Brandkatastrophe in Crans-Montana
«Viele Trauernde haben das Gefühl, ihr Schmerz werde zu wenig wahrgenommen»
Frau Niederhauser, Sie waren zum Zeitpunkt des Unglücks in Indien. Wie haben Sie davon erfahren?
Ich habe über die Nachrichten davon erfahren. Auch in Indien war die Katastrophe präsent. Ein Fahrer sprach mich darauf an und drückte mir spontan sein Mitgefühl aus. Kurz vor meiner Rückreise in die Schweiz habe ich zudem die Trauerfeier online mitverfolgt.
Wie haben Sie diese Zeremonie erlebt?
Ich empfand sie als stimmig und sorgfältig gestaltet. Es war wichtig, dass man gemeinsam innehielt und der Stille Raum gab. Damit brachte man zum Ausdruck, dass es Dinge gibt, die wir nicht kontrollieren können. Besonders berührend fand ich die Botschaft an die Jugendlichen, im Angesicht der Vergänglichkeit ihr Leben zu leben.
Wie wichtig ist ein solches kollektives Gedenken für die Hinterbliebenen?
Es ist ausserordentlich wichtig. Viele Trauernde haben das Gefühl, ihr Schmerz werde zu wenig wahrgenommen. Wenn eine ganze Nation diesen Verlust anerkennt, kann das tröstlich sein und das Gefühl vermitteln, nicht allein zu sein.
Was hilft Angehörigen in der ersten Zeit nach einem solchen Unglück?
Am Anfang ist die Welt einfach nur aus den Fugen, alles ist chaotisch und überwältigend. Wichtig sind Bezugspersonen, mit denen man reden kann. Das können Familienangehörige oder Freunde sein, die für einen da sind, egal ob man gerade sehr traurig ist oder wütend. Hilfreich ist auch praktische Unterstützung im Alltag, etwa beim Einkaufen oder Spazierengehen mit dem Hund. Daneben brauchen Trauernde viel Zeit, um überhaupt zu realisieren, was passiert ist.
Wie verarbeiten Menschen den Verlust später?
Das ist sehr individuell und hängt von den jeweiligen Erfahrungen ab. Die Coping-Strategien können sehr unterschiedlich sein. Nicht jeder verarbeitet Trauer durch Reden, manchen helfen andere Tätigkeiten wie Sport oder Wandern. Wir Menschen haben eine erstaunliche Fähigkeit, auch Schweres zu überstehen. Das Unglück wird das Leben der Betroffenen prägen, es muss aber nicht zwangsläufig zu Langzeit-Schädigungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen kommen.
Anja Niederhauser ist Psychologin, Theologin und Autorin. Im von ihr gegründeten Zürcher Trauerinstitut berät und begleitet sie Menschen, die trauern. Derzeit arbeitet sie 80 Pozent als Stationspsychologin in der Privatklinik Meiringen (BE). Niederhauser verfasste unter anderem einen «Trauerknigge».
Was kann das Umfeld konkret tun?
Für die Hinterbliebenen da sein. Und nicht nach drei Monaten denken, jetzt müsse alles wieder gut sein. Leider passiert das oft. Für viele Betroffene ist auch wichtig zu verstehen, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Nicht, weil es dann weniger schmerzt, sondern weil es ein Schritt in der Verarbeitung ist.
Besonders betroffen sind auch Jugendliche, die Freundinnen oder Freunde verloren haben. Wie gehen sie damit um?
Für Teenager ist das Kollektiv sehr wichtig, der Austauch untereinander hilft ihnen. Oft geben gemeinsame Rituale Halt, etwa ein jährliches Gedenken oder das bewusste Erinnern an den Geburtstagen der Verstorbenen. Alles, was einen roten Faden in eine Geschichte des Chaos bringt, kann entlastend empfunden werden.
Manche Jugendliche berichten von Schuldgefühlen gegenüber den Verstorbenen. Was hat es mit dieser «Überlebensschuld» auf sich?
Der Begriff wurde ursprünglich im Zusammenhang mit Holocaust-Überlebenden geprägt. Solche Schuldgefühle gehören zur Trauer dazu und sind bei Ereignissen solcher Gewaltsamkeit besonders ausgeprägt. Die Betroffenen fragen sich, warum gerade sie überlebt haben und die anderen nicht. Oder ob sie zu wenig geholfen haben. Meist hat das nichts mit einer realen Schuld zu tun. Es ist ein Versuch, im Nachhinein Kontrolle über etwas Unkontrollierbares zu erlangen. Viele kommen aus diesem Gedankenkarussell ohne Hilfe kaum heraus.
Hilft auch der Austausch unter Betroffenen?
Ja, das kann helfen. Menschen in derselben Situation können am besten nachvollziehen, wie es ist, ein Kind zu verlieren. Sie erfahren dabei auch, dass es normal ist, sich in dieser Situation so zu fühlen.
Welche Narben hinterlassen Katastrophen wie in Crans-Montana im kollektiven Gedächtnis?
Solche Unglücksfälle prägen ein Land. Um so wichtiger ist es, dass man regelmässig daran erinnert. Im Kanton Zug gibt es noch heute einen jährlichen Gedenkanlass, der an das Attentat von 2001 erinnert. Man muss über die nationalen Traumata reden, Vermeiden wäre eine schlechte Strategie.