Proteste im Iran

«Der Terror wird noch mehr Menschen in die Opposition treiben»

Maryam Alipour* hat die Repression im Iran am eigenen Leib erfahren. Die Lage in ihrer Heimat schildert sie dramatisch. Von der Schweiz erwartet die Exil-Iranerin ein klares Bekenntnis gegen das Regime.
Auch in Zürich gingen Menschen auf die Strasse, um gegen die Gewalt im Iran zu protestieren. (Bild: Michael Buholzer/ Keystone)

«Täglich und stündlich warte ich auf die Nachricht, dass das Regime im Iran gestürzt ist. Das ist mein grösster Wunsch. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Proteste im Iran. Doch diesmal ist es etwas anderes. Die Regierung ist mit unvorstellbarer Brutalität vorgegangen. Zugleich ist sie geschwächt und hat in der Bevölkerung kaum noch Rückhalt. Wie lange sie sich noch halten kann, weiss allerdings niemand.

Die letzten Tage und Wochen waren schlimm. Ich kann kaum schlafen und bin ständig am Handy, um Neues zu erfahren. Das Internet im Iran ist weiterhin gesperrt. Es gibt jedoch Berichte von Augenzeugen, die das Land verlassen haben, und vereinzelt dringen Nachrichten über Starlink nach aussen. Die Regierung hat einen regelrechten Massenmord angerichtet. Eine Bekannte von mir schrieb: «In den Strassen riecht es nach Blut».

Ich sorge mich um meine Familie. Meine Mutter lebt in Rascht im Norden des Iran, wo ich aufgewachsen bin. Zuletzt hatte ich Anfang Januar Kontakt mit ihr. Sie erzählte, dass sie auf dem Weg zum Markt Angst gehabt habe, verhaftet zu werden, weil überall in den Strassen Revolutionsgarden standen.

Später erfuhr ich, dass es auch in Rascht zu einem Gemetzel gekommen war. Revolutionsgarden schossen in eine Menschenmenge, die sich beim Rathaus zu einer Demonstration versammelt hatte. Darunter waren Alte, Gebrechliche und Eltern mit Kinderwagen. Als die Menschen auf den Basar flohen, steckten die Revolutionsgarden die Geschäfte in Brand. Den Schutzsuchenden blieb nur die Wahl, entweder lebendig zu verbrennen oder auf der Flucht erschossen zu werden. Am nächsten Tag fuhren die Behörden Lastwagen auf, um die Leichen wie Abfall zu entsorgen. Familien haben ihre toten Kinder im eigenen Garten begraben.

Ich bin entsetzt darüber, dass in meiner Heimatstadt so etwas passieren konnte. Obwohl ich aus eigener Erfahrung weiss, wozu die Regierung in der Lage ist. Bevor ich vor acht Jahren in die Schweiz kam, war ich im Iran selbst inhaftiert. Ich wurde 20 Tage festgehalten, nachdem ich an einer Demonstration das brutale Vorgehen der Revolutionsgarde gefilmt hatte. Als ich vorübergehend auf Kaution freikam, nutzte ich den Moment, um mich ins Ausland abzusetzen.

Derzeit haben sich die Demonstranten zurückgezogen. Doch in den Städten ist weiter der Ruf «Tod für Chamenei» zu hören. Ich habe Videos gesehen, die zeigen, wie die Menschen auf der Strasse kontrolliert werden. Nach 17 Uhr darf niemand mehr das Haus verlassen. Es gibt Berichte, wonach Ärzten und Krankenschwestern in Spitälern verboten wird, verletzte Demonstranten zu behandeln.

Sehr viele Familien haben mindestens einen Toten zu beklagen oder haben Angehörige, die inhaftiert sind. Schon seit langem ist die Unzufriedenheit im Land gross: Die Wirtschaft liegt am Boden. Viele Menschen haben mehrere Jobs, um zu überleben. Selbst zum Einkaufen von Lebensmitteln reicht das Geld oft nicht aus. Es gibt Supermärkte, die Joghurt auf Raten verkaufen. All dies wird immer mehr Menschen in die Opposition treiben.

Jetzt ist die Zeit gekommen, alles offen zu benennen. Aber die Menschen im Iran brauchen die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft. Von der Schweiz erwarte ich, dass sie die EU-Sanktionen übernimmt und die Revolutionsgarde als Terrororganisation einstuft. Bisher hat die Schweiz zu wenig getan. Vergessen wir nicht: Demokratie ist ein globales Gut.»

*Der Name der Protagonistin wurde zu deren Schutz von der Redaktion verfremdet.

Aufgezeichnet von Heimito Nollé.

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