«Manche Missionsleute verwechselten das Evangelium mit ihrer eigenen Kultur»

Seit dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd wird nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande über Rassismus und Kolonialismus debattiert. Die emeritierte Theologieprofessorin Christine Lienemann erklärt, welchen Zusammenhang es zur christlichen Mission gibt – und warum der Begriff für sie trotzdem auch positiv konnotiert ist.

In Indien machten sich Missionare der Basler Mission im 19. Jahrhunderts mit Karren auf den Weg in ländliche Gebiete, um dort ihren Missionsauftrag zu erfüllen. (Bild: Keystone/Sammlung Carl Huettinger/Anonymous)

Frau Lienemann, beim Thema Mission denkt man oft an Zwang oder gar Unterwerfung. Verlief die Missionsgeschichte wirklich so?
Es gibt grosse Unterschiede. In Mittel- und Südamerika haben die spanischen und portugiesischen Eroberer die einheimischen Völker weitgehend vernichtet, afrikanische Sklaven zur Ausbeutung der Bodenschätze eingesetzt und Kolonialreiche etabliert. Katholische Missionen haben von diesem System teils profitiert. Vereinzelt haben Missionare aber bereits im 16. Jahrhundert mit vehementer Kritik darauf reagiert. In Afrika und Ostasien sah die Situation anders aus.

Und wie?
In Afrika sind protestantische Missionsvereine schon vor der Kolonisierung durch europäische Grossmächte im 19. Jahrhundert tätig gewesen. Sie liessen sich dann aber von den Kolonialverwaltungen für deren Zwecke einspannen. Nochmals anders verlief die Geschichte in Japan und China. Diese Länder wehrten sich während Jahrhunderten erfolgreich gegen eine koloniale Durchdringung ihrer Territorien. Dort waren Jesuiten und andere katholische Orden ohne koloniale Mächte im Hintergrund tätig, bis sie einem totalen Missionsverbot weichen mussten.

In welchem Verhältnis standen die kirchliche Mission und die Kolonialbewegung? Haben politische und religiöse Kräfte zusammengearbeitet?
Während des Hochimperialismus liessen sich Missionswerke in die Kolonialprojekte einbinden, wovon beide Seiten profitiert haben: die Missionsstationen beispielsweise vom Ausbau der Infrastruktur und dem militärischen Schutz, die Kolonialmächte von den Leistungen der Missionen im Erziehungs-, Bildungs- und Gesundheitswesen. Die Zusammenarbeit zeigte aber Risse. Missionsstationen störten die Kolonialinteressen, denn ihre Bildungseinrichtungen erwiesen sich oft als Nährboden etwa für afrikanische Emanzipation.

Welche Rolle spielt Rassismus in der Geschichte der Mission?
An Beispielen für abwertendes und rassistisches Verhalten fehlt es nicht. Reformierte südafrikanische Theologen etwa haben aus der Bibel einen Herrschaftsauftrag der Europäer gegenüber der schwarzen Bevölkerung abgeleitet. Die Folgen davon sind zum Teil bis heute erkennbar.

Können Sie ein Beispiel dafür geben?
Im Jahr 2001 besuchte ich die Missionsstation Hermannsburg in Kwazulu-Natal, die 1854 von lutherischen Missionaren und Siedlern gegründet worden war. Doch die «schwarze» Schule war immer noch bitterarm und hoffnungslos überfüllt, während die grossmehrheitlich «weisse» Schule daneben bestens ausgestattet war, ohne ihre Kapazitäten auszuschöpfen. An der Wand des Speisesaales stand der Spruch: «Pflegt die deutsche Sprache, wahrt das deutsche Wort, denn der Geist der Väter lebt in ihnen fort.» Ein Miteinander als eine Gemeinde aus Afrikanern und Europäern war auf dieser Grundlage undenkbar.

Kritisiert wird oft auch ein Identitätsraub, also dass den Einheimischen durch die Mission ihre Identität weggenommen und eine neue aufgezwungen wurde. Trifft das zu?
Die Missionsbewegung hat im Verlauf ihrer Geschichte mindestens ebenso viel zur Erhaltung von indigenen Sprachen und Kulturen beigetragen, wie sie Entfremdungsprozesse ausgelöst hat. Das wird heute auch von Linguistik-Fachleuten in den einstigen Missionsgebieten bestätigt. Durch die Übersetzung der Bibel in indigene Sprachen wurden diese verschriftlicht, was ihr Überleben sicherte. Die Übersetzungsarbeit erwies sich zudem als Türöffner für die Gemeindeglieder, weil sie dadurch innerhalb der Weltchristenheit ihre eigenen afrikanischen, asiatischen oder lateinamerikanischen Identitäten ausbilden konnten.

«Missionare verlangten von den Menschen, sich von zentralen Aspekten ihrer Herkunftskultur und Religion zu trennen.»

