Adoptionsrecht

«Ein Verbot schiesst übers Ziel hinaus»

Nik Gugger kam in Südindien zur Welt, ein Schweizer Paar adoptierte ihn. Über 50 Jahre später kämpft er im Nationalrat gegen ein Verbot von internationalen Adoptionen. Wieso er daran festhalten will, sagt er im Interview.
Dokumente von Kindern, die in Guatemala auf eine Adoption warten.
(Foto: Moises Castillo/ Keystone)

Tausende Kinder könnten durch Kinderhandel in die Schweiz gelangt sein. Das deckte Ende 2023 ein Bericht der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) auf (ref.ch berichtete). Bei internationalen Adoptionen fehlten Papiere oder sie waren gefälscht: Teilweise wurden Geburten im Ausland vorgetäuscht und das Kind als eigenes ausgegeben.

Eine Expertengruppe des Bundes nahm sich anschliessend dem Thema an. Sie empfahl schliesslich, ein Verbot für internationale Adoptionen zu prüfen. Der Bundesrat stimmte dem Anfang Jahr in einem Grundsatzentscheid zu (ref.ch berichtete).  

Dagegen wehrte sich die Rechtskommission, die eine Aufhebung des Verbots forderte. Der Nationalrat nahm nun eine entsprechende Motion mit 151 Ja-Stimmen deutlich an. Diese hatte argumentiert, strenger kontrollierte internationale Adoptionen dienten dem Kindeswohl. Für einige Kinder sei eine Adoption im Ausland die einzige Chance auf ein besseres Leben. Auch war die Kommission der Ansicht, dass ein Verbot adoptierte Menschen und deren Familien stigmatisieren würde.

Der Bundesrat hat auf die Kritik bereits reagiert: Er wird als Alternative zum Verbot Transparenz- und Kontrollmechanismen vorschlagen, wie Justizminister Beat Jans im Rat erklärte. Es sei nicht sinnvoll, ein Verbot von vornherein auszuschliessen. Der Ständerat muss über die Motion noch abstimmen. 

Gegen das Verbot internationaler Adoptionen hat sich Nationalrat Nik Gugger (EVP) gewehrt. Der gebürtige Inder, der von einem Schweizer Ehepaar adoptiert wurde, hatte Anfang Jahr eine Onlinepetition gestartet, die innert drei Wochen über 10'000 Unterschriften sammelte.  

Herr Gugger, wieso haben Sie sich für den Erhalt internationaler Adoptionen eingesetzt?
Das Verbot schiesst klar übers Ziel hinaus. Es ist nicht ausgewogen und war politisch nicht abgestimmt. Es wirkt ein wenig wie: Wir haben ein Problem, das Verbot ist die Lösung. Aber das ist es eben nicht. In der Expertengruppe gab es auch kritische Stimmen, die sich gegen ein vollständiges Verbot aussprachen.

Die Expertengruppe kommt zum Schluss, dass internationale Adoptionen selbst mit strengsten Kontrollen nicht sicher vor Missbrauch und Irregularitäten sind. Deshalb müsse das Verbot geprüft werden.
Ich will es in keiner Form verharmlosen: Es gibt viele tragische Geschichten. Und ich vermute, dass rund die Hälfte aller Adoptivkinder in der Schweiz keine guten Erfahrungen mit ihren Adoptiveltern gemacht haben. Aber auch jene, die ihre Adoption einen Mist finden, wollen nicht zurück in ihr Heimtatland, weil sie hier bessere Möglichkeiten vorfinden.

Verbote im Ausland eingeführt

Internationale Adoptionen stehen aufgrund des Kinderhandels in der Vergangenheit in vielen Ländern auf dem Prüfstand.

In den Niederlanden sind internationale Adoptionen seit 2024 verboten, laufende Verfahren dürfen aber noch abgeschlossen werden, bis 2030 soll das System ganz auslaufen. Auch Dänemark stoppte 2024 internationale Adoptionen nach Enthüllungen über illegale Praktiken in Südkorea.

In Norwegen werden die Verfahren trotz Skandalen um gefälschte Urkunden von Kindern aus den Philippinen fortgesetzt, während im belgischen Flandern seit 2023 Adoptionen aus Gambia, Haiti und Marokko untersagt sind. Eine umfassende Überprüfung aller Herkunftsländer läuft. (gab)

Grossbritannien führt seit Jahren eine Liste mit Ländern, aus denen Adoptionen verboten oder eingeschränkt sind, so etwa Kambodscha seit 2008. Auch Herkunftsländer selbst greifen ein: Äthiopien verbot 2018 internationale Adoptionen vollständig.

Wie kann man Missbräuche besser verhindern?
Der Bund darf ruhig strenger werden und Länder auf schwarze Listen setzen, wenn dort Missbrauch nachgewiesen wird. Aber ein Verfahren dauert heute schon im Schnitt sechs Jahre. Wenn diese Dauer durch höhere Hürden ansteigt, muss man schon eingreifen.

2003 trat die Schweiz dem Haager Übereinkommen bei, das strengere Kontrollen einführte. Seither sind die internationalen Adoptionen stark zurückgegangen. 2024 waren es noch 21. In den Blütezeiten waren es noch mehrere hundert pro Jahr. Da könnte man es doch gleich ganz verbieten.
Nein. Diese Kinder haben ein Lebensrecht und es gibt hierzulande Menschen mit einem unerfüllten Kinderwunsch. Sonst müssten wir die Samenspende wie auch die Leihmutterschaft verbieten.

