Israel
Angespuckt und beschimpft – Jerusalems Christen unter Druck
Das Wichtigste in Kürze
Warum fühlen sich viele Christen in Jerusalem zunehmend unter Druck?
Christliche Kirchen und Organisationen berichten von einer Zunahme von Übergriffen auf Christen in Jerusalem. Laut einer Studie des Rossing Center wurden 2025 insgesamt 155 Vorfälle registriert – darunter körperliche Angriffe, Sachbeschädigungen und verbale Belästigungen. Christliche Vertreter kritisieren, dass viele Vorfälle von den Behörden nicht konsequent verfolgt werden.
Wer wird für die Angriffe verantwortlich gemacht?
Die Vorfälle werden vor allem einer kleinen Gruppe junger ultraorthodoxer Männer zugeschrieben. Besonders Priester, Nonnen und Mönche geraten ins Visier, da sie durch ihre Kleidung und religiösen Symbole leicht als Christen erkennbar sind.
Wie reagiert die israelische Gesellschaft auf die Spannungen?
Die Mehrheit der israelischen Bevölkerung unterstützt laut Rossing Center die Religionsfreiheit. Rund 70 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich von christlichen Symbolen nicht gestört fühlen.
Es ist ein verstörendes Video, das in Jerusalem aufgenommen wurde. Eine Person ist von hinten zu sehen, die man an ihrer Kleidung als Nonne erkennt. Sie geht offenbar durch eine Art Fussgängerzone. Plötzlich rennt ein Mann ins Bild. Er läuft von hinten auf die Nonne zu und schubst sie wuchtig um. Die Frau prallt vornüber aufs Pflaster und der Mann rennt aus dem Bild.
Nikodemus Schnabel, der Abt der deutschsprachigen Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg in Jerusalem, sagte kürzlich zu einem deutschen Fernsehsender, dieser Angriff sei kein Einzelfall (ref.ch berichtete). Seit der israelischen Regierung Politiker der extremen nationalen Rechten angehörten, sei «etwas gekippt».
Aggressionen gegen Menschen, die als Christen erkennbar sind, ereignen sich in Jerusalem seit Jahren. In einem Interview mit ref.ch von 2023 sagte die evangelisch-lutherische Pfarrerin Sally Azar: «Es gibt viele Einschränkungen, wir sind nicht frei, wie wir unser Christentum leben.» Seit Beginn des Jahres 2023 hätten die Christen Angriffe von israelischen Nationalisten erlebt.
Pfarrerin: Regierung lässt Übergriffe zu
«Es hört nicht auf», sagte Azar damals, «an die Mauern einer Kirche im armenischen Viertel wurde <Tod den Christen> geschrieben.» Die neue Regierung lasse die Übergriffe zu. Ministerpräsident Netanjahu musste 2022 eine Koalition mit Parteien eingehen, die ultraorthodox und rechts-national orientiert sind, um eine Regierung bilden zu können. Azar äusserte sich besorgt über die Zukunft der Christen in Israel.
Heute sagt Abt Schnabel, wenn man als Christ erkennbar in Jerusalem auf die Strasse gehe, sei nicht die Frage, ob man angepöbelt werde, sondern wie häufig. Das ist nicht nur ein Gefühl, es lässt sich auch mit Zahlen belegen.
Studie: 155 Vorfälle im Jahr 2025
Das Jerusalemer Rossing Center für Bildung and Dialog bezeichnet sich selbst als interreligiöse Organisation, die für Frieden sorgen will. In regelmässigen Abständen untersucht sie das Zusammenleben der Menschen verschiedener Religionen in Jerusalem. Für 2025 hat das Rossing Center 155 Vorfälle erhoben, die christliche Menschen oder Einrichtungen betroffen haben. In der Bilanz stehen 61 körperliche Angriffe, 52 Angriffe auf kirchliche Gebäude und Einrichtungen, 28 Fälle von verbaler Belästigung sowie 14 Beschädigungen von christlichen Symbolen oder Schildern.
Besonders betroffen von Attacken, schreibt das Rossing Center, seien Priester, Nonnen und Mönche, weil sie durch Kleidung und Kreuze leicht dem christlichen Glauben zuzuordnen seien.
Die häufigste Form des Übergriffs ist laut der Studie das Anspucken von Geistlichen oder Kirchen. Sei es früher eher verstohlen geschehen, finde es zunehmend offen statt. Kirchen und christliche Orte würden durch Graffiti, Steinwürfe, Brandstiftung oder Müllablagerungen beschädigt.
Als Folge davon hat das Rossing Center ausgemacht, dass sich Christen besonders in Jerusalem zunehmend unerwünscht fühlen. Viele hätten resigniert und zeigten Übergriffe nicht mehr an, weil diese von Polizei und Strafbehörden nicht verfolgt würden, heisst es. Gerade junge Christinnen und Christen würden eine Auswanderung in Betracht ziehen.
Mehrheit der Israeli ist für Religionsfreiheit
In einer weiteren Studie hat das Rossing Center die Haltung der jüdischen gegenüber der christlichen Bevölkerung zum Gegenstand gemacht. Eine der Erkenntnisse ist, je jünger und religiöser die Befragten waren, umso ablehnender sind sie den Christen gegenüber. Sie sehen im Christentum unter anderem eine Form des «Götzendienstes» und haben den Verdacht, die Christen würden in Israel missionieren.
Dabei handelt es sich jedoch um eine Minderheitsmeinung, laut Rossing Center. Denn 70 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich von christlichen Symbolen nicht gestört fühlten und sie die Religionsfreiheit unterstützten.
Laut den Untersuchungen handelt es sich offenbar um eine kleine Gruppe, die den Christinnen und Christen vor allem in Jerusalem das Leben schwer macht. Dabei handle es sich um junge ultraorthodoxe Männer. Bei den Übergriffen sprechen die Autoren von dem «Squeeze and Smash»-Prinzip. Schwerwiegende Vorfälle fallen dabei in die Kategorie «Smash». Unter «Squeeze» ordnen die Autorinnen Beschimpfungen oder Anspucken ein und schreiben: «Gerade die kleinen Vorfälle erzeigen ein Klima der Einschüchterung.»
Lukas Kundert: Täterschaft ist einkreisbar
Lukas Kundert, Kirchenratspräsident in Basel Stadt und Israelkenner, hat viele Bekannte in Israel. Er besucht das Land regelmässig. Auf Anfrage von ref.ch sagt er, von seinen Kontakten habe er noch nichts gehört von zunehmenden Übergriffen. Doch aufgrund der Erkenntnisse der Studie und eigenen Erfahrungen von früheren Israelreisen sagt er: «Die Täterschaft gegen Christen ist einkreisbar.»
Kundert erzählt, wie er einmal eine Gruppe von Touristen in Jerusalem begleitete. Sie seien nach Mea Shearim gegangen, einem bekannten ultraorthodoxen Viertel. «Dort hat man nicht freundlich auf uns reagiert», erinnert er sich. Doch das habe man im Vorfeld bereits erwartet und Kundert sagt: «Wir hätten da auch nicht durchgehen müssen.» Es gäbe in Israel Gruppierungen, die starke Antipathien hätten.