Haus der Religionen
Dialog mit Defizit
Wer das «Haus der Religionen» in Bern betritt, riecht Räucherstäbchen, Weihrauch – und den Duft von frisch gekochtem Curry. Jeden Mittag kocht ein hinduistischer Priester. Religion ist hier nicht nur Gedanke und Gebet, sondern auch Geruch.
Wer durch die Gänge und Räume geht, merkt schnell: Das Haus ist mehr Werkstatt als Museum. Zwar ist es an diesem Mittwochnachmittag ruhig, aber in der Moschee beten Muslime, aus dem Shiva-Tempel dringen Gesänge.
In der ökumenischen Kirche mit den bunten äthiopisch-orthodoxen Ikonostasen arbeitet Johannes Klemm, Pfarrer der Herrnhuter. Einige der acht beteiligten Religionsgemeinschaften sind interkonfessionell aufgestellt, etwa die Buddhisten, aber auch die Christen. Acht Gemeinden teilen sich die Kirche. «Das erfordert ein bisschen Planung, funktioniert aber erstaunlich spannungsfrei», sagt Klemm. Das liege daran, dass sich hier dialogoffene statt fundamentalistische Gläubige engagierten.
Konflikte seien meist alltäglicher Natur und erinnerten an die klassischen Probleme in einer WG, sagt Geschäftsführerin Laila Sheikh während des Rundgangs. Störende Gerüche, lärmende Kinder während der Gebetszeit, verschmutzte Tische, das kommt alles vor. «Da müssen sich die Gemeinschaften organisieren und die Konflikte untereinander lösen.»
Das «angstlose Labor» steht unter Druck
Gleichzeitig versteht Sheikh das Haus als «angstloses Labor». Ein Ort, an dem man ungeniert Fragen stellen dürfe, sagt die ehemalige Diplomatin, die als Tochter eines Pakistaners und einer Schweizerin im freiburgischen Seislerland direkt neben der katholischen Kirche aufgewachsen ist.
Sie nennt zum Beispiel die Zusammenarbeit mit der Polizeischule Ostschweiz. Alle Aspirantinnen und Aspiranten verbringen im Rahmen ihrer Ausbildung einen Tag im «Haus der Religionen». Sie erfahren etwa, welche religiösen Normen bei der Überbringung einer Todesnachricht zu beachten sind. «Und umgekehrt ist die Polizei für viele Menschen hier negativ besetzt. Einige machen so zum ersten Mal eine positive, unbefangene Erfahrung.»
Aber dieses «angstlose Labor» steht unter Druck. Nicht weil die Nachfrage fehlen würde – Sheikh spricht von jährlich um die 100‘000 Besuchenden – sondern des Geldes wegen.
«Die Finanzen sind ein grosses Thema», antwortet Sheikh auf die Frage, was sie aktuell besonders beschäftigt. Das Haus startet normalerweise mit einem prognostizierten Defizit. In den letzten Jahren lag es bei rund 300‘000 Franken, wie ein Blick in die Buchhaltung zeigt. Das zwinge die Stiftung zu Fundraising für einzelne Projekte, während parallel dazu Betrieb, Bildungsangebote und Veranstaltungen laufen.
2024, als das Haus zehn Jahre Betrieb feierte, resultierte auch in der Jahresrechnung ein Defizit von 300‘000 Franken. Die Reserven sind mittlerweile aufgebraucht. 2025 wurde die Ausgabendisziplin erhöht, quartalsweise wird ein Controlling durchgeführt, Investitionen werden teilweise aufgeschoben.
Sheikh spricht von einem Spagat: Auf der einen Seite sehe sie ein enormes Wachstumspotenzial. Die Nachfrage sei «viel grösser als das, was wir momentan abdecken können». Die Bandbreite an Interessenten reicht von Schulklassen über Seniorengruppen bis hin zu ausländischen Delegationen, die das einzigartige Projekt besuchen.
Gleichzeitig sei das Haus mit seinen jährlichen Ausgaben von rund 1,5 Millionen Franken seit Bezug Ende 2014 strukturell unterfinanziert. «Die Betriebskosten waren nie vollständig gedeckt», sagt Sheikh. In den nächsten Jahren soll das Fundraising professionalisiert werden, um so die Einnahmen zu erhöhen.
