Israel

Palästinensische Pfarrerin blickt mit Skepsis und ein wenig Hoffnung auf die Wahl

Am 27. Oktober wählt Israel ein neues Parlament – der Ausgang der Wahl wird ebenso über das Schicksal von Millionen Palästinensern bestimmen. Dazu gehört auch Sally Azar, die erste palästinensische Pfarrerin in Jerusalem. Wie schaut die Christin auf die Zukunft des Heiligen Landes?
Sally Azar hofft, dass sich die Lage im Nahen Osten nach der Wahl verbessern wird. (Bild: Laura Hülsemann)

Neben den jungen, hip gekleideten Israelis, die sich auf der Dachterrasse des Muslala-Cafes in Jerusalem tummeln, fällt Sally Azar kaum auf. Nur das goldene Kreuz, das um ihren Hals baumelt, verrät, dass die 30-Jährige anders ist. Als der Kellner sie auf Hebräisch anspricht, antwortet Azar auf Englisch. Manchmal sei es von Vorteil, dass sie die Sprache kaum spreche, sagt die junge Frau. «Dann verstehe ich nicht, wenn sie mich beleidigen.»

Sally Azar bewegt sich auf beiden Seiten des Nahostkonflikts, zwischen den Welten. Als erste palästinensische Pfarrerin in Jerusalem musste sie sich gegen die Skepsis der teils männlich dominierten Gesellschaft durchsetzen. Als Christin und als Palästinenserin ist sie dem Hass radikaler, nationalreligiöser Juden ausgesetzt. Die 30-Jährige bleibt trotz aller deprimierenden Entwicklungen im Heiligen Land jedoch hoffnungsvoll, dass sich die Lage nach der Parlamentswahl in Israel am 27. Oktober wenigstens ein bisschen verbessern könnte.

Christen geraten in Jerusalem unter Druck

Für Sally Azar und andere christliche Würdenträger wird der Alltag in Jerusalem immer unerträglicher. Spuckattacken und Beleidigungen durch nationalreligiöse oder radikale ultraorthodoxe Juden gehörten laut dem Rossing Center im vergangenen Jahr zu den am meisten dokumentierten Angriffen auf Christen in der Heiligen Stadt. Seitdem die am weitesten rechts stehende Regierung in Israels Geschichte an die Macht gekommen ist, steigen die Angriffe auf Christen in Jerusalem jährlich. Waren es 2023 noch etwa 90 Fälle, kletterte die Zahl 2024 bereits auf 111 und erreichte 2025 den bisherigen Höchststand von 155 Taten.

Für Christinnen und Christen gestaltet sich das Leben in Jerusalem immer schwieriger. (Bild: Laura Hülsemann)

«Es ist nichts Neues, dass sie uns Christen angreifen», sagt Azar. Doch in den vergangenen Jahren sei es schlimmer geworden: «Ich traue mich nicht immer, mit meinem Kollarhemd durch die jüdischen Quartiere zu gehen.» Die Angst ist nicht unberechtigt. Nationalreligiöse Juden greifen meist Christen an, die aufgrund ihrer Kleidung oder Symbole erkennbar sind. Im April wurde beispielsweise eine Nonne von einem jüdischen Mann zu Boden gestossen — das Video sorgte international für Schockwellen (ref.ch berichtete).

Aus Sicht der Pastorin Sally Azar liegt die Schuld für diese Entwicklung auch an der Politik von rechtsextremen, israelischen Regierungsmitgliedern wie etwa Itamar Ben-Gvir. Der amtierende Polizeiminister forderte, dass jüdische Extremisten nach Angriffen auf Christen nicht verhaftet und bestraft werden sollen — die Polizei solle diese lediglich belehren. Sally Azar hofft, dass zumindest diese besonders radikalen Minister nach dem 27. Oktober keine Regierungsverantwortung mehr tragen werden.

Die erste palästinensische Pfarrerin auf dem Ölberg

Am Sonntagvormittag sitzt Sally Azar in ihrer weissen Robe auf den Treppenstufen zum Altar. Ihre Gemeindemitglieder sind auf den Ölberg gekommen, um das Erntedankfest in der Himmelfahrtskirche in Ostjerusalem zu feiern. Gerade einmal rund 60 Menschen haben sich in dem Gotteshaus versammelt. Neben Azar ist ein Gedeck aufgebaut. Äpfel, Bananen und Süsskartoffeln liegen auf einer seidig schimmernden Tischdecke. Ein Mädchen bleibt einige Meter vor der Erhöhung stehen. Azar ermutigt das kleine Kind, näher zu kommen. Schliesslich traut es sich — und übergibt Azar den Obstkorb für das Erntedankfest.

