850 Jahre Waldenser

«Die Frauen mussten viele Opfer auf sich nehmen»

Die Waldenserkirche feiert ihr 850-jähriges Bestehen. Die ehemalige Journalistin und Pfarrerin Piera Egidi spricht über die anfängliche Freiheit der Frauen in der Bewegung und ihren Kampf darum, sie Jahrhunderte später wiederzuerlangen.

Das Waldenserhaus in Torre Pellice im Piemont ist der Sitz der Waldensersynode. (Bild: Imagebroker / Alamy Stock Photo)


Frau Egidi, welche Bedeutung hat das Waldenser-Jubiläum für Sie persönlich?
Es ist für mich ein Moment, um über den weiten Weg nachzudenken, den die Frauen in der Waldenserkirche zurückgelegt haben. Lange waren sie völlig unsichtbar und wurden verfolgt, bis sie sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Lehrerinnen oder im 20. Jahrhundert als Widerstandskämpferinnen gegen den Faschismus und damit als Individuen einen Namen machten. Später folgte der Kampf für das Frauenpfarramt. Heute sind die beiden Spitzenpositionen (Moderatorin und Vize-Moderatorin) in der Waldenserkirche von Frauen besetzt.

Sie sagen, dass die Frauen lange unsichtbar waren. Zu den frühen Anhängern des Kaufmannes Petrus Valdes sollen jedoch auch Frauen gehört haben…
Nur weiss man kaum etwas über sie. Gesichert ist nur, dass Frauen seit den Anfängen der Bewegung gepredigt haben und deswegen auch verfolgt wurden. Das verraten uns Berichte der Inquisition aus dem 13. Jahrhundert. Allerdings werden die Frauen darin nicht beim Namen genannt, sondern lediglich als Ehefrauen oder Töchter von jemandem erwähnt. Eine seltene Ausnahme bildet die Geschichte von Margherita Latoda.

Was hat es damit auf sich?
Im Dorf Meana di Susa im Piemont wurden damals ganze Waldenserfamilien von der Inquisition ausgelöscht. Margherita Latoda war eine der wenigen Frauen, die dabei namentlich erwähnt wurden. Sie wurde 1387 erhängt und dadurch zu einer Art Heldin im Val di Susa. Selbst während der Gegenreformation gelang es nicht, die Erinnerung an sie auszulöschen.

«Der Anschluss an die Reformation dürfte für die Frauen eine Zäsur gewesen sein.»
Piera Egidi, Journalistin und Pfarrerin

Danach verboten aber auch die Waldenser den Frauen, zu predigen – bis in die 1960er Jahre. Weshalb?
Eine Zäsur für die Frauen dürfte wohl der Anschluss der Waldenser an die Reformation 1532 gewesen sein. Dabei setzte sich auch bei den Waldensern die fundamentalistische Sichtweise durch, dass Frauen gemäss dem Apostel Paulus an Versammlungen schweigen sollten. In der theologischen Debatte um die Frauenordination setzte sich jedoch der Paulusvers durch, dass es weder Frauen noch Männer, weder Griechen noch Juden, weder Sklaven noch Freie gibt. Deshalb sind in Christus alle gleich.

Welche soziale Stellung hatten die Frauen in den Waldensertälern nach dem Verbot?
Sie waren auf das Familienleben beschränkt. Trotzdem konnten die Frauen in manchen Bereichen Gerechtigkeit einfordern und auch erhalten. So konnten sie beispielsweise bereits im 17. Jahrhundert die Synode um Trennung oder Scheidung bitten oder Unterhalt für uneheliche Kinder verlangen. Die Waldenserinnen waren sich dieses Rechts wahrscheinlich bewusst. Anders als bei den Katholiken ist die Heirat eine ethische Verpflichtung, aber kein Sakrament.

Die Verfolgung und rechtliche Diskriminierung der Waldenser kam erst im 19. Jahrhundert zu einem Ende. Wie wirkte sich das auf die Stellung der Frauen aus?
Nach der italienischen Einheit erhielten die Waldenser 1848 vom König von Sardinien-Piemont die Bürgerrechte. Endlich durften sie das «Ghetto» der Waldensertäler verlassen. Sofort gründeten sie ein Missionierungskomitee, bei dem sich vor allem junge Frauen meldeten – auch «maestrine» genannt. Für sie bedeutete dieses Engagement eine erste Form von Autonomie.

Zur Person

Piera Egidi stammt aus einer katholischen Familie. Nach ihrem Studium der Religionsphilosophie arbeitete sie als Lehrerin und Journalistin für die linke Zeitung «l’Unità» und engagierte sich in der feministischen Bewegung. 1984 berichtete sie als Korrespondentin über die Synode der Waldenser- und Methodistenkirchen, bei der es um einen Vertrag der gegenseitigen Anerkennung mit dem italienischen Staat gemäss der Verfassung ging.