Bei «Religion» blocken viele ab
Die Institution finanziert sich etwa zur Hälfte über Mitglieder, Spenden, Miet- und Gastroeinnahmen. Die andere Hälfte wird von Stiftungen und der öffentlichen Hand gedeckt. Etwa von der Stadt Bern, die jährlich 300‘000 Franken an Kulturgeldern spricht. Auch die Landeskirchen beteiligen sich finanziell. Wesentlich sei der Beitrag der Reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn mit 120‘000 Franken pro Jahr. Die katholische Kirche Bern hat den jährlichen Beitrag von diesem Jahr an von 30‘000 auf 50‘000 Franken erhöht.
Das ist ein Hoffnungsschimmer in einer schwierigen Situation. Stiftungen investierten vor allem zu Beginn und projektbasiert. Eine betriebliche Finanzierung, für das Fundament der Organisation, sei hingegen weniger attraktiv. Langsam komme es aber zu einem Umdenken.
Das Ringen um mehr staatliche Unterstützung ist kompliziert. Ein Antrag für kantonale Gelder war Ende 2024 im Kantonsparlament knapp gescheitert. Sheikh kann die Zurückhaltung nachvollziehen. Beim Stichwort «Religion» seien die Fronten rasch verhärtet. «Ich glaube, heute würde man dem Haus wohl einen anderen Namen geben.»
Aktuell laufen in Bern politische Diskussionen um die Zukunft der Kirchensteuern. Eine Minderheit der zuständigen parlamentarischen Kommission will auch Nicht-anerkannten Religionsgemeinschaften Gelder aus den Unternehmens-Kirchensteuern zukommen lassen. Davon könnte das «Haus der Religionen» profitieren. Das Gesetz dürfte aber erst in ein paar Jahren in Kraft treten. Gelder aus dem Ausland anzunehmen, sei kein Thema, sagt Geschäftsführerin Sheikh. «Auch wenn einzelne unserer Gemeinschaften ihre Herkunft pflegen, wollen sie nicht in eine finanzielle Abhängigkeit geraten.»
Alltagstauglicher und ungezwungener
Sheikh wünscht sich, dass das Haus seine Wirkung stärker erzählen kann – mit konkreten Geschichten statt abstrakten Begriffen wie «soziale Kohäsion». Sie sieht einen Nachholbedarf in Kommunikation und Präsenz, gerade online. Die Sichtbarkeit soll auch durch Kooperationen erhöht werden, etwa mit Kulturfestivals oder einer engeren Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule. Grosses Potential sieht Sheikh in jungen Menschen, die in mehreren Kulturen aufwachsen. «Oft wird das negativ gedeutet, dabei können sie gut zwischen den Welten vermitteln.» Dazu wolle man ein Projekt lancieren, um einerseits einen Dialog zwischen den Generationen zu führen, andererseits über die Religionsgemeinschaften hinaus.
Beim interreligiösen Dialog will Sheikh stärker auf das gemeinsame Tun fokussieren. Praktische Lebensfragen sollen ins Zentrum rücken. Etwa wie man mit unterschiedlichen Vorstellungen zu Bestattung oder Seelsorge umgeht. Auch der Skandal um die Zwangsheirat in der hauseigenen Moschee habe die Religionsgemeinschaften für dieses Thema sensibilisiert. «Es ist längst nicht nur ein Thema, das die Muslime betrifft», sagt Sheikh.
Theologische Dialoge scheinen hingegen weniger nachgefragt. Sheikh will den Dialog also alltagstauglicher machen und auf mehr ungezwungene Begegnungen setzen. Über eine allfällige Auslagerung der defizitären Gastronomie – ein Herzstück des Hauses – wird vom Vorstand demnächst entschieden.
Mit Blick auf das wachsende Quartier rund um den Europaplatz – geplant sind ein Hochschulcampus, neue Genossenschaftsbauten und ein neuer S-Bahnhof – sieht die Geschäftsführerin weitere Chancen für die Institution. «Das Gebiet wird sich enorm verändern.» Das Haus wolle dabei ein Ort bleiben, an dem religiöse Vielfalt im Alltag erprobt wird. «Wir können keine politischen Konflikte lösen», sagt Laila Sheikh. «Aber wir können den Boden bereiten, damit Menschen einander zuhören.»