Brandkatastrophe in Crans-Montana
«Das Care Team richtet sich nach den Bedürfnissen der Menschen»
Frau Moser, am frühen Morgen des 1. Januar brach ein Feuer in einer Bar in Crans-Montana aus, das zu einem der grössten Unglücke der Schweizer Geschichte führte. Wann wurden die Care-Teams aufgeboten?
Am Neujahrstag haben sich die Leiterinnen und Leiter der Care Teams schon sehr früh vernetzt. Wir suchten nach Informationen und bereiteten uns vor, bevor das Aufgebot kam. Das Care Team Kanton Bern war nicht direkt betroffen. Doch als Organisation in einem zweisprachigen Kanton pflegen wir den Kontakt mit Care Teams aus der Romandie. Das Care Team Kanton Bern war schon früh involviert, aber nur als unterstützende Organisation.
Ihre Hilfe wurde gebraucht. Wie viele Mitglieder des Berner Care Teams reisten ins Wallis?
Noch am 1. Januar fragte ich unter den Mitgliedern, wer am Einsatz teilnehmen könne. Am 2. Januar fuhren neun Personen nach Crans-Montana, um an diesem Tag die Kolleginnen und Kollegen der anderen Care Teams vor Ort zu unterstützen. Darunter befanden sich Menschen mit einem Master in Psychologie oder Theologie sowie Pflegefachpersonen. Sie haben alle eine Zusatzausbildung absolviert, um im Care Team zu arbeiten.
Nach dem einen Tag war der Einsatz zu Ende?
Am Abend des 2. Januar war er vorläufig abgeschlossen. Aber wir haben weiterhin unsere Unterstützung angeboten. Am vergangenen Samstag wurde klar, dass die Betreuung bis Mittwochabend gewährleistet sein sollte. Wir haben den Mittwoch übernommen und sieben Personen nach Crans-Montana geschickt.
Wie muss man sich den Einsatz vorstellen?
Es gibt einen zentralen Betreuungsort, der den Betroffenen bekannt ist. Dort ist das Care Team präsent und die Menschen suchen ihn auf. Es hatte Ersthelfer darunter, die noch unter dem Eindruck der Erlebnisse der Neujahrsnacht standen. Manche plagten Zweifel, ob sie richtig gehandelt hatten. Überlebende kamen ebenso wie Kollegen und Eltern von Verletzten oder Vermissten. Beim ersten Kontakt fragte das Care Team nach den Bedürfnissen der Besuchenden und richtete sich danach. Manche brauchten Ruhe und Beistand, andere wollten erzählen. Manche kamen einmal vorbei, andere immer wieder. Der Betreuungsort ist ein geschützter Raum.
Und der Zugang zu Hilfe scheint niederschwellig zu sein.
Das ist ganz wichtig. Es handelt sich nicht um Patienten, sondern um Menschen, die mit einem Bedürfnis zu uns kommen. Wir versuchen ihnen auch zu zeigen, wie sie mit der Situation umgehen können. Es ist gut, wenn sie realisieren, dass sie das tun dürfen, was ihnen guttut.
Der Einsatz verlangt sicherlich viel von den Mitgliedern der Care Teams. Wie können sie das Erlebte verarbeiten?
Das Care Team Kanton Bern hat den Vorteil, dass die Mitglieder viel Einsatzerfahrung haben. Sie wissen, was auf sie zukommt, und sie können sich sehr gut vorbereiten. Dazu gehört auch, dass sie gemeinsam als Team nach Crans-Montana gereist sind. Sie spüren, dass sie nicht allein dort sind. Während des Einsatzes können sie sich Zeit für sich herausnehmen. Ist ein Gespräch abgeschlossen, gehen manche kurz an die frische Luft, andere holen sich einen Kaffee. Dann erst machen sie weiter nach dem Motto: «Ich mache, was ich kann, und gebe, was ich kann.» Es gibt jeweils gemeinsame Essenszeiten für das Team und es fährt zusammen nach Hause. Jedes Mitglied schreibt einen Bericht über den Einsatz und später treffen wir uns, um zu besprechen, was einen noch beschäftigt.
In den letzten Tagen ist das Milizsystem der Schweiz in die Kritik geraten. Verschiedene Vorwürfe gegen den Gemeinderat von Crans-Montana stehen im Raum. Das Care Team Kanton Bern ist auch eine Milizorganisation. Wie reagieren Sie auf die Diskussion?
«Miliz» ist die Bezeichnung für eine Organisationsform. Das Care Team ist auch so organisiert, aber wir haben bewusst Fachleute nach Crans-Montana geschickt, die genau wissen, was sie tun. Wichtig ist, dass die Organisation und die Vorbereitung professionell durchgeführt werden. Wir haben als Care Team einen starken Rückhalt durch den Kanton Bern. Deshalb sind wir so gut aufgestellt.