit 1995 in der Schweiz. Seit 2011 ist er Pfarrer in der Zürcher Kantonalkirche, seit 2024 in der Reformierten Kirche Weinland Mitte. Zuvor arbeitete er in der Stadt Winterthur.

Vor etwas mehr als zehn Jahren musste Gray seinen US-Pass wegen Auflagen von Finanzinstituten abgeben: «Das hat richtig weh getan.» Er versteht sich dennoch als «Midwestern boy»: «Dort sind meine Wurzeln; das bleibt ein Teil von mir.» Seine Verwandtschaft lebt weiterhin im Mittleren Westen, sein Sohn studierte in den USA.  (gab)

Waren die Demokraten wegen ihrer Haltung unwählbar?
Ich erinnere mich an Diskussionen bei uns Zuhause. Mein Vater sagte: «Hier und da mögen die Demokraten nicht ganz unrecht haben, aber solange sie 'die Ermordung von Babys' erlauben, sind sie unwählbar». So buchstäblich wurde das bei uns formuliert.

Wieso kommt es nun zur Renaissance des politischen Aktivismus? 
Zum einen hat es sicher mit der schwindenden Mehrheit der Weissen in Amerika zu tun. Sie sind weiterhin die grösste Bevölkerungsgruppe, aber ihr Anteil schwindet. Mit Barack Obama war ein schwarzer Mann mit ungewöhnlichen Namen Präsident. Das war für Viele an sich eine Provokation. Obwohl Obama fromm war: Er verkörperte etwas, das viele 'traditionelle' Amerikaner beunruhigte. Es machte sich die Haltung breit: Unser Land verändert sich und wir müssen uns verteidigen. Die Republikaner gelten als Vertretung der traditionellen weissen Milieus. Innerhalb dieser Koalition sind die Evangelicals sehr stark und gut organisiert. Wobei längst nicht jeder Republikaner ein Evangelical ist oder umgekehrt. So einfach ist es nicht. Aber es gibt eine grosse Schnittmenge.

Sind diese «Evangelicals» gleichzusetzen mit den Evangelikalen hierzulande?
Ich habe bewusst das englische Wort gewählt. «Evangelikale» in Europa ticken in vielem anders. In den USA meint «evangelical» einerseits Institutionen, andererseits Menschen, die sich so bezeichnen. Zu sagen, man sei evangelical, ist oft auch ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer amerikanischen Tradition – selbst wenn man selten in die Kirche geht. Es geht also auch um Identität, nicht zwingend um Lebensstil.

Sie beobachten ausserdem eine theologische Weiterentwicklung, die den politischen Aktivismus wiederbelebt. 
Ja. Das finde ich total spannend, aber auch verhängnisvoll. Als ich ein kleiner Bub war, schien eine Mehrheit überzeugt, dass man sich kurz vor oder schon in der Endzeit befindet. Bald würde Jesus die menschliche Geschichte beenden, so die Haltung. Diese hat sich bei vielen geändert. 

Inwiefern?
Der Pessimismus ist schwächer geworden. Nun zeigt sich häufig eine andere Haltung: Der göttliche Einbruch kann sich doch auch gerade durch gläubige Menschen realisieren. Das kann aber auch heissen: Böse Leute versuchen die Welt zu zerstören und wir kämpfen mit Gottes Hilfe dagegen an. Er gibt uns Macht, Mut und Kraft, um zu siegen.

Ein dankbares Narrativ für die Politik. Man kämpft nicht für konservative Politik, sondern für Gott.
Ja, das ist eine Steilvorlage. Man muss den Ball nur noch versenken. 

Es gibt aber eine grosse Diskrepanz zwischen Evangelikalen und Donald Trump. Wieso unterstützt man ihn?
Rein pragmatisch hat er den Evangelikalen Macht angeboten. Er hat sein Versprechen gehalten und zum Beispiel am Obersten Gerichtshof Richter eingesetzt, die «Roe versus Wade» gekippt haben.

Aber weltweit Hilfsgelder zu kürzen, das ist doch alles andere als christlich.
Schon zu meiner Schulzeit in den 1980er-Jahren gab es eine kritische Haltung gegenüber Bildung und Entwicklungsarbeit des Staates. Der soll sich raushalten, das sei Sache der Familie und der Kirche. So kann man jene Projekte unterstützen, die den eigenen Überzeugungen entsprechen. Diese Haltung hat sich überlebt.

Was macht Ihnen Hoffnung?
Ich bin grundsätzlich hoffnungsvoll. In Amerika will ich daran glauben, dass man von gewissen Übertreibungen und Radikalisierungen wieder zurückschwenkt. Weder Demokraten noch Republikaner sind Ungeheuer. Im Sommer waren für zwei Wochen republikanische US-Verwandte bei uns in der Schweiz zu Besuch. Der Mann meiner Cousine ist Pastor in einer sehr konservativen US-Kirche. Wir konnten uns gegenseitig wertschätzen, selbst wenn wir uns politisch widersprechen.

Redaktionelle Mitarbeit: Johanna Wedl

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