«Ehe für alle»

«Ich hoffe, dass Regenbogenkinder weniger stigmatisiert werden»

Die Schweizer Stimmbevölkerung entscheidet am 26. September, ob homosexuelle Paare heiraten dürfen. Was bedeutet das für die Betroffenen? Michael Braunschweig, Ethiker und Vizepräsident der reformierten Kirchgemeinde Zürich, gewährt einen persönlichen Einblick.

Michael Braunschweig und sein Partner haben zwei Kinder. Mit dieser Familienkonstellation sind sie nie auf Ablehnung gestossen. (Bild: zVg)

Die «Ehe für alle» hat für mich eine wichtige symbolische Dimension. Sie zeigt, dass wir gleichwertig und anerkannt sind. Gerade für junge Menschen ist das von grosser Bedeutung.  So merken Jugendliche in einer Phase der Identitätsfindung: Ich muss mich nicht rechtfertigen. Studien aus skandinavischen Ländern zeigen, dass mit der Einführung der «Ehe für alle» die Suizidrate bei Jugendlichen massiv zurückgegangen ist. Das ist doch ein riesiger Fortschritt!

«Wenn wir offiziell verheiratet sind, kann ich selbst entscheiden, wem gegenüber ich meine sexuelle Orientierung offenlegen möchte.»

Ich persönlich kann mit der «Ehe für alle» meine Ehe auch in der Schweiz anerkennen lassen. Das hat direkte Folgen. Denn obwohl mein Partner und ich verheiratet sind, gilt diese Ehe in der Schweiz als eingetragene Partnerschaft. Damit muss ich auf jedem Formular, bei dem nach meinem Zivilstand gefragt wird, meine sexuelle Orientierung offenlegen.  Dabei ist das etwas Privates, das geht niemanden etwas an. Wenn wir offiziell verheiratet sind, kann ich selbst entscheiden, wem gegenüber ich meine sexuelle Orientierung offenlegen möchte. Ich hoffe, dass eine Annahme auch dazu beiträgt, dass Regenbogenkinder zum Beispiel in der Schule weniger stigmatisiert werden.

Zur Person

Michael Braunschweig (38) ist promovierter Ethiker und arbeitet an der Universität Zürich als Postdoktorand im universitären Forschungsschwerpunkt «Human Reproduction Reloaded». Gleichzeitig ist er Vizepräsident der reformierten Kirchgemeinde Zürich. Braunschweig lebt mit seinem Partner in Zürich, das Paar hat zwei Kinder.

In der Debatte um die Abstimmung hat mich irritiert, dass in manchen Diskussionen Gegner und Befürworter gleich stark vertreten sind. Dabei ist die Mehrheit für die «Ehe für alle». Deshalb kommt die Vorlage wohl durch, ich mache mir da keine grossen Sorgen. Es hat zwar lange gedauert, aber so ist das in der direkten Demokratie. Dafür wird der Entscheid auch von einer breiten Bevölkerungsschicht getragen. Das ist nun spürbar und ich bin dankbar, in diesem Land zu leben.

In der Kirche nehme ich die Debatte relativ sachlich wahr. Es gibt einen breiten Konsens, dass man homosexuelle Paare Heterosexuellen gleichstellen soll. Tatsächlich waren die reformierten Kirchen ja schneller als das Recht: Seit mehr als 20 Jahren können sich homosexuelle Paare in vielen Kirchen segnen lassen. Es heisst zwar noch nicht Trauung, aber theologisch ist es aus meiner Sicht dasselbe.

Dass die Gegner das Kindswohl ins Feld führen, hat auch etwas Verlogenes. Denn oft geht es ihnen nicht wirklich darum, sondern um den Erhalt eines Ideals einer bürgerlichen Familie aus dem 19. Jahrhundert. Das Kindswohl ist in der Schweiz ein Verfassungsprinzip. Natürlich steht es bei allen Entscheidungen, von denen Kinder betroffen sind, an erster Stelle! Mittlerweile gibt es zahlreiche Studien, aus denen hervorgeht, dass das Wohl der Kinder nicht von der Konstellation der Eltern abhängt, also ob diese mit zwei Müttern, zwei Vätern, einer Mutter und einem Vater oder nur einem Elternteil aufwachsen. Entscheidend ist die Qualität der Beziehung: Kinder brauchen verlässliche Bezugspersonen, bei denen sie unbedingte Liebe und Zuneigung erfahren können. Mutter und Vater garantieren das aber noch nicht. Auch andere Konstellationen können das gewährleisten.

«Uns ist es sehr wichtig, dass wir in der Familie offen damit umgehen. Wir besprechen mit den Kindern, wo sie herkommen, wie sie auf die Welt gekommen sind, wer daran beteiligt war.»

Die Leihmutterschaft spielt in dieser Vorlage keine Rolle. Sie ist in der Schweiz verboten und das wird sich wohl auch nicht so rasch ändern. Ich persönlich finde, dass gewisse Konstellationen aus ethischer Perspektive völlig vertretbar sind. Das ist auch bei uns so, wir haben niemanden ausgebeutet. Wir sind in Kontakt mit der leiblichen Mutter, und diese Person spielt eine wichtige Rolle in unserer Familie. Uns ist es sehr wichtig, dass wir in der Familie offen damit umgehen. Wir besprechen mit den Kindern, wo sie herkommen, wie sie auf die Welt gekommen sind, wer daran beteiligt war. Die Gesellschaft macht sich da vielleicht etwas vor. Denn trotz Verbots leben auch in der Schweiz längstens Kinder, die durch Leihmutterschaft zur Welt gekommen sind. Man könnte nun sagen: Stellen wir uns dieser Realität und schauen, wie wir damit umgehen können. Aber in der Schweiz verläuft die Debatte darüber bis jetzt nicht sachlich, sondern sehr emotional.

Ich wünsche meinen Kindern, dass sie weiterhin Akzeptanz und Anerkennung erleben dürfen. Wir gehen offen mit unserer Familienkonstellation um, dass unsere Kinder zwei Väter haben. In unserem Umfeld, bei Freunden, Nachbarn, in der Kita und auch in der Kirche sind wir nie auf Ablehnung gestossen. Ich hoffe, das bleibt auch so und die Kinder werden später in der Schule nicht gehänselt. Aber ich bin optimistisch, es hat sich vieles verändert in den letzten Jahren. Und mit der «Ehe für alle» kommen wir hoffentlich auch bei der Akzeptanz von verschiedenen Familienkonstellationen einen Schritt weiter. Ich wünschte mir, dass Formen wie unsere vielleicht besonders bleiben, aber man nicht mehr darüber diskutieren muss.