Krieg in der Ukraine

Kyrill will Abtreibungen untersagen

Der russische Patriarch Kyrill will Abtreibungen untersagen. In einigen Regionen wird es Frauen bereits erschwert, die «Pille danach» zu beziehen oder Zugang zu Abtreibungskliniken zu erhalten. 

Gelten als enge Verbündete: Patriarch Kyrill und der russische Präsident Wladimir Putin, hier zu sehen bei einer Zeremonie auf dem Roten Platz in Moskau im November 2023 (Bild: Gavril Grigorov/ Kreml via Keystone/EPA)

Wie kein zweiter steht der russische Patriarch Kyrill an der Seite des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Nun hat das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche aus seiner Sicht die «Lösung» für die schrumpfende Bevölkerung gefunden: Wenn Schwangerschaftsabbrüche aufhörten, würde die Bevölkerung «wie mit einem Zauberstab» wieder wachsen, argumentierte Kyrill. 

Gesundheitsbehörden drängen nun darauf, Frauen vom Schwangerschaftsabbruch abzuhalten. Mehr als ein Dutzend Regionen haben angefangen, Abtreibungen in Privatkliniken zu unterbinden oder zumindest einzuschränken. Es gehe darum, Frauen «davon abzuhalten, sie unter Druck zu setzen, ihnen Angst zu machen», sagte die Demografin Viktoria Sakjewitsch. Manche Regionen haben sogar einen Bonus für Ärzte ausgeschrieben, die Frauen vom Schwangerschaftsabbruch abhalten.

Wenn es Privatkliniken jetzt verboten würde, Abtreibungen vorzunehmen, könnte Sakjewitsch zufolge eine Grauzone von Einrichtungen entstehen, die sich für Abbrüche bezahlen lassen. Das würde einkommensschwache Frauen am härtesten treffen, deren Anteil bei Schwangerschaftsabbrüchen am grössten ist. Sakjewitsch fürchtet einen Schwarzmarkt für Abtreibungspillen und im schlimmsten Fall sogar Abtreibungen in Hinterhöfen.

Ursprünglich Pioniere

Aktivisten sehen dies als Teil einer grossangelegten Kampagne. «Wenn ein Land sich im Krieg befindet, führt das üblicherweise zu dieser Art von Gesetzgebung», sagte die russische Feministin Leda Garina, die in Georgien im Exil lebt. Diese Massnahmen vermittelten Frauen eine eindeutige Botschaft: «Bleib' zu Hause und gebäre mehr Soldaten.»

Die Sowjetunion war 1920 das erste Land der Welt, das Abtreibung entkriminalisierte. Der Kreml nähert sich jetzt aber Schritt für Schritt der Anti-Abtreibungslinie der orthodoxen Kirche an. Russland versucht, seine demografische Krise, weiter verschärft durch die Corona-Pandemie und den Ukraine-Krieg, zu bewältigen, indem das Recht auf Schwangerschaftsabbruch in Frage gestellt wird.

Putin: Abtreibungen gegen Staatsinteresse

Präsident Wladimir Putin selbst hat sich zum Verfechter der Grossfamilie ernannt – im Namen traditioneller und patriotischer Werte. Er sei dagegen, Abtreibungen ganz zu verbieten, aber Schwangerschaftsabbrüche seien gegen das Interesse des Staates, sagte Putin kürzlich. Er wolle, dass schwangere Frauen «das Leben des Kindes schützen.»

Seit Jahren versucht der Präsident seine Landsleute durch finanzielle Anreize zum Kinderkriegen zu motivieren, da Russlands Bevölkerung seit den 1990er Jahren schrumpft. Durch den Ukraine-Krieg hat das Problem eine neue Dimension bekommen.

Der Kreml sehe dies «als Frage des nationalen Überlebens», sagte die Politologin Tatiana Stanovaya vom Carnegie Russia Eurasia Center. Jeglicher Widerstand gegen Positionen der Regierung in sozialen Fragen sei für Putin ein westliches Komplott. «Das betrifft jetzt auch Abtreibungen. Sie glauben, dass es der Plan des Westens ist, Frauen vom Schwangerschaftsabbruch zu überzeugen und so Russlands demografisches Problem zu verschlimmern.»

Beobachter fürchten, die jüngste Entwicklung könnte erst der Anfang einer ganzen Reihe von Verschärfungen sein. «Wir müssen uns auf mehr Verbote, mehr Beschränkungen einstellen», betonte Sergej Sacharow, russischer Demograf an der Universität Strassburg. Schwangerschaftsabbrüche könnten zum Beispiel aus der staatlichen Krankenversicherung herausgenommen werden, wie es die Kirche fordert.