Proteste im Iran

«Zum Iran ist fast nichts zu hören»

Politik und Gesellschaft im Westen reagieren verhalten angesichts der Massaker im Iran und auch von den Kirchen ist nicht viel zu hören. Dabei gehen die Menschenrechtsverletzungen auch uns etwas an, sagen zwei Pfarrerinnen.
Demonstrierende in Zürich halten ein Bild des Obersten Führers des Iran, Ali Chamenei, mit Teufelshörnern in die Höhe. (Michael Buholzer / Keystone)

Das Regime im Iran reagiert auf Proteste mit brutaler Härte. Während der bislang grössten Protestwelle vor drei Jahren kamen Schätzungen zufolge Hunderte Menschen ums Leben. Im Januar dieses Jahres jedoch erreichte die Gewalt nochmals eine neue Dimension. Menschenrechtsorganisationen berichten von Tausenden Toten. Laut dem «Time-Magazin» sollen allein am 8. und 9. Januar rund 30’000 Menschen von iranischen Sicherheitskräften und den Revolutionsgarden getötet worden sein.

Videos und Bilder, die trotz Internetsperre nach aussen drangen, zeigen Scharfschützen, die auf fliehende Demonstranten schiessen, sowie Hallen, in denen Menschen zwischen Leichensäcken nach Angehörigen suchen.

Trotz einzelner Forderungen von Menschenrechtsorganisationen und politischen Parteien an den Bundesrat, endlich zu handeln, blieb es in der Schweiz weitgehend still. Auch von kirchlichen Akteuren ist wenig zu hören. Weder die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) noch die Schweizer Bischofskonferenz haben bislang offiziell zu den Protesten Stellung bezogen.

Proteste zu Gaza, Schweigen zum Iran

Zu den wenigen kirchlichen Stimmen, die sich zum Blutvergiessen im Iran geäussert haben, gehört Verena Sollberger. Die Luzerner Pfarrerin hat den Iran mehrfach bereist und steht bis heute im Austausch mit Exil-Iranerinnen und -Iranern. In einer Kolumne in der «Luzerner Zeitung» forderte sie dazu auf, angesichts der Ereignisse nicht zu schweigen.

Von der Schweizer Politik wünscht sich Sollberger eine klare Botschaft an das Regime in Teheran. So wäre es aus ihrer Sicht zu begrüssen, wenn die Revolutionsgarden – analog zur EU – auch in der Schweiz auf die Terrorliste gesetzt würden. «Es macht mich wütend, wenn man im Namen der Neutralität darauf verzichtet, Partei zu ergreifen», sagt sie.

Sollberger erwartet jedoch auch mehr von den Kirchen. «Zum Krieg im Gazastreifen haben die Kirchen in der Schweiz ihre Stimme erhoben, aber zum Iran ist fast nichts zu hören», sagt sie. Dabei werde die Bevölkerung dort seit Jahren massiv unterdrückt. «Ich finde es nicht richtig, dass man einen Unterschied macht, denn Menschen sind Menschen. Unser Auftrag als Kirche ist es, auf der Seite der Schwachen zu stehen.»

«Es geht um die Menschenwürde»

Auch die Pfarrerin und «Wort zum Sonntag»-Sprecherin Stina Schwarzenbach hat in ihrer letzten Sendung dazu aufgefordert, angesichts der Menschenrechtsverletzungen im Iran nicht zu schweigen. Die Brutalität, mit der die Regierung gegen die eigene Bevölkerung vorgeht, macht sie betroffen. «Besonders schockiert hat mich, wie schnell das Thema nach der Niederschlagung der Proteste in der Versenkung verschwunden ist», sagt sie.

Die verhaltene Reaktion in den westlichen Ländern kann sie sich nur schwer erklären. «Vielleicht ist der Iran für viele Menschen einfach zu weit weg, oder das Thema bewegt sie nicht so stark, weil es sich um ein islamisches Land handelt», vermutet Schwarzenbach.

Umso mehr ist sie der Meinung, dass sich die Kirchen stärker einbringen sollten. Es gehe nicht um einen Krieg zwischen zwei Ländern oder um einen Bürgerkrieg, in dem sich verschiedene Guerillatruppen bekämpften. «Im Iran ist es die Bevölkerung, die sich zur Wehr setzt, aus eigenem Antrieb, und sie wird von der eigenen Regierung niedergemetzelt. Da geht es schlicht um Menschenwürde, und das geht auch die Kirchen etwas an», sagt Schwarzenbach.

Bei der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) heisst es auf Anfrage, man verfolge die Lage im Iran aufmerksam und teile die «international geäusserten menschenrechtlichen Bedenken». Öffentlich Stellung beziehe die EKS jedoch nur zu Ländern, in denen sie selbst tätig sei oder über kirchliche Partnerschaften verfüge. «Wir halten an unserem Grundsatz fest, uns nur dann öffentlich zu äussern, wenn wir eine theologisch und menschenrechtlich fundierte, glaubwürdige Position einnehmen können, die auf konkreter Erfahrung unserer Partnerkirchen oder Organisationen vor Ort basiert.»

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