25. Jahrestag

«Das Attentat von Zug ist für mich noch immer präsent»

Am Sonntag jährt sich der Amoklauf eines bewaffneten Mannes im Kantonsrat Zug zum 25. Mal. Der reformierte Pfarrer Andreas Haas kümmerte sich damals vor Ort um die Überlebenden. Die Folgen des Attentats beschäftigten ihn viele Jahre lang.
Der Angriff auf das Kantonsparlament 2001 hat viele Menschen in Zug traumatisiert. Noch immer gedenken sie am Jahrestag des Attentats öffentlich der Opfer. (Bild: Urs Flüeler/ Keystone).

«Als ich am 27. September 2001 von dem Angriff auf den Kantonsrat hörte, ging ich gleich hin. Mein reformierter Kollege kam auch. Der Kanton Zug hatte damals noch kein Care Team – es wurde erst unter dem Eindruck dieses Tages geschaffen. Wir wussten eigentlich gar nicht, was wir tun sollten. Doch die Zusammenarbeit mit der Sanität und der Polizei funktionierte einfach. Wir funktionierten einfach. Jetzt im Rückblick würde ich sagen: ‹Wir waren geführt.›

In Absprache mit der Polizei kümmerten wir uns um die Menschen am Tatort. Ich war bei den überlebenden Kantonsrätinnen und Kantonsräten in einem Nebengebäude. Dort erlebte ich, wie wichtig es in einer solchen Situation war, dass die Betroffenen einer Katastrophe einen sicheren Rückzugsort hatten. Dort störte sie niemand und sie konnten sich ohne Einfluss von aussen miteinander austauschen.

Das Attentat von Zug

Am 27. September 2001 drang ein stadtbekannter Querulant in das Parlamentsgebäude von Zug ein. Er war schwer bewaffnet und gab innerhalb von zweieinhalb Minuten über 90 Schüsse ab.

Drei Regierungsräte und elf Kantonsräte wurden bei der Attacke getötet. Der Angreifer nahm sich im Ratssaal das Leben.

Das Attentat von Zug war das erste dieser Art in der Schweiz. In der Folge richteten viele Kantonsparlamente verschärfte Zugangskontrollen mit Metalldetektoren ein. (dst)

Für den Abend organisierte ich mit einem katholischen Kollegen eine ökumenische Gedenkfeier. Bis heute ist mir in Erinnerung geblieben, wie viele Menschen daran teilnahmen, um ihre Solidarität zu zeigen und dass sie das Leid der Betroffenen mittragen. Diese Atmosphäre war in jenen Tagen in der ganzen Stadt Zug spürbar.

In den kommenden Jahren betreute ich viele Betroffene und Angehörige seelsorgerlich. Manche konnten gut mit dem Erlebten umgehen, andere hatten lange Mühe. Immer am Jahrestag kommen die Erinnerungen, Ängste und die Trauer wieder hoch. Es war so ein grosser Schock und ein Ereignis, das man letztlich nie ganz verarbeiten kann.

Zur Person

Andreas Haas ist reformierter Gemeindepfarrer in Zug. Er ist ausserdem engagiert in der CityKircheZug und ist Stiftungsratspräsident von Hospiz Zentralschweiz. Bis vor einigen Jahren war er Seelsorger in einer psychiatrischen Klinik.

Haas interessiert sich für viele verschiedene Formen von Spiritualität. Er hat die Arbeit nepalesischer Schamanen und jene von indischen Yogis kennengelernt, ausserdem ist er Zen-Schüler – die japanische Kunst der Achtsamkeit und Meditation. (dst)

Das zeigt sich auch am ökumenischen Gedenkgottesdienst. Wir führten ihn jedes Jahr in Zusammenarbeit mit dem Zuger Regierungsrat durch. Die Abmachung war, dass wir ihn so lange anbieten würden, wie die Menschen daran teilnehmen. Ich selbst habe ihn zwanzigmal durchgeführt und in den letzten Jahren besuchte ich ihn als Teilnehmer. Das Bedürfnis ist immer noch gross. Auch für mich ist das Attentat immer noch sehr präsent.

Ich kann nicht sagen, ob ich damals selbst unter Schock stand. Es gab gar keine Gelegenheit, darüber nachzudenken. Aber den ganzen Tag über funktionierte ich einfach, ich war nur im Moment präsent. Die Gedenkfeier damals wurde vom Schweizer Fernsehen aufgezeichnet. Als ich die Aufnahme später zuhause anschaute, war es merkwürdig: Ich sah mir dabei zu, wie ich den Gottesdienst feierte. Aber ich konnte mich an nichts erinnern. Dabei hatte ich zusammen mit meinem katholischen Kollegen den Ablauf genau geplant.»

Literatur zum Thema: Barbara Schmutz: Das Attentat von Zug. 20 Jahre danach. Pro Libro Luzern, Cham 2021, 180 Seiten, 38.90 Franken

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