«Ich zog den Talar an, um von der Polizei in Ruhe gelassen zu werden»

Scotty Williams, US-Amerikaner und Pfarrer der All Souls Protestant Church in St. Gallen, hat in seiner Heimat selber Rassismus erlebt. Wie er die Black-Lives-Matter-Bewegung wahrnimmt und was er nun von den Weissen fordert, erzählt er auf ref.ch.

Demonstranten gehen am 6. Juni in Washington D.C. auf die Strasse, um dem von Polizisten getöteten George Floyd zu gedenken. (Bild: Keystone / Kevin Dietsch)

«Als ich das Video von George Floyds Tod sah, war ich schockiert. Das passt gar nicht zu Minneapolis, einer sehr liberalen und kosmopolitischen Multi-Kulti-Stadt. Ich kenne sie gut, weil ich dort studiert habe. Noch immer leben meine Familie und viele meiner Freunde dort. Nicht überrascht hat mich aber das brutale Vorgehen der Polizei, weil ich weiss, wie korrupt die Polizeidepartemente in den USA sind. Der Vorfall mit Floyd ist nur einer von vielen, bei denen in den letzten Jahren unschuldige schwarze US-Bürger durch Polizisten getötet worden sind. Diesmal scheint es für viele aber ein Breaking-Point gewesen zu sein.

Zu lange hat man immer und immer wieder auf das Rassismus-Problem aufmerksam gemacht, ohne dass sich etwas geändert hätte. Man versuchte durch Gebete, Dialog und friedlichen Protest etwas zu bewegen, aber passiert ist nichts. Deshalb sind die Reaktionen auf der Strasse nun so heftig. Die Aufstände sind in meinen Augen nichts anderes als ein verzweifelter Ausdruck des Schmerzes über diese Untätigkeit.

Besonders stark ist die Bewegung diesmal auch deshalb, weil die Solidarität innerhalb der schwarzen Gemeinschaft gross ist. Das hat in meinen Augen mit den vielen Livestreams zu tun, die die Übergriffe umfassend und unmittelbar dokumentieren. Dadurch wurde ein verbindendes Gefühl geschaffen, dass Polizeigewalt alle schwarzen Menschen etwas angeht. Dass alle mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben, egal ob du eine afroamerikanische Herkunft hast oder eine karibische.

Auch später auf der Arbeit erlebte ich Rassismus. Ich wurde von Arbeitskollegen mit dem berühmten N-Wort beschimpft. Als ich mich beim Vorgesetzten beschwerte, passierte – nichts.

Auch ich selbst habe in meinem Leben schon oft Rassismus erfahren. Ich wuchs in Louisiana auf, im tiefsten Süden der USA. Während meiner Kindheit war die Stadt in schwarze und weisse Viertel unterteilt. Mir wurde immer eingetrichtert, dass wir nicht in den weissen Teil zu gehen hatten. Und noch bis in die 80er gab es in Louisiana einen Ableger des berüchtigten Ku-Klux-Klans. So wurde mir schon früh bewusst, dass es offenbar Unterschiede zwischen Weissen und Schwarzen gibt.

Diese bittere Feststellung musste ich auch in der Schule machen. Als ich weissen Lehrern von meinen Träumen erzählte, dass ich an einer Universität studieren und ins Ausland reisen möchte, haben sie mir gesagt, dass das nichts für mich sei. Dass ich meine Ziele nie erreichen würde. Redet so ein Lehrer mit einem Schüler? Nein! Er sollte ihn doch ermutigen seinen Träumen zu folgen. Auch später auf der Arbeit erlebte ich Rassismus. Ich wurde von Arbeitskollegen mit dem berühmten N-Wort beschimpft. Als ich mich beim Vorgesetzten beschwerte, passierte – nichts.

