Leihmutterschaft

«Lasst die Moralkeule im Keller»

Die Geburt seines Sohnes hat für den deutschen Spitzenpolitiker Jens Spahn zum Karriereknick geführt. Das Kind ist von einer Leihmutter ausgetragen worden – und Spahn hatte sich bislang stets gegen eine Legalisierung der Leihmutterschaft gestellt.
«Gesellschaft hat sich noch keine abschliessende Meinung gebildet»: Die Feministin, Autorin, Theologin und Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp skizziert, wie vielschichtig das Thema Leihmutterschaft ist. (Bild: Heike Rost)
Das Wichtigste in Kürze

Welche Argumente sprechen für eine neue Regelung der Leihmutterschaft?
Reproduktionsmedizin, homosexuelle Elternschaften, Co-Parenting und andere Familienmodelle haben die Realität von Familie stark verändert. Eine Legalisierung mit klaren Standards könnte insbesondere die Autonomie, medizinische Versorgung und Rechte von Leihmüttern besser schützen.

Warum bleibt Leihmutterschaft ethisch umstritten?
Kritikerinnen und Kritiker verweisen auf soziale Ungleichheit und die Gefahr wirtschaftlicher Ausbeutung von Frauen, etwa in Ländern wie Georgien, Armenien oder der Ukraine. Jedoch schaffen sowohl ein striktes Verbot als auch eine Legalisierung Probleme.

Der CDU-Fraktionschef Jens Spahn sagte im Juli zur «Bild»: «Mein Mann ist Papa geworden, und ich mit ihm.» Das Kind sei «ihr ganzes Glück» und das Gefühl lasse sich kaum in Worte fassen. Der kleine Junge kam mithilfe einer Leihmutter in den USA zur Welt. Dies sorgte für grossen Wirbel und endete mit dem Rücktritt Spahns.

In Deutschland ist die Leihmutterschaft – wie in der Schweiz auch – verboten. Jens Spahn hatte sich in der Vergangenheit stets gegen die Leihmutterschaft positioniert. Angesichts der Geburt seines Sohnes haben ihm Kritikerinnen und Kritiker Scheinheiligkeit vorgeworfen.

Die deutsche Theologin, Feministin, Journalistin und Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp schreibt in ihrem Gastbeitrag für ref.ch, weshalb sie die Empörung gegenüber Spahn für übertrieben hält und warum die Diskussion über die Leihmutterschaft komplexer und noch lange nicht zu Ende geführt ist:

«Nicht ganz zu Unrecht, aber ein wenig bequem»

Ein Mann, der sich jahrelang gegen Leihmutterschaft positioniert hat, tut dann genau das, was er anderen nicht zugesteht: Die Causa Jens Spahn löste viel Kritik und Empörung aus. Nicht ganz zu Unrecht, allerdings auch ein wenig bequem. Denn eigentlich steht Spahn nur für eine Haltung, die Deutschland und die Schweiz insgesamt in punkto Leihmutterschaft einnehmen: Sie verbieten im eigenen Land, was sie – wenn auch teilweise mit Hürden – anerkennen, sobald es im Ausland stattgefunden hat.

Ein bisschen Homophobie schwang ebenfalls mit, nach dem Motto: Schwule Männer beuten Frauen als «Gebärmaschinen» aus. Aber die allermeisten Paare, die Leihmutterschaft in Anspruch nehmen, sind heterosexuell. Die Gegenüberstellung von bösen Männern und ausgebeuteten Frauen funktioniert hier nicht, allzu oft sind es Frauen, die andere Frauen als Leihmütter beauftragen.

Das Thema ist deshalb ein Aufreger, weil es eine Jahrhunderte alte Gewissheit untergräbt, nämlich den berühmten Satz aus dem Römischen Familienrecht: mater semper certa est – die Mutter ist immer sicher. Er band die soziale Rolle der Mutterschaft an den biologischen Vorgang des Gebärens, und genau so steht es noch heute im deutschen Familienrecht: «Mutter eines Kindes ist die Frau, die es geboren hat.»

Veränderte Realität von «Familie»

Über viele Jahrhunderte konnten in Europa legitime Kinder nur in einer heterosexuellen Ehe zu Welt kommen. Doch mit der Reproduktionsmedizin ist diese Logik nicht mehr gültig. In-Vitro-Fertilisation ermöglicht eine gespaltene biologische Mutterschaft – Eizellspenderin und Schwangere können zwei verschiedene Personen sein. «Sicher» ist heute, genau genommen, nicht mehr die Mutter, sondern der Vater, dessen genetische Elternschaft seit den 1980er Jahren per DNA-Test zweifelsfrei nachgewiesen werden kann.

Der technologischen Veränderung war aber bereits eine soziale vorausgegangen: Scheidungen und Wiederverheiratungen, die gestiegene Akzeptanz von Single-Müttern, die Anerkennung homosexueller Partnerschaften, neuerdings auch Formen von Co-Parenting und queeren Elternschaften: Die Realität von Familie hat sich pluralisiert. Leihmutterschaft ist nur ein Baustein in einer ganzen Reihe von Veränderungen im Bereich der Reproduktion, und in diesem Gesamtkontext muss sie auch bewertet werden.

Die sozialen und technologischen Veränderungen haben in der Realität längst reale Auswirkungen. Aber sowohl ethische Debatten als auch die Rechtsprechung hinken hinterher. Da wird häufig immer noch so getan, als sei die heteronormative Kleinfamilie das einzig relevante Familienmodell. Höchste Zeit, dass diese Debatten offen geführt werden.

