«Es kann nicht sein, dass Statuen Menschen diffamieren»

Die Proteste gegen Rassismus und Ungleichheit in den USA haben auch einige Statuen zu Fall gebracht. Weltweit wurden historische Figuren vom Sockel geholt, die Kolonialismus oder Sklaverei propagierten. Doch auch im religiösen Kontext gibt es Statuen, die problematisch sind, sagt der Professor für Kirchengeschichte der Universität Bern, Martin Sallmann. Wie wir damit umgehen, müsse die Gesellschaft verhandeln.

Diese Zwingli-Statue wurde wegen der Darstellung mit Schwert kritisiert. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Herr Sallmann, welche religiösen Statuen in der Schweiz finden Sie persönlich problematisch?
Mir fällt aus protestantischer Sicht keine Statue ein, die ich stürzen würde. Kritisiert wurde schon die Zwingli-Statue in Zürich. Kollege Peter Opitz beispielsweise dachte über ihre Entfernung nach, weil die Darstellung Zwinglis mit dem Schwert nicht den Ideen des Reformators entspreche. Die Statue kann unterschiedlich «gelesen» werden: Für mich ist sie ein Ausdruck von Zwinglis Ambivalenz, denn er zog auch in den Krieg und starb auf dem Schlachtfeld. Oder sie kann als Bezug zur apostolischen Zeit der Bibel verstanden werden, weil der Apostel Paulus in der Ikonografie oft mit Schwert und Bibel dargestellt ist.

Sie sehen also keinen Grund, Zwingli von seinem Sockel zu holen.
Nein. Statuen haben immer einen dreifachen Bezug. Zum einen verweisen sie auf einen Anlass, etwa eine Person oder ein Ereignis. Dann gibt es Bezüge zur Zeit, in der das Denkmal geschaffen wurde. Die meisten Reformatoren-Statuen entstanden ja im 19. Jahrhundert. Und schliesslich besteht der heutige Bezug zum Denkmal, der Anlass und Statue kritisch reflektieren kann. Jeder Aspekt ist wichtig. Holt man eine Figur einfach vom Sockel, dann geht der Bezug zum Anlass und zur Entstehungszeit verloren. Wie man Zwingli im 19. Jahrhundert sah und inszenierte, ist heute auch noch wichtig. Und wir können dazu aus heutiger Sicht Stellung nehmen und darlegen, wie wir die Statue verstehen.

Ist es denn grundsätzlich angebracht, reformierte Figuren als Statuen abzubilden?
Die Reformatoren waren selbst sehr zurückhaltend. Calvin zum Beispiel wollte keine Begräbnisstätte, damit man ihn dort nicht verehren könnte. Die meisten dieser Statuen sind dann erst später entstanden. Die Zeitgenossen waren sich bewusst, dass eine theologische Spannung bestand, wenn sie diese Personen abbildeten. Sie betonten, dass es nur um Ehre und Dankbarkeit, nicht aber um Verehrung oder Vergötterung gehe. In Bern entschied sich der Synodalrat 1941 bewusst gegen ein Reformationsdenkmal. Diese Spannung allein ist aber noch kein Grund, die Statuen vom Sockel zu holen. Das empört heute auch niemanden mehr.

Martin Luther hat sich aber auch antisemitisch geäussert. Ist es da nicht problematisch, von ihm eine Statue aufzustellen?
Luthers antijudaistische Hetze geht heute nicht mehr, das muss man klar so benennen. Aber man muss auch nachfragen, warum er sich in seiner Zeit so äusserte und was das für uns heute bedeutet. Eine solche Reflexion ist wichtig, eine Statue kann dabei helfen. Anders sehe ich die Sache bei der sogenannten Judensau, ein häufiges antijudaistisches Bildmotiv.

Diese Judensäue, die sollte man also entfernen?
Die Gesellschaft muss immer wieder neu aushandeln, was sie in der Öffentlichkeit anschauen will. Es kann aber nicht sein, dass Statuen oder Bildmotive Teile der Gesellschaft diffamieren und herabsetzen. Und gerade in Sakralräumen sind solche antijudaistischen Bildmotive besonders problematisch. Da werden Gottesdienste gefeiert, und gleichzeitig ist eine Judensau anwesend, die Juden bis heute beleidigt. Das kann man so nicht belassen. Entweder wird sie entfernt oder deutlich kommentiert. In Wittenberg hat man sich dafür entschieden, das Sandsteinrelief an der Aussenseite der Stadtkirche stehen zu lassen, allerdings mit einer Informationstafel, welche die Bedeutung und die Problematik erklärt. Es braucht also immer wieder ein gemeinsames Aushandeln einer Lösung.

Wäre denn das Museum eine Lösung?
Ich finde, man sollte die Statuen erhalten. Man kann sie nicht einfach zerstören. Denn sie verweisen auf die Ambivalenz der Geschichte. Diese hat ja stattgefunden, nun muss man darüber reflektieren, die Ambivalenzen erkennen und beurteilen. Das Museum kann ein Ort dafür sein. Oder man findet kreative Lösungen mit den Statuen, ergänzt sie, kommentiert sie oder verändert sie sogar.

Warum aber hört man gerade von den Judensäuen verhältnismässig wenig – von Statuen von Menschen mit kolonialer und rassistischer Vergangenheit aber ziemlich viel?
Im Augenblick ist die Empörung über Sklaverei und Rassismus enorm. Es ist eine Bewegung, die weltweit Menschen auf die Strassen treibt. Die Judensäue werfen analoge Fragen auf: Sowohl im Rassismus als auch im Antisemitismus werden Teile der Gesellschaft herabgewürdigt und verletzt. Obwohl der Antisemitismus zunimmt, empört sich die Gesellschaft im Moment darüber weniger als über den Rassismus aufgrund der Hautfarbe. Das hat sicher auch mit den schwerwiegenden Ereignissen in den USA zu tun.

 

Martin Sallmann ist Professor für Neuere Geschichte des Christentums und Konfessionskunde an der Universität Bern. Er forscht unter anderem über die Reformation und den Konfessionalismus, sowie über die Geschichte des schweizerischen Protestantismus.