500 Jahre Täuferbewegung

«Beim Frühstück fühlten wir uns wie Geschwister»

Zur Mennonitischen Weltkonferenz reisen Gläubige aus aller Welt nach Zürich. Viele übernachten bei privaten Gastgeberinnen wie Vroni Peier. Reformierte und Mennoniten erkennen mitunter, wie viel sie verbindet.
Kinder in der «Farmersville Mennonite School» in Ephrata Pennsylvania. Als eine Schweizer Reisegruppe unter Leitung des reformierten Theologen Peter Dettwiler die Privatschule traditioneller Mennoniten besuchte, wurde sie von den Kindern mit Gesang empfangen. (Bild: Peter Dettwiler)

Mike und Dawn Derstine aus Pennsylvania sitzen am Frühstückstisch bei Vroni Peier in Zürich. Es ist still, obwohl der Austausch eifrig ist. Denn Peier spricht kein Englisch und das mennonitische Ehepaar hat das sogenannte «Pennsilveni-Deitsch» nicht mehr gelernt. Ihre Grosseltern beherrschten den deutschen Dialekt und in Gemeinden der Amischen wird noch immer so geredet, wie damals die Täufer sprachen, als sie aus Europa flohen.

Aktuell findet in Zürich der Weltkongress der Mennoniten statt. Sie haben ihre Wurzeln in der Täuferbewegung, die im Zuge der Reformation entstand und so genannt wird, weil sie unter anderem die Erwachsenentaufe vorsah. 1525 wurde in Zürich der erste Erwachsene getauft.

Zwischen Kaffee und Konfibrot steht also der Computer auf dem Tisch – er überwindet die Sprachbarriere. Vroni Peier tippt etwas ein, Mike, der Pastor in einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Philadelphia ist, antwortet schriftlich. Zwei Stunden geht es so hin und her. Die Derstines hätten viel über die Geschichte der Mennoniten in der Schweiz wissen wollen.

Doch von der reformierten Gastgeberin wollten sie zuerst nichts Persönliches erfahren. Die Konfession sei wohl im Weg gestanden, vermutet Peier. «Wir haben uns vergessen und verloren», sagt die 74-Jährige über die Beziehung zwischen Anhängern der Täuferbewegung und den Reformierten. Doch im direkten Austausch habe sich das schnell geändert: «Bald fühlten wir uns wie Geschwister.»

200 Übernachtungsangebote

Den Kontakt hergestellt hat Peter Dettwiler. Der reformierte Theologe und pensionierte Pfarrer ermöglicht zusammen mit zwei Kollegen, dass Mennoniten privat übernachten können. Dafür hat das Team eine Website ins Leben gerufen: taeufer-willkommen.ch. Auf Anfrage schreibt Dettwiler, dass man 200 Angebote von Zimmern habe und 70 eingeschriebene Gäste. «Wobei man diese Zahl sicher verdoppeln kann, da die meisten zu zweit, manche sogar mit drei oder mehr Familienmitgliedern anreisen.»

Dettwiler war an der Organisation des Täufertags 2004 in Zürich beteiligt und hielt anschliessend den Kontakt zu Mennoniten und Amischen in den USA. Sechs Gruppenreisen in deren Gemeinden in Pennsylvania und Ohio organisierte er. An einer dieser Reisen nahm auch Vroni Peier teil.

Unter anderem erzählt sie davon, welchen Stellenwert der Gesang für diese Gemeinschaften habe. Die Schweizer Gruppe habe bei jedem Besuch einer Gemeinde gesungen. So dachte sie sich, dass das Ehepaar Derstine Freude an einem Lied haben könnte. Und so sangen sie zusammen vor dem Frühstück «Morning has broken». Peier entschloss sich dazu, eine Unterkunft anzubieten, weil sie Dettwiler kennt und sie das Täufer-Jubiläum angesprochen hat.

Besucher mit Schweizer Wurzeln

Neben Mike und Dawn Derstine ist auch deren Tochter mit Mann und ein Freund der Familie nach Zürich gereist. Sie sind bei einem anderen Gastgeber untergekommen. Auf Empfehlung Peiers haben sich die Mennoniten eine Ausstellung zur Täuferbewegung in Zürich angesehen. «Mike hat viele Bilder gemacht und will seiner Gemeinde zuhause davon erzählen», sagt sie und hofft, dass der Kontakt bestehen bleibt.

Peiers Besuch dürfte Schweizer Wurzeln haben. In einer Publikation der Mennoniten in Pennsylvania von 1977 sind Schweizer Familiennamen und deren Herkunft aufgelistet. Darunter befindet sich auch der Name Derstine. Er gehe auf Michael Dirstein zurück, der sich 1732 in Pennsylvania niedergelassen habe, heisst es dort. Die Autoren verfolgten den Familiennamen bis in die Schweiz zurück: Derstine und Dirstein stammen demnach vom Namen Tierstein oder Thierstein ab, der in den Kantonen Bern und Solothurn verbreitet ist.

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