Aber Entfremdungsprozesse gab es auch?
Gewiss. Bekehrte Menschen wurden zu einem streng regulierten Tagesablauf mit harter Arbeit und Disziplin angehalten. Missionare verlangten von ihnen, sich von zentralen Aspekten ihrer Herkunftskultur und Religion zu trennen. Vor allem aber zerbrach durch das missionarische Wirken die Solidarität unter der einheimischen Bevölkerung.

Warum haben die Europäer überhaupt mit der Mission begonnen? Gibt es biblische Quellen für missionarisches Denken und Handeln?
In der Entstehungszeit der Bibel waren die christlichen Gemeinden durchdrungen vom Willen, die Botschaft, die sie als Befreiung erfahren haben, anderen Menschen weiterzugeben. Deshalb gab es vom ersten Jahrhundert an christliche Gemeinden in Asien, Europa und Afrika. Was die Glaubensweitergabe betrifft, geben die Evangelien und Paulusbriefe Orientierung: In den sogenannten Aussendungsreden  ermahnt Jesus die Jünger, auf ihrem Weg nichts mitzunehmen, sondern sich mittellos den Adressaten anzuvertrauen; wenn ihre Botschaft nicht aufgenommen wird, sollen sie weiterziehen (Lk 9:3f). Von Überreden, Bestechen oder Zwang liest man nichts.

Wie waren Schweizer Kirchen in die Mission involviert? 
Als eine der ältesten protestantischen Missionsgesellschaften in Europa ist die Basler Mission vor allem in Ghana, Kamerun, Indien und China tätig geworden. Schwerpunkte ihrer Arbeit waren die Verkündigung, der Aufbau von Missionsgemeinden, das Bildungs- und das Gesundheitswesen.

Und wie blickt die Organisation heute auf ihre Vergangenheit?
Mission 21, in der die Basler Mission aufgegangen ist, illustriert meiner Meinung nach beispielhaft den heutigen Umgang mit einem ambivalenten historischen Erbe. Seit den Neunzigerjahren werden historische Fotografien und Texte aus dem Basler Archiv Interessierten überall in der Welt via Internet leicht zugänglich gemacht. Dadurch ist ein globaler Austausch über die Missionsgeschichte entstanden. Problematische Missionspraktiken werden identifiziert und, wo es angezeigt ist, schuldhaftes Verhalten aufgedeckt. Wenn zum Beispiel Missionsleute das Evangelium mit ihrer eigenen europäischen Kultur verwechselten, bekehrte Frauen zum europäischen Frauenideal erzogen oder in den Missionsgemeinden materielle Abhängigkeiten geschaffen wurden.

«Für mich steckt Mission voller Überraschungen.»

Kann man aus heutiger Sicht sagen, ob die Mission «richtig» oder «falsch» gewesen ist?
Differenzierung finde ich hier sehr wichtig. In Europa ist es mittlerweile weit verbreitet, Mission als Ganzes für falsch zu halten. Das ist primär der Säkularisierung geschuldet, die auch die Volkskirchen durchdringt. Für mich steckt Mission voller Überraschungen. Sie kann Entsetzen auslösen darüber, was in ihrem Namen angerichtet worden ist. Ich habe aber auch Respekt vor dem Lebenswerk mancher Frauen und Männer in der Mission. Faszinierend ist, wie es denjenigen, die zunächst missioniert wurden, mit der Zeit gelungen ist, das Christentum in eine afrikanische, asiatische oder lateinamerikanische Religion umzugestalten. Damit haben sie sich zugleich ihre einst verdrängte Identität auf neue Weise zurückgeholt. Die daraus entstandenen Theologien sind für das europäische Christentum Herausforderung und Bereicherung zugleich.

Missionieren die grossen Kirchen heute noch?
Heute gibt es mehr Mission und mehr Bekehrungen als jemals zuvor in der 2000-jährigen Geschichte des Christentums – nur übernehmen heute vor allem Missionsleute im Süden diese Aufgabe. In unseren Breitengraden haben sich die Volkskirchen dagegen weitgehend aus diesem Wirkungsfeld zurückgezogen. Gerade Christen in anderen Ländern, wo keine Religionsfreiheit gilt, finden das befremdend. Vor allem aber sind sie irritiert über die Missionslosigkeit jener Kirchen, von denen einst der Missionsimpuls ausgegangen ist.

Was hat sich in den Kirchen dauerhaft verändert durch die Missionsgeschichte?
Anders geworden ist die globale Kirchenlandschaft: Die Kirchen im Süden machen heute zwei Drittel der Weltchristenheit aus. Daraus entstehen Konsequenzen für das Selbstverständnis unserer Kirchen. Nur mit anderen zusammen sind wir Kirche, biblisch gesprochen: Leib Christi. Dies als einzelnes Gemeindeglied, im Leben unserer Gemeinden, in Partnerschaften mit Migrationsgemeinden, in der Entwicklungszusammenarbeit sichtbar zu machen: das sind heutige Aufgaben der Kirchen in der Schweiz.

 

Christine Lienemann ist emeritierte Theologieprofessorin der Universität Basel. Sie hatte dort den Lehrstuhl für Ökumene, Mission und interkulturelle Gegenwartsfragen inne.