Entweder Verbot durchsetzen oder legalisieren

Theoretisch gibt es zwei Möglichkeiten, die Inkohärenz der derzeitigen Rechtsprechung zur Leihmutterschaft aufzulösen. Man könnte entweder das Verbot tatsächlich durchsetzen, wie es Italien seit einigen Jahren tut – italienischen Staatsbürger*innen, die im Ausland Leihmutterschaft in Anspruch nehmen, drohen bis zu zwei Jahren Haft und bis zu einer Million Euro Geldstrafe. Oder man legalisiert Leihmutterschaft und schafft dafür klare Regeln und Rahmenbedingungen für die Durchführung, die dann auch kontrolliert und eingehalten werden.

Eine perfekte Lösung ist beides nicht. Ein radikales Verbot hätte zur Folge, dass Kinder, die von einer Leihmutter geboren werden, keine rechtmässigen Eltern haben – das steht dem Kindeswohl klar entgegen. Die italienische Gesetzgebung ist zudem Teil einer homophoben Kampagne der rechtsgerichteten Regierung unter Giorgia Meloni, die auch schon die Elternschaft lesbischer Co-Mütter rechtsunsicher gemacht hat.

Situation der Leihmütter könnte verbessert werden

Eine Legalisierung hingegen würde zwar die Realität von Leihmutterschaft anerkennen, aber vermutlich nicht zu einer relevanten Verlagerung des Marktes führen. Je besser die Bedingungen für die Schwangeren sind, umso teurer ist nämlich der ganze Prozess, und viele Paare würden daher weiterhin ins Ausland gehen. In Georgien, Armenien oder der Ukraine kostet der Prozess zuweilen nur ein Drittel von dem, was in den USA gezahlt wird, eine Versuchung vor allem für heterosexuelle Paare – denn homosexuelle Paare schliessen diese Länder als Kunden aus.

Leihmutterschaft legalisieren – was meinen Sie?

Trotzdem würde eine inländische Regelung immerhin Standards definieren. Eine noch von der damaligen Ampel-Regierung in Deutschland eingesetzte Expert*innenkommission hat 2024 einen Bericht veröffentlicht und darin Kriterien formuliert, unter denen Leihmutterschaft ethisch und verfassungsrechtlich denkbar wären: Autonomie der Schwangeren während der gesamten Zeit, ein Zustimmungsvertrag, der erst mehrere Wochen nach der Geburt rechtskräftig wird (analog zur Adoption), gute medizinische Versorgung und vieles mehr. Mit einer solchen Regelung gerieten Paare, die ins Ausland gehen, wo die Bedingungen für die Leihmütter schlechter sind, immerhin unter Rechtfertigungsdruck.

Meist aus finanzieller Not

Apropos Ausbeutung: Die Leihmütter selbst wählen diesen Weg in der Regel, weil sie darin schlicht eine Möglichkeit sehen, zu Geld zu kommen. Die soziale Ungleichheit dabei lässt sich nicht wegdiskutieren, aber es geht hier nicht um blanke Not, die hinter dieser Entscheidung steht. Es ist Pragmatismus in einer ökonomisch ungleichen, kapitalistischen Welt. Gerade für jüngere Frauen ist Leihmutterschaft häufig die bessere Alternative zur 24-Stunden-Pflege, bei der sie nach Deutschland oder in die Schweiz umsiedeln und etwa ihre eigenen Kinder zurücklassen müssten. Und das ist eigentlich auch ein Skandal.

Die Ambivalenz und Komplexität der Frage nach Leihmutterschaft spiegelt sich im Meinungsbild der Bevölkerung wider, das nämlich keineswegs so eindeutig ist, wie die Aufregung um Jens Spahn suggeriert hat. Aus diesem Anlass geführte Umfragen ergaben, dass rund vierzig Prozent der Deutschen für ein Verbot, ein gutes Drittel für Legalisierung, der Rest unentschieden ist.

Vielleicht ist das der Stand der Dinge: Wir haben uns als Gesellschaft in dieser Frage noch keine abschliessende Meinung gebildet. Es gibt noch viel zu diskutieren und zu überlegen. Keine Position ist ohne Tücken. Auch die Gegenseite hat jeweils gute Argumente. Diese Debatten sollten wir ernsthaft, sachlich und in gegenseitigem Respekt führen.

Und die Moralkeule, die bleibt besser im Keller.

Leihmutterschaft: In der Schweiz verboten

Die Situation bezüglich Leihmutterschaft in der Schweiz ist zwiespältig. Einerseits ist die Praxis in Inland verboten. Wer aber eine Leihmutter im Ausland beauftragt, kann das Kind in der Schweiz anerkennen lassen oder adoptieren. Das Bedürfnis scheint zu wachsen, das zeigt eine Erhebung des Kantons Zürich exemplarisch.

Die Statistik zeigt, dass sich die Fälle zwischen 2012 bis 2023 verzehnfacht haben: Von zwei Kindern durch Leihmutterschaft auf 20. Der Kanton Zürich geht davon aus, dass die Zahlen deutlich höher liegen, weil die Dunkelziffer als sehr gross angenommen wird – und zwar weltweit.

Mehr als die Hälfte der Kinder wurden in den USA geboren, rund ein Viertel in der Ukraine. Die meisten Paare, die eine Leihmutterschaft in Anspruch nehmen, sind zwischen 31 und 40 Jahre alt, heterosexuell und haben einen unerfüllten Kinderwunsch. (dst)

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