Das Erntedankfest wird überschattet von der Situation der palästinensischen Bauern. (Bild: Laura Hülsemann)

Für Azar stand immer fest, dass auch Frauen Pfarrerinnen werden können. «Ich habe nie darüber nachgedacht», erinnert sie sich an ihre Jugend. Aufgrund dieser Überzeugung hat sie einen Rekord gebrochen: Mit gerade einmal 26 Jahren wurde sie als erste palästinensische Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land ordiniert.

«Ich muss mich die ganze Zeit beweisen», sagt die Pfarrerin drei Jahre später. Denn in der teils noch männlich geprägten palästinensischen Gesellschaft wurde Azar auch mit Vorurteilen konfrontiert. Die 30-Jährige erinnert sich an ihre frühere Arbeit in der Kirche in Beit Sahour im Westjordanland. Dort wollten einige Gemeindemitglieder nicht, dass sie bei einer Beerdigung allein die Zeremonie leitete. «Es musste zusätzlich ein männlicher Pfarrer anwesend sein».

Kein frohes Erntedankfest

Nach der Predigt am Sonntagvormittag nimmt Sally Azar schnell die Robe ab. Ein Stockwerk weiter oben wartet die Gemeinde auf sie. Das Essen muss gesegnet werden, ruft jemand in die Kirche hinein. Sally Azar hastet die Treppenstufen empor, oben stehen bereits Dutzende Menschen mit Tellern vor einem gedeckten Tisch mit geschmortem Gemüse, Eintopf, Hummus und Salat — ein Festessen, um für die diesjährige Ernte zu danken.

Nur wenige Kilometer weiter östlich von Jerusalem, ist die Ernte für viele palästinensische Bauern eine Herausforderung. Regelmässig verhindern radikale, israelische Siedler oder Israels Armee den Zugang zu den Olivenhainen. Siedler legen zudem Feuer oder töten teils sogar Palästinenser, die auf ihren Feldern arbeiten wollen. Dieses Jahr starben dabei laut dem palästinensischen Gesundheitsministerium mindestens vier Menschen, während mehr als 100 verletzt wurden.

Im besetzten Westjordanland werden Olivenbauern zur Zielscheibe von radikalen israelischen Siedlern. (Bild: Laura Hülsemann)

Sally Azar hat selbst Familie im Westjordanland und fährt etwa einmal die Woche in das von Israel besetzte Gebiet. Für Azar trägt die jetzige Regierungskoalition Mitschuld an den Gewalttaten von Siedlern — denn sie stünde hinter den radikalen Israelis im Westjordanland. «Deswegen gibt es auch mehr Attacken und diese werden nicht bestraft.»

Zwar wäre eine Regierung ohne den jetzigen Premierminister Benjamin Netanjahu, Polizeiminister Ben-Gvir, und Finanzminister Bezalel Smotrich besser für das Westjordanland, findet Azar. Aber die junge Priesterin hält es für unwahrscheinlich, dass eine neue Regierung die Siedlungspolitik für illegal erklären wird.

Sally Azars Hoffnung bleibt

Ebenso wird sich die Situation der Christen in Jerusalem wahrscheinlich nicht umgehend verbessern, wenn die Regierung wechselt. «In Jerusalem muss man sich seinen Platz die ganze Zeit erkämpfen», sagt Sally Azar. Doch zumindest dürften die anti-christlichen Straftaten mit einem anderen Polizeiminister wieder ernsthafter verfolgt werden.

Die Konflikte im Heiligen Land scheinen derzeit eher zuzunehmen — daran wird kurzfristig wahrscheinlich auch die israelische Wahl am 27.10. nichts ändern. Dennoch ist Konfrontation nicht vorgezeichnet. Gerade Sally Azars Lebensgeschichte als erste palästinensische Pfarrerin zeigt: Einzelne können entgegen aller Wahrscheinlichkeiten etwas erreichen, was lange als unmöglich galt.

Daher bleibt die junge Pfarrerin trotz allem hoffnungsvoll, dass sich in Jerusalem und im Westjordanland noch etwas zum Besseren ändere. Wie diese Verbesserung aussehen könnte, weiss aber auch Sally Azar beim besten Willen nicht.

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