Aber wie kann man den Einhalt strengerer Richtlinien garantieren?
Das kann man nicht vollständig. Im Leben, das kann ich als Reformierter sagen, gibt es keine 150'000 Prozent Garantie. Wir haben immer die Möglichkeit, dass etwas nicht optimal ist. In allen Lebenslagen. Deshalb hat der Nationalrat begriffen: ein Verbot ist gut gemeint, aber schiesst übers Ziel hinaus. Vor einer Zeugung muss man auch keinen Test absolvieren.

Ist eine Adoption eines Kindes aus dem globalen Süden nicht einfach eine Fortführung des Kolonialismus? Hilfe vor Ort würde doch strukturell mehr bringen als einzelne Kinder in die Schweiz zu holen.
Nein. Das sehe ich komplett anders. Ich kenne Adoptiveltern, die viel Geld in Kinderheime in die Länder vor Ort investiert oder eine Stiftung gegründet haben. Ohne Adoptionen gäbe es diese Institutionen nicht. Auch ich engagiere mich mit zwei grösseren Projekten in Indien: Die Gundert-Stiftung, die Kindern aller Kasten moderne Bildung ermöglicht. Und an der Universität Odisha als Dozent und Global Ambassador.

Ist Ihr Engagement für internationale Adoptionen ein stückweit eine Rechtfertigung Ihrer Identität?
Nein, überhaupt nicht. Ich war zwar eines der ersten Adoptivkinder in der Schweiz. Aber ich habe einfach das Bedürfnis der über 10'000 Menschen aufgenommen, die innerhalb drei Wochen meine Petition unterschrieben haben. Ich bin ein Menschenfreund.

Menschenfreund? Es gab Fälle, wo Kinder den leiblichen Eltern entrissen wurden.
Ja, das ist schrecklich. Aber es hat sich vieles verbessert. In den letzten zehn Jahren gab es noch einen Fall mit einer Irregularität.

Bei Adoptionen spricht man oft vom Kindeswohl. Eine Beziehung zu den leiblichen Eltern zu haben ist aber ebenfalls ein Menschenrecht.
Ja, das muss gewährleistet sein. Die leiblichen Eltern zu suchen, ist aber oft mit enttäuschten Erwartungen verbunden. Wenn man den Vater oder die Mutter 30 Jahre später sieht und man sich nicht einmal versteht, zerreisst einem das das Herz. Ich kenne einen adoptierten Oberst, ein harter Typ, der wollte seine Eltern sehen und hat nachher nur noch geheult. Oder einen Bolivianer, der als Erwachsener zurück in seine Heimat ging. Heute pflegt er nur noch die Beziehung zu seinen Adoptiveltern in Frankreich.

Zur Person

Der 55-jährige Nik Gugger ist seit 2017 EVP-Nationalrat und lebt in Winterthur. Dort begann auch seine politische Karriere: Von 2002 bis 2014 war er im Stadtparlament aktiv, die letzten sechs Jahre als EVP-Fraktionspräsident. Anschliessend war er für drei Jahre Zürcher Kantonsrat, bevor er in Bern die Nachfolge von Maja Ingold antrat.

Gugger ist verheiratet, hat drei Kinder, besitzt ein Restaurant und ist Unternehmensberater. Ursprünglich absolvierte er eine Lehre als Maschinenmechaniker und studierte Soziologie, Sozialpädagogik und Sozialmanagement. In Winterthur hatte Gugger von 2003 bis 2018 die Fabrikkirche geleitet. Aufgewachsen ist Gugger im bernischen Uetendorf. (gab)

Haben Sie Ihre Mutter je aufgesucht?
Nein, ich habe das bewusst nicht gemacht. Meine Eltern ermöglichten mir mit 18 Jahren ins Spital nach Indien zu gehen, wo ich geboren wurde. Ich konnte auch mit der Hebamme sprechen, die meine Geburt begleitet hatte und bis heute Kontakt zu meinen Eltern und mir hat. Ich sage, obwohl ich meine Mutter Anasuya nie kennengelernt habe: Sie hat das Beste für mich gemacht. Ich danke ihr, denn keine Mutter gibt ihr Kind freiwillig weg.

Was wusste die Hebamme über Ihre Mutter zu erzählen?
Sie sagte mir: Deine Mutter war eine stolze Frau, die stramm-streng vor ihr stand und sagte: Such mir den besten Platz für mein Kind.

Hatten Sie nie das Bedürfnis, Ihre Mutter zu finden?
Meine Mutter hatte sich entschieden, sich nicht zu zeigen. Das respektiere ich. Es ist so, wie es ist. Ich habe meine Mutter nie verurteilt, sondern mit ihr gefühlt. Ich halte mich da an Dietrich Bonhoeffer: «Wenn es sein darf, werden wir uns vielleicht wieder einmal sehen.»

Sie kamen in einem Spital der Basler Mission zur Welt, Ihre Eltern arbeiteten beim Heks.
Ja, ich hatte das Glück, dass meine Mutter bewusst dorthin ging. Den Menschen dort traute sie wohl am meisten. Wenn sie in ein anderes Spital gegangen wäre, wäre ich vielleicht in den Fängen einer Händlerbande gelandet. Da bin ich dem Schöpfer dankbar, dass sie ein gutes Spital gesucht hat.

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