Selbstverständlich habe ich auch mit der Polizei so meine Erfahrungen gemacht. Als ich zum Beispiel im Lernvikariat war und von Haus zu Haus zog, um Seelsorge zu betreiben, zog ich extra meinen Talar an, damit ich von der Polizei nicht ständig kontrolliert wurde. Das muss man sich mal vorstellen! Sie liessen mich nur in Ruhe, weil sie Respekt vor dem Talar hatten. Aber sie hatten keinen Respekt vor mir als Mensch.

Wir müssen nicht nur über Rassismus reden, sondern über Strukturen, die Rassismus fördern. Rassismus ist lediglich das Symptom. Besonders Weisse müssen nun zusammenkommen, um über diesen strukturellen Rassismus zu sprechen.

Ob sich nun endlich etwas ändert? Ich bin skeptisch. Wenn wir es nicht schaffen, dass eine wirklich tiefe Auseinandersetzung mit den Wurzeln von Rassismus in unserer Gesellschaft stattfindet, wird kaum etwas passieren. Wir müssen nicht nur über Rassismus reden, sondern über Strukturen, die Rassismus fördern. Rassismus ist lediglich das Symptom. Besonders Weisse müssen nun zusammenkommen, um über diesen strukturellen Rassismus zu sprechen. Nur wenn eine detaillierte Aufarbeitung stattfindet, wo, wie und warum die Hautfarbe in der Gesellschaft noch immer eine so grosse Rolle spielt, haben wir eine Chance, dass sich etwas ändert.

Auch die Kirche kann ihren Teil dazu beitragen. Sie kann ein neutraler Ort sein, wo sich Gruppen treffen können, um genau solche Fragen zu diskutieren. Bei uns in der All-Souls-Kirche hatten wir letzte Woche ein solches Treffen. Es war spannend, sich mit den verschiedenen Perspektiven auf das Thema auseinanderzusetzen. Denn auch in der Schweiz gibt es rassistische Vorfälle, aber der Rassismus ist hierzulande nicht so systematisch verankert wie in den USA. Ich selbst wurde hier bis jetzt nur selten mit Rassismus konfrontiert.

Zu Scotty gehört nun mal auch die Hautfarbe. Die ist ein fundamentaler Teil meiner Identität. Und daran ist nichts falsch.

Einmal sollte ich als Pfarrer eine alte Frau besuchen. Die Angehörigen hatten mich zuvor gewarnt, dass die Frau Angst vor Menschen mit schwarzer Hautfarbe habe. Als ich daraufhin zu ihr fuhr, um herauszufinden, warum das so ist, merkte ich, dass sie einfach zu viele Krimi-Serien gesehen hatte, in denen die Bösen immer Nigerianer waren. Ein anderes Mal wurde ich von der Polizei aufgrund meiner Hautfarbe kontrolliert. Als sie merkten, dass ich Amerikaner bin und sogar noch Pfarrer, war es ihnen sichtlich peinlich. Aber anstatt das Vorurteil zuzugeben und sich zu entschuldigen, versuchten sie mit einem «Yes we can»-Spruch von Obama die Situation zu entschärfen. Das fand ich unpassend.

Ab und zu werde ich auch mit Farbenblindheit konfrontiert. Wenn Menschen mir sagen, dass sie nicht primär meine Hautfarbe sehen, sondern Scotty, den Menschen, dann ist das zwar gut gemeint. Aber es ist eben auch gut gemeinter Rassismus. Denn zu Scotty gehört nun mal auch die Hautfarbe. Die ist ein fundamentaler Teil meiner Identität. Und daran ist nichts falsch.»

 

Scotty Williams stammt aus Louisiana, USA. Er ist ein ordinierter presbyterianischer Pastor, hat einen Bachelor of Science vom Northwestern College und besuchte das Bethel Theological Seminary.

Williams ist Pfarrer der All Souls Protestant Church in St Gallen. Davor war er als Assistenzpfarrer der Morrison Baptist Church in Minneapolis, Minnesota, und als Hilfspastor der Internationalen Evangelischen Kirche von Zürich tätig. Er und seine Frau Maria, die aus der Schweiz stammt, sind Eltern eines Sohnes.

Aufgezeichnet von Andreas Bättig.