Ihr gefiel nach eigenen Aussagen die demokratische Struktur der Kirche und die Möglichkeit für Frauen, Pfarrerinnen zu sein. Zwei Jahre danach trat sie der Waldenserkirche bei. Später heiratete Egidi den Pfarrer Giorgio Bouchard, der als Moderator (A.d.R.: Präsident der Exekutive) der Waldenser- und Methodistenkirchen den Vertrag mit dem italienischen Staat unterzeichnet hatte. Mit ihm lebte sie in der Waldensergemeinde Susa. Jahre später wurde Egidi im Nachbarort Meana di Susa selbst zur Pfarrerin gewählt – die örtliche Baptistengemeinde war seit Jahren auf der Suche nach einer Pfarrperson und hatte sie eingeladen, bei ihr zu predigen (A.d.R.: Baptisten, Methodisten und Waldenserkirchen anerkennen sich und ihr Personal in Italien gegenseitig an). (pef)

Was machten diese jungen Leute?
Sie wurden in alle Regionen Italiens geschickt. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, die Bevölkerung zu alphabetisieren. In Briefen an das Komitee schilderte die «maestrine» ihre Erfahrungen. Eine erste Schwierigkeit bestand in der Sprache. Die «maestrina» Jeanne Bonnet etwa, die sich als 18-jährige ohne das Wissen ihrer Familie beim Komitee gemeldet hatte und nach Sizilien geschickt wurde, sprach zwar Okzitanisch, den Dialekt in den Waldensertälern, Französisch, die Kirchensprache, und Italienisch – den sizilianischen Dialekt verstand sie jedoch kaum. Die «maestrine» berichteten von der Armut und den weit verbreiteten Kinderkrankheiten, aber auch vom Misstrauen, das der Klerus in der Bevölkerung gegen sie schürte.

Sie haben zu Beginn auch die Rolle der Frauen im Widerstand gegen den Faschismus während des Zweiten Weltkriegs hervorgehoben. Wie sah sie aus?
Nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten am 8. September 1943 besetzten die deutschen Nationalsozialisten sofort die Waldensertäler und verhafteten italienische Soldaten. Viele Waldenser suchten in den Bergen Zuflucht – wohl aus Instinkt nach Jahrhunderten der Verfolgung – und bildeten erste Widerstandsgruppen. Als sogenannte «staffette» transportierten viele Frauen Nachrichten, Nahrungsmittel und Kleider zwischen den Partisanengruppen hin und her. Dafür mussten sie jeweils Kontrollpunkte der Faschisten und der Nationalsozialisten passieren – eine hochgefährliche Angelegenheit. Manche von ihnen habe ich als Journalistin interviewt, darunter Frida Malan und Marcella Gay.

«Die Theologinnen mussten sich nach Studienabschluss andere Jobs suchen.»
Piera Egidi, Journalistin und Pfarrerin

Was wurde aus ihnen?
Nach dem Krieg war Malan – die Tochter eines Waldenserpfarrers – die erste Frau, die in die Regierung von Turin und damit einer Grossstadt gewählt wurde. Gay war Lehrerin und wurde später als erste Frau in die Tavola Valdese (A.d.R.: Exekutive der Waldenser) gewählt. Diese Generation hat auf dem Weg zur Gleichstellung von Frauen viele Opfer auf sich genommen.

850 Jahre Waldenser

Im 12. Jahrhundert beschloss der wohlhabende Kaufmann Petrus Valdes aus Lyon, sein Hab und Gut zu verschenken und als Wanderprediger durch das Land zu ziehen. Weil er nicht zum Klerus gehörte und die Predigten in der Volkssprache hielt, wurden er und seine Anhänger von der katholischen Kirche als Häretiker betrachtet. Im Zuge der Verfolgung und später der Gegenreformation wurden ganze Waldensergemeinschaften in Europa ausgelöscht oder gezwungen, zum Katholizismus zu konvertieren. Nach einem letzten Blutbad mit tausenden Toten im 17. Jahrhundert verbannten die Savoyer die verbliebenen Waldenser in die piemontesischen Alpen (Waldensertäler), die sie erst 150 Jahre später wieder verlassen durften.

Durch die Migration sind daraufhin erneut kleinere Gemeinden im restlichen Italien, in der Schweiz, in Deutschland und in Südamerika entstanden. Die heute noch rund 30’000 italienischen Waldenser sind für ihr soziales Engagement bekannt, unter anderem im Migrationsbereich. Rund eine halbe Million Italiener spendet ihnen jährlich Geld dafür. (pef)

Wie gelang es den Frauen schliesslich, ihr verlorenes Recht in der Waldenserkirche wiederzuerlangen?
In den 1950er Jahren konnten sich die ersten drei Frauen an der Theologiefakultät der Waldenser einschreiben. Noch später gab es das Vorurteil, dass sie damit einfach einen Pfarrer als Ehemann finden wollten. Das zeigt, welches Frauenbild damals vorherrschte. Ausserdem wurde argumentiert, dass der Pfarrberuf inkompatibel mit der Ehe wäre – ein Argument, das nur für die Frauen galt. Die Theologinnen mussten sich nach Studienabschluss deshalb andere Jobs suchen. Erst 1960 stellte die «Federazione femminile Valdese» bei der Synode den formellen Antrag auf Anerkennung des Frauenpfarramts, dem 1962 stattgegeben wurde. 1967 wurden mit Gianna Sciclone und Carmen Trobia die ersten beiden Frauen ordiniert.

Am 3. November 2024 findet um 10:00 Uhr ein Gottesdienst auf Italienisch mit Piera Egidi und Pfarrer Herbert Anders in der Zwinglikirche in Zürich statt. Anschliessend hält Egidi eine Konferenz mit dem Titel «Der Weg der Frauen. Eine Spurensuche in der 850-jährigen Geschichte der Waldenser».